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Donnerstag, 27.07.2017
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Geldscheine „verraten“ Seuchenausbreitung

Universelle Gesetzmäßigkeiten im Reiseverhalten des Menschen aufgedeckt

Wie breiten sich Seuchen aus? Diese für die Bekämpfung beispielsweise der Vogelgrippe entscheidende Frage haben Wissenschaftler jetzt mit einem ungewöhnlichem Mittel erforscht: Sie nutzten Geldscheine als „Marker“ und analysierten ihren Weg durch die Welt. Dabei entdeckten sie universelle Gesetzmäßigkeiten im Reiseverhalten des Menschen, die einen signifikanten Durchbruch für die mathematische Modellierung der Seuchenausbreitung bedeuten. Sie berichten darüber in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Nature.
Die Bewegung von Geldnoten in den USA als Modell des Reiseverhaltens.

Die Bewegung von Geldnoten in den USA als Modell des Reiseverhaltens.

Die wachsende Mobilität der Menschen ist die zentrale Ursache für die geographische Ausbreitung moderner Seuchen. Bakterien und Viren können über große Strecken transportiert und an andere Personen weitergegeben werden. Um die Ausbreitung von Epidemien vorherzusagen, muss man daher die statistischen Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Reiseverhaltens kennen, was angesichts einer drohenden Grippepandemie von großer Bedeutung ist. Jedoch erweisen sich quantitative Untersuchungen als extrem schwierig, da sich Menschen über kleine und große Strecken mit Hilfe verschiedenster Verkehrsmittel (Auto, Bahn, Flugzeug, etc.) bewegen.

Geldscheine als Marker


Mit einem verblüffenden Trick ist es jetzt Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, der Universität Göttingen und der University of California Santa Barbara gelungen, dieses Reiseverhalten zu bestimmen. Sie hatten die Idee, umfangreiche Daten einer amerikanischen Internetseite auszuwerten, auf der Benutzer zum Spaß den momentanen Ort eines Geldscheins registrieren und seinen weiteren Weg verfolgen können. Diese Geldnoten werden ähnlich wie Krankheitserreger durch Menschen von Ort zu Ort transportiert.

D. Brockmann, L. Hufnagel und T. Geisel, theoretische Physiker des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation, der Universität Göttingen und der University of California Santa Barbara analysierten Daten eines amerikanischen Bill-Tracking Internetspiels. Die Idee dieses Spiels ist denkbar einfach: Eine große Anzahl von Geldnoten wird markiert und in Umlauf gebracht. Bekommt man eine markierte Geldnote, so kann man sich online registrieren, in einem Bericht seinen momentanen Aufenthaltsort angeben und die Dollarnote wieder in Umlauf bringen. Diese Internetseite ist mittlerweile so populär, dass schon rund 50 Millionen individuelle Geldscheine registriert sind.


"Wir haben erkannt", so Dirk Brockmann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, "dass wir durch die enorme Datenfülle und die hohe geographische und zeitliche Auflösung des Bill-Trackings genaue Rückschlüsse auf die statistischen Eigenschaften des Reiseverhaltens ziehen können, und zwar unabhängig von den benutzten Verkehrsmitteln. Wir hofften auf diesem Weg indirekt und mit hoher Präzision die typischen Eigenschaften des Reiseverhaltens zu ermitteln".

Universelle Skalierungsgesetze im Reiseverhalten entdeckt


Diese Hoffnung hat sich mehr als bestätigt. Die Wissenschaftler entdeckten in den Bewegungsdaten universelle Skalierungsgesetze, die dem menschlichen Reiseverhalten zugrunde liegen. Ähnliche Skalierungsgesetze kennt man aus anderen physikalischen und biologischen Systemen, wie turbulenten Strömungen und chaotischen Systemen. "Das Besondere an diesen Skalierungsgesetzen ist die Tatsache, dass sie durch nur zwei universelle Parameter festgelegt sind. Dieses Ergebnis hat uns alle überrascht.", erklärt Lars Hufnagel von der University of California, Santa Barbara.

Bis heute basieren zahlreiche Modelle zur geographischen Ausbreitung von Seuchen auf der Annahme, dass sich Krankheitserreger geographisch diffusiv ausbreiten, ähnlich feinster Staubpartikel auf einer Wasseroberfläche. Diese Standardmodelle konnten zwar sehr erfolgreich die wellenförmige Ausbreitung historischer Pandemien beschreiben. Die Untersuchungen der Göttinger Wissenschaftler belegen nun eindeutig, dass diese Standardmodelle für die Ausbreitung moderner Seuchen nicht mehr anwendbar sind. "Die Konsequenz unserer Untersuchungen ist, dass zur Beschreibung der geographischen Ausbreitung moderner Seuchen neuartige theoretische Konzepte entwickelt werden müssen", folgert Dirk Brockmann.

Rückschluss auf Ausbreitungswege von Seuchen


Auf der Basis dieser Analyse konnten die Physiker eine mathematische Theorie des menschlichen Reiseverhaltens aufstellen, deren Vorhersagen mit den gemessen Skalierungsgesetzen in einem Entfernungsbereich von einigen Kilometern bis einigen tausend Kilometern genau übereinstimmt. Da für viele Krankheitserreger die Mechanismen der Ansteckung von Mensch zu Mensch bereits gut verstanden sind, können nun mit Hilfe der neuen Theorie erstmals konkrete Modelle untersucht werden, mit denen die globale Seuchenausbreitung realistisch berechnet und beschrieben werden kann. "Wir sind optimistisch, dass dies die Vorhersage der geographischen Ausbreitung von Epidemien entscheidend verbessern wird", sagt Professor Theo Geisel, Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation.
(MPG, 26.01.2006 - NPO)
 
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