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Dienstag, 12.12.2017
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Pieks statt Pille: Akupunktur wirkt gegen Kopfschmerz

Aber: Kaum Unterschied zwischen „echter“ und Scheinakupunktur

Akupunktur wirkt gegen Spannungskopfschmerz und Migräne mindestens ebenso gut wie die schulmedizinische Standardtherapie. Das ist das zentrale Ergebnis einer großen deutschen Kopfschmerz-Studie. Allerdings: Auch die Scheinakupunktur, das Stechen an unwirksamen Punkten, half.

Volkskrankheit Kopfschmerz


Kopfschmerzen sind verbreitet: 20 bis 30 Prozent der Gesamtbevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens einen Spannungskopfschmerz, der mehrmals wöchentlich auftritt. Etwa sechs bis acht Prozent aller Männer und zwölf bis 14 Prozent aller Frauen leiden unter Migräne. Von den rund 3,7 Milliarden Schmerzmitteldosen, die jährlich in Deutschland konsumiert werden, werden bis zu 80 Prozent gegen Kopfschmerzen eingenommen.

Akupunktur

Akupunktur

Angesichts dieses Problems setzen viele Patienten gern auf alternative Heilmethoden wie die Akupunktur. "Etwa ein Drittel aller Patienten, die eine Schmerzklinik aufsuchen, sind mit Akupunktur vorbehandelt. Keine andere Methode hat eine so universelle Verbreitung. Daher ist es besonders wichtig, den wirklichen Nutzen einer solchen Methode genau zu untersuchen", so Prof. Dr. Michael Zenz, Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerztherapie des Klinikums der Ruhr- Universität Bochum. Diesen Anspruch erfüllte gerac, die weltweit größte Studie zur Wirksamkeit der Akupunktur gegen chronische Schmerzen.

Scheinakupunktur und „echte“ Akupunktur im Vergleich


An den „German Acupuncture Trials“ nahmen 1.369 Patienten mit chronischem Spannungskopfschmerz oder Migräne teil. Die Teilnehmer wurden per Zufall einer von drei Gruppen zugeordnet: Die einen wurden nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) akupunktiert („Verum-Akupunktur“), die zweite Gruppe erhielt eine Schein-Akupunktur an unwirksamen Punkten („Sham-Akupunktur“), die dritte Gruppe die übliche Standardtherapie mit Medikamenten. Die Akupunkturbehandlung umfasste zehn bzw. 15 Sitzungen binnen sechs bzw. zwölf Wochen, die Standardtherapie dauerte sechs Monate. In dieser Zeit wurden fünf Telefoninterviews geführt.


Auch „falsches“ Stechen wirkt


Das Ergebnis: Bei beiden Kopfschmerzformen war keine signifikante Überlegenheit der Verum-Akupunktur gegenüber der Sham-Akupunktur nachweisbar. "Die Akupunktur stellt beim chronischen Kopfschmerz eine effektive und risikoarme Ergänzung des therapeutischen Konzepts dar, was ihre Anwendung im Rahmen der schmerztherapeutischen Behandlung rechtfertigt. Allerdings ist eine Scheinakupunktur fast genau so wirksam wie eine klassische chinesische Akupunktur", zog Diener Bilanz. Die Akupunktur-Patienten waren durchweg zufriedener mit der Behandlung als medikamentös behandelte Patienten.

In der Standardtherapiegruppe brachen sogar so viele Patienten die Studie vorzeitig ab, weil sie nicht länger Medikamente nehmen wollten, dass diese Versuche vorzeitig abgebrochen werden mussten. Zum Vergleich mit der schulmedizinischen Standardtherapie waren die Experten wegen des Abbruchs der Standardtherapie-Gruppe daher auf Vergleiche mit anderen Studien zur Medikamentenwirksamkeit angewiesen. "Hieran zeigt sich, dass Alternativen zur dauerhaften Medikamenteneinnahme wirklich notwendig sind", so Hans-Joachim Trampisch, Professor für Medizinische Informatik und Biometrie an der Ruhr-Universität Bochum.

Spannungskopfschmerz: Nadeln genauso gut wie Medikamente


Die Akupunktur erwies sich als wirkungsvolles Mittel gegen
Spannungskopfschmerzen: Die Anzahl der Tage mit Kopfschmerzen hatte sich bei Patienten mit Spannungskopfschmerz nach sechs Monaten um 61,5 Prozent gegenüber dem Stand vor der Behandlung. In der Sham- Akupunkturgruppe sank die Anzahl der Tage mit Kopfschmerzen um 49,9 Prozent bis zum Sechs-Monats-Interview. In der Verum-Gruppe verringerte sich die Anzahl der Kopfschmerztage bei 33 Prozent um mehr als die Hälfte, in der Sham-Gruppe traf das auf 27 Prozent aller Teilnehmer zu. Damit ist das „Stechen“ genau so wirksam wie die klassische medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva.

Migräne: Nicht wirksamer aber angenehmer


Gegen Migräne hilft Akupunktur offenbar nicht besser, aber genauso gut wie die gängigen Migräne-Mittel: Die Anzahl der Migräne-Tage reduzierte sich in der Verum-Gruppe um durchschnittlich 2,3 Tage, in der Sham-Gruppe um 1,5 Tage. In der medikamentös behandelten Standard-Therapie-Gruppe lag die mittlere Reduktion der Migräne-Tage bei 2,1. "Überraschenderweise zeigte sich bei Migräne keine Überlegenheit der kontinuierlichen, sechsmonatigen medikamentösen Prophylaxetherapie über die nur sechswöchige Akupunkturtherapie", fasst Professor Hans-Christoph Diener vom Universitätsklinikum Essen zusammen.

Die Akupunktur wirkte offenbar noch ein halbes Jahr nach Ende der Behandlung mindestens ebenso gut wie die kontinuierliche Medikamenteneinahme. Beide Akupunktur-Gruppen waren mit der Behandlung zufriedener als die Standard-Therapie-Gruppe: 52 Prozent der Patienten in der Verum-Gruppe und 45 Prozent der Sham- Gruppe gaben der Behandlung abschließend die Schulnote 1 oder 2. In der Standard-Therapie-Gruppe bewerteten nur 34 Prozent der Patienten die Behandlung so gut.

Kostenübernahme durch die Kassen noch offen


Noch offen ist, wie der Gemeinsame Bundesausschuss über die Aufnahme der Akupunktur in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherungen entscheidet. "Die Studien zeigen, dass die Wirksamkeit der Akupunktur nicht als Placebowirkung abgetan werden kann.", so Dr. Bernhard Egger vom AOK-Bundesverband. Er betont, dass ein Lösung gefunden werden müsse, die die ärztlichen Leistungen angemessen vergütet, aber keine finanziellen Fehlanreize mit sich bringt: "Bei einer möglichen Aufnahme der Akupunktur in die Regelversorgung muss sichergestellt sein, dass Ärzte nicht aus finanziellen Gründen vorrangig Akupunktur anbieten statt der im Einzelfall vielleicht sinnvolleren Standardtherapien", so Dr. Egger. "Es bleibt auf jeden Fall spannend, welchen Stellenwert der Gemeinsame Bundesausschuss der Akupunktur beimessen wird."
(Ruhr-Universität Bochum, 17.11.2005 - NPO)
 
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