Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
„Haarige“ Schnecken haften besser
Funktion der Auswüchse von Haarschnecken enträtselt
Körper und Haus der meisten Schnecken sind glatt. Doch es gibt auch Ausnahmen: die so genannten „Haarschnecken. Sie tragen einen samtigen Überzug aus feinen Auswüchsen. Wozu diese gut sein könnten, haben jetzt Wissenschaftler untersucht.

Haarschnecke
Haarschnecke
© Universität Frankfurt
"Behaarte" Schneckenarten kommen überall auf der Welt in unterschiedlichen Familien der Landschnecken vor. Bei dem haarigen Aufwuchs handelt es sich um fädige Auswüchse der zähen Proteinschutzschicht (Conchiolin) des Schneckenhauses. Gebildet wird diese Schutzschicht vom Mantelgewebe der Schnecken bei der Erweiterung des Gehäuses am Rand der Öffnung. Je nach Dichte und Länge der Haare erscheinen die Tiere samtig bis pelzig.

Welche Funktion die "behaarten" Gehäuse haben, war den Forschern bisher allerdings ein Rätsel. "Die Bildung der Haare erfordert besondere Strategien und einen erheblich größeren Materialeinsatz als eine glatte Schale," erklärt der Frankfurter Zoologe Privatdozent Dr. Markus Pfenninger, "Eine haarige Schale stellt also einen ‚teuren’ Mehraufwand dar, der seinem Träger irgendeinen evolutiven Vorteil bringen sollte".

Stammesgeschichte als erster Schritt
Einen Hinweis auf des Rätsels Lösung gab die Beobachtung, dass die behaarten Arten vorzugsweise in feuchten Waldhabitaten vorkommen. Um sich zu vergewissern, dass dies kein Zufall ist, rekonstruierte die Forschergruppe um Pfenninger, an der auch Wissenschaftler aus Prag, Konstanz und Lausanne beteiligt sind, die Stammesgeschichte der Haarschneckengattung Trochulus. In dieser in Mitteleuropa verbreiteten Gattung gibt es sowohl behaarte als auch glatte Arten, was die Voraussetzung für eine solche Untersuchung ist. Sehr zuverlässig lässt sich die Stammesgeschichte durch den genetischen Vergleich von nukleären und mitochondrialen DNA-Sequenzen rekonstruieren.

Die Untersuchung hat gezeigt, dass die letzte gemeinsame Vorfahrenart aller Trochulus-Schnecken aller Wahrscheinlichkeit nach bereits Haare hatte und in einem feuchten Habitat lebte. Im Laufe der Evolution gingen dann diese Haare mindestens drei Mal unabhängig voneinander verloren und zwar jeweils beim Übergang zu trockenem Habitat. Das spricht dafür, dass die Haare in trockener Umgebung nicht gebraucht werden.

Haare als Hafthilfe
Wozu sind sie aber in feuchter Umgebung nützlich? 1999 hatte der russische Zoologe Suvorov vermutet, die Haare würden die Fortbewegung auf nassen Oberflächen erleichtern, indem sie den Wasserfilm vom Gehäuse fernhalten. Dass gerade das Gegenteil der Fall ist, konnten Pfenninger und seine Kollegen jetzt experimentell nachweisen.

"Die Haarschnecken der Gattung Trochulus gehen meistens bei sehr feuchtem Wetter auf Nahrungssuche," erklärt Pfenninger, "Sie bevorzugen krautige Pflanzen, wie zum Beispiel Huflattich, die dann mit einem Wasserfilm überzogen sind. Eine Schnecke, die sich auf solch schwankendem Grund ernährt, benötigt also jedes bisschen zusätzliche Haftung, die sie bekommen kann." Denn fiele die Schnecke von ihrer oft ein Meter über dem Boden schwebenden Futterquelle, würde es für sie einen immensen Energieverlust bedeuten, wieder hochzuklettern.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Schnecken, Biologie, Zoologie, Haus, Auswüchse, Trochulus, Hafthaare, FUnktion, STammesgeschichte, MOllusken
Weitere News zum Thema
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Einzigartige Lebenswelt an antarktischen Tiefsee-Quellen entdeckt (04.01.2012)
Forscher finden nie zuvor gesehene Tierarten an unterseeischen Schloten
Biochemischer Takt bestimmt optimalen Lernrhythmus (30.12.2011)
Abstimmung auf Enzymfreisetzung im Gehirn macht Trainingsablauf effektiver
Europa: Rote Liste wird länger (25.11.2011)
Naturerbe zeigt alarmierende Verlustzahlen
Erbgut-Verdoppelung machte Pflanze erfinderisch (21.11.2011)
Genom des Schneckenklees entschlüsselt
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Maskenball im Tierreich
Tarnen und Täuschen als Überlebensstrategie
Symmetrie
Geheimnisvolle Formensprache der Natur
News des Tages
Wald schrumpft weltweit
Naschen gegen den Stress?
Lernen aus historischen Katastrophen?
Hightech-Standort Europa akut gefährdet?
„Haarige“ Schnecken haften besser
Stutenmilch gegen Neurodermitis?
Molekulare „Viererbande“ löst Krebs aus
Bücher zum Thema
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Warum Elefanten große Ohren haben
Dem genialen Bauplan der Tiere auf der Spur von Chris Lavers
Das geheime Leben der Tiere
Ihre unglaublichen Fahigkeiten, Leistungen, Intelligenz und magischen Kräfte von Ernst Meckelburg
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes