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Donnerstag, 14.12.2017
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Bärinnen „verschleiern“ Vaterschaft

Viele Sexualpartner als Schutz des zukünftigen Nachwuchses

Weibliche Braunbären "treiben es" mit vielen Partnern - aber nicht aus Lust, sondern als Teil einer ausgeklügelten Strategie zum Schutz des zukünftigen Nachwuchses. Diese überraschende Erkenntnis ist das Ergebnis eines umfangreichen Projekts des Wissenschaftsfonds FWF, für das Bärenpopulationen in Skandinavien intensiv in freier Wildbahn beobachtet wurden. Die neuen Ergebnisse aus über zwanzig Jahren Forschung tragen zu einem besseren Verständnis dieser in Europa wieder heimisch werdenden Art bei.
Braunbären-Familie

Braunbären-Familie

Der Drang sich fortzupflanzen hat wenig mit Lust und viel mit Populationsbiologie zu tun. Denn jedes Individuum möchte "seine" Erbinformation in die nächste Generation hinüberretten und wählt oftmals dramatische Wege, um sich Vorteile zu verschaffen. So schrecken beispielsweise männliche Braunbären selbst vor dem Töten der Nachkommen anderer Väter nicht zurück. Ein Team des Departments für Integrative Biologie, Universität für Bodenkultur Wien, hat nun eine raffinierte Gegenstrategie der weiblichen Braunbären entdeckt: zahlreiche Kopulationen mit möglichst vielen Partnern.

Tod dem anderen Gen


Während der Paarungszeit von Mai bis Juli haben männliche Braunbären vor allem ein Ziel: möglichst viele Weibchen zu befruchten. Ein Hindernis dabei sind jene Weibchen, die auf Grund bereits vorhandener Jungen noch nicht wieder paarungsbereit sind. Männliche Braunbären haben dagegen ein einfaches wie radikales Mittel entwickelt. Die Nachkommen, so sie denn von einem anderen männlichen Bären abstammen, werden kurzerhand getötet und so die Mutter wieder empfängnisbereit gemacht.

Aus dieser instinktiven Vorgehensweise ergeben sich für den individuellen Braunbären gleich zwei Vorteile: Zum einen werden jene Jungbären eliminiert, die Gene eines anderen Vaters weitervererben würden, zum anderen kann das nun empfängnisbereite Weibchen mit den eigenen Erbanlagen befruchtet werden.


Für das weibliche Muttertier hat die Tötung des eigenen Wurfes einen bedeutenden Nachteil: Eine Generation mit ihren Erbanlagen geht verloren. Das Team der Universität für Bodenkultur konnte nun analysieren, dass in jenen Bärenpopulationen, wo diese Tötungen des Nachwuchses gehäuft auftraten, die Bärenweibchen eine Gegenstrategie entwickelt haben.

Schutz durch Promiskuität


Projektleiter Andreas Zedrosser erklärt: "Normalerweise paart sich ein Braunbärenweibchen nur mit einem Männchen. Das führt aber auch dazu, dass zahlreiche andere Männchen der Bärenpopulation den folgenden Nachwuchs nicht als eigenen ansehen und eventuell umbringen. Anders ist es, wenn die Braunbärin mit vielen Männchen kopuliert - dann glauben später alle, sie seien der Vater, und lassen den Wurf in Ruhe. Tatsächlich haben 54 Prozent der während des Projekts beobachteten Bärenmütter diese Strategie angewendet."

Paart sich das Weibchen mit mehreren Männchen, ist keineswegs immer der erste Partner der biologische Vater. Vielmehr legt die Studie den Schluss nahe, dass Bärenweibchen die Möglichkeit haben, ihren Eisprung zu kontrollieren, und sich erst nach der Befruchtung für die Spermien eines bestimmten Partners entscheiden. Obwohl noch nicht geklärt ist, wie dies möglich ist, zeigen die Daten, dass bei der Wahl des Vaters insbesondere zwei Kriterien eine wichtige Rolle spielen: die Körpergröße und der Grad an Mischerbigkeit - also die Vielfalt der Erbinformation. Letztere erlaubt eine größere genetische Vielfalt innerhalb des Wurfes und damit bessere Überlebenschancen für die gesamte Population.

Diese überraschenden Erkenntnisse über die fein aufeinander abgestimmten Fortpflanzungs-Strategien wurden möglich durch umfangreiche Beobachtung von europäischen Braunbären in Skandinavien. Um das Verhalten der Bären zu studieren, wurden zwischen den Jahren 1984 und 2003 erwachsene Braunbären sowie Weibchen mit ihren Jungen eingefangen und mit Radiotransmittern ausgestattet. Die nun im Rahmen des FWF-Projekts ausgewerteten Daten leisten einen wichtigen Beitrag zum bisher kaum erforschten Paarungsverhalten von europäischen Braunbären, die auch in Österreich zunehmend wieder heimisch werden.
(Wissenschaftsfonds FWF/Universität für Bodenkultur Wien, 03.11.2005 - DLO)
 
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