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Sonntag, 14.03.2010
Frühwarnsysteme für pflanzliche Einwanderer
Europäisches Forschungsprojekt untersucht Ausbreitung des Riesenbärenklaus
Von weitem sehen die bis zu vier Meter hohen Pflanzen beeindruckend aus. Doch aus der Nähe betrachtet verliert der Riesenbärenklau schnell seine Faszination. Der äußerst aggressive Saft im Innern der Pflanze kann Verbrennungen dritten Grades verursachen. Seit dem 19. Jahrhundert als der Riesenbärenklau als Zierpflanze nach Mitteleuropa kam, hat er sich hierzulande invasionsartig vermehrt. Im Rahmen eines neuen EU-Projektes untersucht ein internationales Forscherteam jetzt die Ausbreitungsstrategien des Riesenbärenklaus. Ziel ist es biologische Invasionen besser zu verstehen und Gegenstrategien zu ermitteln. Die Forscher wollen aber auch Computermodelle entwickeln, mit denen sie die Ausbreitung von pflanzlichen Invasionen vorhersagen können.

Bärenklaukolonien in einem ehemaligen Militärgebiet
Bärenklaukolonien in einem ehemaligen Militärgebiet
© UFZ
Biologische Invasionen sind in den letzten Jahren zu einem weltweiten Problem geworden. Von einer Invasion sprechen die Wissenschaftler, wenn eingeführte Pflanzen oder Tiere sich so stark ausbreiten, dass der Mensch diesen Prozess nicht mehr kontrollieren kann. Zu einem gefährlichen Einwanderer in Mitteleuropa hat sich in den letzten Jahrzehnten beispielsweise der Riesenbärenklau entwickelt, der eigentlich aus dem Kauaksus stammt.

Nicht nur dem Menschen kann die riesige Pflanze durch ihren giftigen Saft schaden, auch die Pflanzenwelt hat unter der Ausbreitung des Bärenklaus zu leiden. Die großen Blätter sorgen für so viel Schatten, dass am Boden viele andere Pflanzen nicht mehr wachsen können. Die Folge: Nach dem Absterben des Riesenbärenklaus im Herbst bleiben große Flächen kahl und es kommt zur Erosion. In Großbritannien darf die Pflanze inzwischen schon nicht mehr gehandelt werden und auch in anderen Ländern wird über eine Gegenstrategie nachgedacht.

Vorhersagemodelle für Invasionen gefragt
Wie die Invasion des Bärenklaus abläuft, untersucht Nana Nehrbaß vom Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ). Die Wissenschaftlerin interessiert sich für die Faktoren, die eine Ausbreitung der Pflanze begünstigen oder hemmen. "Es zeichnen sich linearen Strukturen wie Flüsse oder Straßen als Hauptverbreitungsarten ab. Dort werden die Samen mit dem Wasser oder in den Reifen von Fahrzeugen transportiert", erzählt Nehrbaß. Ursprünglich war der Riesenbärenklau einmal als Zierpflanze oder Bienenweide gedacht. In Gebieten der ehemaligen Sowjetunion wurde sogar darüber nachgedacht, den Riesenbärenklau als Futterpflanze zu verwenden. Doch dazu erwies er sich schnell als ungeeignet. Am Computer wertet die Wissenschaftlerin Luftbilder aus. Die hellen Blüten sind aus der Luft gut erkennbar. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos entspricht jeder weiße Punkt einer blühenden Riesenbärenklau-Pflanze.

Zusammen mit tschechischen Kollegen untersucht sie so die Ausbreitung in einem ehemaligen Militärgebiet bei Marianske Lazne (Marienbad) im Westen der Tschechischen Republik in der Nähe der Grenze zu Bayern. Von Gebiet des Slavkovsky les (Kaiserwald) gibt es Luftfotos, die die Entwicklung während der letzten 50 Jahre dokumentieren. "Der Riesenbärenklau ist vergleichbar mit prominenten Invasionsarten überall auf der Welt", sagt Petr Pyšek vom Botanischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. "Er verfügt über ein außergewöhnliches Invasionspotential. Dazu kommt noch, dass es eine effiziente Vermehrung extrem erschwert, diese Art zu kontrollieren oder gar auszurotten." Allein eine Pflanze produziert etwa 20 000 Samen.

Riesenschäden durch Einwanderer
Ziel der Untersuchung sind Computermodelle, mit denen die Ausbreitung von Invasionsarten vorhergesagt werden kann. Bisher waren alle Ausbreitungssimulationen nur in einem groben Raster von 25x25 oder 10x10 Kilometern und deshalb sehr ungenau. Jetzt können auch lokale Faktoren wie Landnutzung oder Straßen mit berücksichtigt werden.

Das Bundesamt für Naturschutz schätzt den Schaden durch eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten auf mindestens 100 Millionen Euro pro Jahr allein in Deutschland. Durch Globalisierung und weltweiten Handel steigt die Gefahr, dass sich neue Pflanzen - so genannte Neophyten - hierzulande ausbreiten und die alten Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen. Deshalb wurde das europäische Forschungsprojekt GIANT ALIEN ins Leben gerufen. Denn nur wenn die Ausbreitungswege bekannt und vorhersagbar sind können wirksame Strategien entwickelt werden.

Bekämpfungsmittel umstritten
Das der Bärenklau zum Problem werden kann steht außer Frage. Doch wie soll er bekämpft werden? In Deutschland gibt es keine Meldepflicht und auch keine einheitliche Richtlinie. Ob und was getan wird hängt lediglich von lokalen Behörden, oder Naturschutzverbänden ab. Radikale Lösungen sehen das Abmähen und Ausgraben der Wurzeln vor - natürlich nur mit Schutzkleidung inklusive Handschuhen, Augen- und Mundschutz.

Nehrbaß schlägt eine viel einfachere Lösung vor, die in skandinavischen Ländern bereits Anwendung findet: "Ein Großteil des lokalen Ausbreitungspotential definiert sich über Brachflächen. Da wo viele Wiesen oder Äcker nicht genutzt werden kann sich der Riesenbärenklau gut ausbreiten. Das beste Bekämpfungsmittel ist also die landwirtschaftliche Nutzung oder alternativ eine Beweidung der Flächen" Mit Hilfe der Computermodelle hoffen die Wissenschaftler, künftig auch Prognosen für andere eingewanderte Arten erstellen zu können.
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