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Donnerstag, 21.09.2017
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Seevögel verlernen selbstständiges Jagen

Fischtrawler machen es Vögeln zu leicht

Selbst gefangener Fisch steht bei Seevögel immer seltener auf dem Speiseplan. Forscher der Universität Glasgow haben herausgefunden, dass die Vögel durch die „einfache“ Beute an Fischkuttern ihr Jagdverhalten ändern und sogar verlernen. Sollten die Fangquoten reduziert werden, könnte dies daher auch einen Rückgang der Seevogelpopulationen zur Folge haben.
Fischtrawler

Fischtrawler

Fischer machen mehr Beute, als ihnen bewusst ist. Denn ihre Fangmenge beeinflusst auch das Fressverhalten der Seevögel. So hat sich beispielsweise die Große Raubmöwe - auch Skua genannt – darauf eingestellt, einen Teil ihrer Nahrung direkt bei den Fischfangschiffen "abzuholen". Dort werden zu kleine oder unbrauchbare Fische als "Beifang" direkt ins Meer zurückgeworfen. Diese vom Menschen "servierten" Fische haben die Raubmöwen als leichte Beute ausgemacht und als festen Bestandteil auf ihren Speiseplan gesetzt. "Skuas sind Generalisten, sie fressen fast alles", erläutert Simone Pfeiffer vom Institut für Ökologie der Universität Jena. Die Großen Raubmöwen haben ihr Fressverhalten so an die langjährige Fischereipraxis angepasst, dass "selbst gefangener" Fisch und kleinere Seevögel nur noch die Nahrung aus dem Beifang ergänzen.

Wenn sich nun jedoch die Menge des menschlichen Fischfangs - und damit des Beifangs - verändert, hat dies auch Auswirkungen auf die Populationen der Seevögel. Dies konnte jetzt in einer internationalen Langzeitstudie nachgewiesen werden, die unter Federführung von Robert W. Furness von der Universität Glasgow lief.

Ausgangspunkt für den Artikel war der Vorschlag des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) vom 20. Oktober 2003, in der Nordsee vorübergehend den Kabeljau-Fang einzustellen. Der Rat wollte mit seiner Entscheidung natürlich den Fischbestand schützen und so in Zukunft weitere Fischerei möglich machen. Doch das Wissenschaftlerteam konnte aufgrund langjähriger Datensammlungen nachweisen, dass ein solches absolutes Fangverbot drastische Auswirkungen auf den Bestand mancher Seevogelarten haben wird.


Raubmöwen als Studiengrundlage


Denn die großen Vögel, wie die Skuas, weichen dann auf andere Nahrungsquellen wie kleinere Seevögel aus. "Wenn die Nahrung der Skuas nur um 5 % mehr Seevögel enthält, bedeutet dies, dass ca. 2.000 Dreizehenmöwen sterben müssen, die dann von den Skuas gefressen werden", macht es Ko-Autorin Pfeiffer an einem Beispiel deutlich. "Eine Seevogelgemeinschaft kann also durch das Fischereimanagement gestört werden", sagt die 29-jährige Jenaerin. Der absolute Schutz der Fische würde also den Rückgang anderer Tierarten nach sich ziehen. Um schützenswerte Vögel - zu denen z. B. auch Eissturmvogel, Papageientaucher und Trottellumme gehören - nicht mit Vorsatz auf den Speiseplan der Großen Raubmöwen zu pressen, sollten die Fischfangquoten nur langsam abgesenkt werden. "Eine Steuerung der Populationsgröße durch ein Verändern der Fangquote ist allerdings nicht möglich", ergänzt Pfeiffer, da zu viele Faktoren einen Einfluss ausüben. Die "Nature"-Studie kann aber einen direkten Bezug zwischen Beifangverfügbarkeit und Nutzung durch Skuas belegen.

Grundlage dafür sind die Langzeitbeobachtungen, die britische und ausländische Forscher von 1986 bis 2002 auf der Insel Foula betrieben. Auf dem westlichsten Eiland der Shetland-Inseln brüten ca. 2.500 Skua-Paare. Damit ist es die größte Skua-Population weltweit. "Es gibt nur wenige so gut untersuchte Populationen von Seevögeln", weiß Simone Pfeiffer. Die Mitarbeiterin der Jenaer Arbeitsgruppe Polar- und Ornitho-Ökologie hat dort, dank der guten Kontakte des Arbeitsgruppenleiters Hans-Ulrich Peter, 1998 für drei Monate im Rahmen ihrer Diplomarbeit den Einfluss von Umweltfaktoren auf den Bruterfolg bei Skuas untersucht. Teil der Arbeit war eine Sammlung und Analyse von "Gewöllen" der Skuas. Das ist der unverdaute Teil der Nahrung, den der Vogel regelmäßig wieder ausspuckt. Mit Hilfe der Gewölle konnte Pfeiffer die Zusammensetzung der Skua-Nahrung analysieren. Diese Daten flossen in den aktuellen Nature-Artikel ein und wurden von dem Wissenschaftlerteam in Bezug zum Beifang gesetzt.

"Nur dank solcher Langzeitstudien zur Populationsdynamik lassen sich die weitreichenden Beziehungen im marinen Nahrungsnetz und damit die unmittelbare Verbindung zum Menschen als Nutzer des Fischbestandes entschlüsseln", plädiert Pfeiffer für die Fortführung dieser intensiven Projekte. In ein solches ist die Jenaerin auch derzeit eingebunden. Sie promoviert in der Arbeitsgruppe von Peter über Auswirkungen menschlicher Aktivitäten in der Antarktis. Und auch hier lautet die These, dass der menschliche Einfluss wesentlich weitergeht, als uns meistens bewusst ist.
(idw - Friedrich-Schiller-Universität Jena, 19.02.2004 - AHE)
 
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