Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Mittwoch, 17.03.2010
Mit High-Tech in die Tiefsee
Forscher untersuchen wimmelndes Leben am Meeresboden des Nordatlantiks
Ein untermeerischer Schlammvulkan vor der Norwegischen Küste steht im Mittelpunkt einer neuen Forschungsexpedition, die am 13. September 2005 beginnt. Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung wollen am Håkon Mosby Mikroorganismen unter die Lupe nehmen, die das dort austretende Methan als Energiequelle nutzen. Auf der dreiwöchigen Reise des französischen Forschungsschiffes “L'Atalante“ in den Nordatlantik geht es aber auch darum, die Langzeitbeobachtung an einer Tiefseestation vor Spitzbergen fortzusetzen.

Victor 6000
Victor 6000
© AWI
Auf der Forschungsreise kommt modernste Tiefsee-Technologie zum Einsatz. Das unbemannte Tauchfahrzeug “Victor 6000“ ist rund viereinhalb Tonnen schwer, kann bis zu 6000 Meter tief tauchen und bleibt während der Tauchfahrt über ein Steuerungskabel mit dem Mutterschiff verbunden (ROV = Remotely Operated Vehicle). Der mit Kameras und Greifarmen ausgerüstete Tauchroboter wurde bereits mehrfach erfolgreich auf dem deutschen Forschungseisbrecher “Polarstern“ und der französischen “L¹Atalante“ eingesetzt.

Zusätzlich ist bei der jetzigen Expedition ein autonomes Tiefseefahrzeug (AUV = Autonomous Underwater Vehicle) des Alfred-Wegener-Instituts mit an Bord. Im Unterschied zu “Victor 6000“ hängt das AUV an keinem Kabel, sondern fährt selbstständig vorprogrammierte Kurse bis in Tiefen von 3000 Meter.

“Diese Kombination von ROV und AUV hat vor uns noch kein anderes deutsches Team realisiert“, erläutert Michael Klages, Fahrtleiter und Leiter der Sektion “Unterwasserfahrzeuge und Tiefsee-Technologie“ am Alfred-Wegener-Institut. “Die enge Kooperation mit unseren französischen Kollegen und Kolleginnen hat uns dazu verholfen, eine der Arbeitsgruppen in Deutschland zu sein, die nicht nur auf die meisten Taucheinsätze mit einem Tiefsee-ROV zurückblicken kann, sondern mit einer erreichten Tiefe von 5.550 Metern hier gewissermaßen auch einen Tiefenrekord hält.“

Wimmelndes Leben am Schlammvulkan
"Bakterien-Matten" am Meeresboden
© AWI
Als ersten Untersuchungsstandort läuft die “L'Atalante“ den in 1.250 Metern Tiefe aktiven Håkon Mosby Schlammvulkan vor der Küste Norwegens an. Aus dem 500 Meter großen Zentralkrater des Schlammvulkans entweicht das Treibhausgas Methan.

Das wissenschaftliche Interesse gilt den an der Austrittsstelle angesiedelten Mikroorganismen, die das Methan abbauen indem sie es als Energiequelle nutzen. Mit “Victor 6000“ sollen Bodenproben genommen, die darin lebenden Bakterien im Labor kultiviert und weiter untersucht werden.

Forschung im “Hausgarten“
Der zweite Anlaufpunkt der “L'Atalante“ ist die 1999 in Betrieb genommene Tiefseestation “Hausgarten“ an der Schnittstelle zwischen dem nördlichen Atlantik und dem arktischen Ozean in den Gewässern vor Spitzbergen. Über Experimente am Meeresboden und Langzeituntersuchungen wollen die Forscher den Gründen für die unerwartet hohe Artenvielfalt am Boden der Tiefsee auf die Spur kommen.

Erste Anzeichen einer Erwärmung in 2.500 Metern Tiefe deuten bereits darauf hin, dass sich der globale Klimawandel auch in der Tiefsee bemerkbar macht. Wie Tiefseeökosysteme hoher geographischer Breite auf die Erwärmung reagieren und wann ihre Belastungsgrenzen erreicht werden, sind offene Fragen, die es durch diese Langzeituntersuchungen ebenfalls zu klären gilt.

Internationales Forschungsprojekt HERMES
Die vom Alfred-Wegener-Institut und dem französischen Institut für Meeresforschung Ifremer organisierte Expedition setzt die erfolgreiche deutsch-französische Kooperation zwischen den beiden Forschungsinstituten fort und ist ein wichtiger Beitrag zu dem von der Europäischen Union geförderten Projekt HERMES (Hotspot Ecosystem Research at the Margins of European Seas). 45 Projektpartner aus 15 europäischen Ländern untersuchen die Artenvielfalt in verschiedenen Tiefseeregionen des europäischen Kontinentalrandes.

Auf der “L'Atalante“ sind neben dem Alfred-Wegener-Institut und dem Ifremer das Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie in Bremen und die Universität Gent vertreten.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Schlammvulkan, Tiefsee-Technologie, Victor, Tauchroboter, Håkon Mosby, Tiefsee-ROV, Mikroorganismen, Lebensgemeinschaften, Methan, HERMES
Weitere News zum Thema
Schlammvulkane in 3D (12.08.2009)
3-D-seismische Vermessung erlaubt neue Einblicke in den Meeresboden
Tiefsee-Observatorium geht Schlammvulkan auf den Grund (13.07.2009)
Expedition installiert Langzeitbeobachtungsstation am Haakon Mosby in der Barentssee
Schlammvulkane als Fenster in den Meeresboden (19.03.2008)
Expedition untersucht Aktivität von Giza und North Alex vor der Küste Ägyptens
Gasbohrung schuld an Schlammvulkan-Eruption? (01.08.2007)
Widersprüchliche Theorien zur Ursache der indonesischen Schlammkatastrophe
Polarstern unterwegs zu Kaltwasserkorallen (29.05.2007)
22. Arktis-Expedition nach Nordnorwegen und Spitzbergen gestartet
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Geheimnisvolle Tiefsee
Von Mythen, Monstern und Manganknollen
Forschen am "System Erde"
Die Geowissenschaften im Wandel
Brennendes Eis
Gashydrate - Energielieferanten der Zukunft
Black Smoker
Expedition zu den Geysiren der Tiefsee
Vulkanismus
Die brodelnde Gefahr
Geheimnisvolle Manganknollen
Rohstoffjagd in Neptuns Reich
Tiefbohrungen im Ozean
Spurensuche auf dem Grund der Meere
News des Tages
Hurrikans werden „transparenter“
Licht dirigiert Kunststoffe
Zwerg-Satellit spürt Tsunami-Schäden auf
Mehr Stammzellen durch Sport
Gentechnik auf dem Vormarsch
Mit High-Tech in die Tiefsee
Tausche Orang-Utan gegen Fernseher…
Bücher zum Thema
Deep Blue
Entdecke das Geheimnis der Ozeane
Reise in die Tiefsee
von Linda Pitkin
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Aus der Pionierzeit des Tauchens
von Hans Hass
Top-Clicks der Woche
1. Neue Belege für “Schneeball Erde”
2. Galaxien-Explosion stoppte junges Universum
3. Einsteins Relativitätstheorie auf kosmologischen Distanzen bestätigt
4. Gehirn liebt keine Überraschungen
5. Schlafende Sonne kein Klimaretter