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Plattenbauten: Vom „Energiefresser“ zum Energiesparer

Forscher stellen effektives Renovierungsmodell vor

Wissenschaftler der Universität Kassel haben ein Renovierungsmodell entwickelt, mit dem „Energiefresser“ in Plattenbauweise zu Super-Niedrigenergiehäusern umgebaut werden können. Ein erster Praxistest findet zurzeit an einem siebengeschossigen Plattenbau in der ungarischen Stadt Dunaújváros statt.
Plattenbau in Ungarn

Plattenbau in Ungarn

Im Pilotprojekt SOLANOVA wollen die Forscher zeigen, dass ihr Modell kostengünstig funktioniert. Sind die Kasseler Wissenschaftler erfolgreich, will die Europäische Union nach diesem Modell den Umbau ganzer Plattenbau-Siedlungen in den östlichen EU-Mitgliedern fördern. Damit könnte der Abriss energetisch nicht tragfähiger Wohnquartiere und damit die Zerschlagung gewachsener Sozialstrukturen in Zukunft verhindert werden. In Ungarn wäre beispielsweise fast ein Siebtel der Bevölkerung davon betroffen. Anwendung finden kann das Renovierungskonzept aber auch in Deutschland.

Plattenbauten verbrauchen doppelt so viel Energie


Mit etwa 25 Litern Heizöl je Quadratmeter und Jahr verbrauchen unrenovierte Plattenbauten in Mittel- und Osteuropa bis zu 50 Prozent mehr als durchschnittliche Gebäude in Deutschland. Grund: ihr enorm hoher Wärmeverlust. Hochmoderne Passivhäuser dagegen verlieren aufgrund ihrer exzellenten Dämmeigenschaften kaum Wärmeenergie. Allein passive Wärmequellen wie Sonne, Haushaltsgeräte und die Bewohner selbst temperieren die Räume angenehm. Bereits eine minimale Zusatzheizung genügt dann, um ein behagliches Raumklima zu schaffen.

Es ist möglich, Plattenbauten von "Energiefressern" mit Passivhaus-Technologie kostengünstig zu Super-Niedrigenergiehäusern umzubauen: Das will eine Forschergruppe um den Maschinenbauingenieur Hartmut Hübner vom Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung (WZIII) an der Universität Kassel demonstrieren. Das Demonstrationsprojekt trägt den Namen SOLANOVA. In der übersetzten Langform steht das englische Akronym für "Solar unterstützte, integrierte ökoeffiziente Renovierung von großen Wohngebäuden und Energieversorgungssystemen". Auf vier Jahre ist SOLANOVA insgesamt angelegt.


In den ersten zwei Jahren seit Januar 2003 haben die Forscher Sponsoren und Partner gewonnen und die vorhandene Passivhaus-Technologie aus Deutschland und Österreich auf die Plattenbau-Renovierung zugeschnitten. Herausgekommen ist ein innovatives Renovierungsmodell, denn bisher wurde Passivhaus-Technologie in erster Linie bei Neubauten angewendet. Der Einsatz bei einer Renovierung eines Plattenbaus ist absolutes Neuland.

Ziel: 80 Prozent geringerer Wärmeverlust


Um zu zeigen, dass ihr Modell praktisch funktioniert, renovieren die Kasseler Wissenschaftler einen siebengeschossigen Plattenbau in der ungarischen Stadt Dunaújváros, 70 Kilometer südlich von Budapest. Gerade haben die Bauarbeiten begonnen. Sie sollen noch bis Oktober dauern.

Insgesamt mit acht Partnern, darunter die Universität Budapest und lokale Unternehmen, will die Kasseler Forschergruppe den Heizenergieverbrauch des Hauses um mehr als 80 Prozent senken. "Für die ungarische Bautechnologie ein Sprung von 25 Jahren", so der SOLANOVA-Projektleiter Hartmut Hübner.

Renovieren oder Sprengen


Neben der ungarischen Regierung, der Stadt Dunaújváros, dem örtlichen Fernwärmeunternehmen und den Wohnungseigentümern, fördert die Europäische Union das Projekt mit einem der größten Finanzierungsanteile. SOLANOVA ist das erste und einzige Projekt dieser Art in den neuen EU-Staaten, das von der Europäischen Kommission gefördert wird. Das Demonstrationsprojekt ist für die EU ein zentraler Prüfstein. Denn das ungarische SOLANOVA-Haus ist typisch für die Plattenbauweise in den ehemaligen sozialistischen Staaten im östlichen Mitteleuropa.

Ist der Umbau erfolgreich, will die Kommission nach dem Kasseler Modell die Renovierung ausgedehnter Plattenbausiedlungen fördern. Für den entgegengesetzten Fall sprechen EU-Bedienstete intern von SOLANOVA als "Retrofit oder Dynamit" - können die Plattenbausiedlungen nicht energetisch fit gemacht werden, droht ihr Abriss. "Das hätte tiefe Einschnitte für die Bewohner in den Siedlungen da über Jahrzehnte gewachsene soziale Gemeinschaften in den Siedlungen auseinander gerissen werden würden", beschreibt Andreas Hermelink, SOLANOVA-Projektmanager, die Folgen einer solchen Entwicklung.

Wünsche der Bewohner berücksichtigt


Eine zentrale Rolle für den Erfolg von SOLANOVA spielt für die Kasseler Wissenschaftler die Akzeptanz der Passivhaus-Technologie durch die Bewohner. Die sollen das Konzept schließlich öffentlich unterstützen. Alles, woran sich die Bewohner gewöhnt haben und ihnen lieb ist, wird daher nicht verändert. So werden trotz der automatischen Zufuhr von erwärmter Frischluft alle Fenster in den Wohnungen zu öffnen sein und ihre gewohnte Größe behalten. Kleinere Fenster ohne Öffnungsmöglichkeit hätten zwar den Wärmeverlust weiter verringert. Die Bewohner hätten sich aber möglicherweise gegängelt geführt. "Wir wollen die Bewohner in ihren Vorstellungen von Wohnqualität auf keinen Fall beschneiden", unterstreicht Hermelink.

Demonstrieren wollen die Kasseler Wissenschaftler mit SOLANOVA auch das große Potential der Solartechnik in Verbindung mit Niedrigenergiehäusern. Am Gebäude angebrachte Solarkollektoren werden einen Großteil der benötigten Energie für Warmwasser bereitstellen.

"Daraus ergeben sich spannende Perspektiven. In Wohnquartieren mit Passivhäusern könnte die Energieversorgung beispielsweise von Gas auf Solar und Biomasse umgestellt werden", beschreibt Hermelink.
(idw - Universität Kassel, 10.08.2005 - DLO)
 
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