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Donnerstag, 19.10.2017
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Tiefsee-Qualle lockt mit Leuchtköder

Erster Fall von Biolomuniszenz zum Nahrungserwerb bei Wirbellosen

Wer angeln will, braucht den richtigen Köder. Diese Regel gilt offenbar auch für die Lebewesen der Tiefsee. Wissenschaftler haben jetzt eine Quallenverwandte entdeckt, die Fische mithilfe von rotleuchtenden Tentakeln anlockt. Dies ist der erste Fall einer als Köder eingesetzten Biolumineszenz bei Wirbellosen, wie die Forscher in der Zeitschrift Science berichten.
Leuchtende Siphonophore

Leuchtende Siphonophore

Rund 90 Prozent aller Tiefeseebewohner, so schätzen Forscher, nutzen die Biolumineszenz, sie leuchten. In vielen Fällen allerdings ist nicht bekannt, welchen Nutzen die Tiere daraus ziehen. Einige Quallenarten setzen das Leuchten als Verteidigung ein – sie strahlen, wenn sie gestört werden und beleuchten damit ihre Angreifer, die so zur leichten Beute für andere Räuber werden. Einige Tiefseefische besitzen zwar leuchtende Anhänge, die die wie Köder aussehen, bisher konnten Wissenschaftler aber noch nicht beobachten, dass sie diese tatsächlich zu diesem Zweck einsetzen.

Siphonophoren: Fragile Kettenkolonien


Wissenschaftler um Steven Haddock vom Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) untersuchen bereits seit Jahren leuchtende Siphonophoren, nahe Verwandte der auch bei uns heimischen Quallen. Im Gegensatz zu diesen bilden die Einzeltiere dieser Kolonien hierbei keine runden Kappen sondern bis zu Dutzende Meter lange Ketten. Nahezu alle Siphonophoren sind biolumineszent, aber wozu ist bislang kaum bekannt – unter anderem, weil die sehr empfindlichen Ketten schon bei leisester Störung auseinander brechen.

Haddock nutzte für seine Untersuchungen daher den ferngesteuerten Tauchroboter des Meeresforschungsinstituts, um die Siphonophoren in ihrem natürlichen Lebensraum, Tausende von Metern unter der Meeressoberfläche, ungestört beobachten zu können. Dabei entdeckte er im Verdauungstrakt einer Siphonophore der Gattung Erenna kleine Fische und ging der Frage nach, wie das Tier in der unwirtlichen Tiefe von 1.600 bis 2.300 Metern ausreichend Nahrungsfische fangen kann.


Rätselhafte Klümpchen als Schlüssel?


Bei Untersuchung von Erenna unter dem Mikroskop fand der Wissenschaftler zwischen den Nesselfäden der Qualle rätselhafte dünne stabähnliche Strukturen mit rotleuchtenden Klümpchen an der Spitze. Sollte hier der Schlüssel zum erfolgreichen Fischfang liegen? Weitere mikroskopische Untersuchungen enthüllten, dass diese roten Klümpchen so geformt waren, dass sie bestimmten, als Nahrungsquelle sehr beliebten Tiefseekrebsen sehr ähnelten.

Die Beobachtung der Siphonophoren unter Wasser zeigte, dass die Tiere ihre roten Leuchtköder tatsächlich so hin und her bewegten, dass sie schwimmenden Copepoden glichen. Im Magen von Erenna fanden sich neben den Fischen auch de roten Leuchtkörper – nach Ansicht von Haddock ein Indiz dafür, dass die Köder zusammen mit den auf sie hereingefallenen Fischen verschluckt worden waren.

Anpassung an extremen Lebensraum


Haddock sieht in diesen Leuchtködern eine Anpassung Erennas an die schwierigen Lebensbedingungen in ihrem Habitat. „Die meisten Siphonophoren werfen ein großes Netz von Tentakeln aus, um vorbeischwimmende Tiere zu fangen. Aber diese Qualle streckt seine Tentakel nicht sehr weit aus. In einer Umgebung, in der Fische selten sind, nutzt es stattdessen Täuschung, um sie anzulocken.“

Nach dieser Entdeckung untersuchten Haddock und seine Kollegen noch weitere Siphonophorenarten und fanden auch hier ähnliche Leuchtstrukturen. Offenbar hatten frühere Erkundungen diese Funktion der Leuchttentakel übersehen oder anders interpretiert. „Diese Entdeckung stellt einen Paradigmenwandel für uns dar - wir glaubten, die meisten Quellen nutzen Biolumineszenz nur zur Verteidigung. Aber nachdem wir dies gesehen haben, wird uns klar, dass das gleiche auch bei anderen Arten geschieht“, erklärt Haddock.

Die rotleuchtenden Tentakel von Erenna könnten die Wissenschaftler auch dazu zwingen, einen neuen Blick auf die rote Biolumineszenz zu werfen. Denn diese gilt als extrem selten im Tierreich. Bisher waren Meeresforscher zudem der Ansicht dass die meisten Tiefeseelebewesen rotes Licht überhaupt nicht wahrnehmen können. Die neuen Erkenntnisse werfen hier ein völlig neues Licht auf diese Annahme. Möglicherweise, so Haddock, können einige Tiefseefische rotes Licht nicht nur wahrnehmen, sondern setzen es auch aktiv zum Nahrungserwerb ein.
(Monterey Bay Aquarium Research Institute, 11.07.2005 - NPO)
 
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