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Dienstag, 17.10.2017
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Kurswechsel bei der Stammzellforschung?

Schröder fordert neue Offenheit für Genforschung in Deutschland

Mehr Offenheit für die Forschung mit embryonalen Stammzellen hat Bundeskanzler Gerhard Schröder an der Universität Göttingen gefordert. Deutschland dürfe in der Gentechnik den Anschluss nicht verpassen - wie früher bei der Informationstechnologie. Antworten auf neue Fragen seien nötig, damit Deutschland international nicht abgehängt wird.
Stammzellen

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„Die stürmische Entwicklung, gerade der vergangenen Jahre, hat uns deutlich vor Augen geführt, dass es in diesem Bereich keine letztlich ewigen oder endgültigen Antworten geben kann. Im Gegenteil: Es liegt buchstäblich in der Natur der Sache, dass gesetzliche Regelungen wissenschaftlicher Sachverhalte im Lichte neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und Entwicklungen immer wieder überprüft und bei Bedarf auch angepasst werden müssen. Gerade bei so grundsätzlichen Fragen wie der Nutzung der Gentechnik brauchen wir elementar die Offenheit für immer wieder neue Abwägungen und Entscheidungen“, sagte Schröder im Rahmen einer Veranstaltung, bei der ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen für seine Verdienste bei der Förderung der Naturwissenschaften verliehen wurde.

Er sei davon überzeugt, "dass wir uns, besonders im Lichte neuer Erkenntnisse, der Tendenz zu einer Liberalisierung der Forschung mit embryonalen Stammzellen auf Dauer nicht entziehen können. Ich werde mich an dieser Diskussion beteiligen. Die Rechtsunsicherheit, der sich Forscher in Deutschland, aber auch deutsche Forscher in internationalen Kooperationen oder im Ausland gegenüber sehen, müssen wir in diesem Zusammenhang auflösen", so Schröder.

Potenzial der Stammzellenforschung nicht ausgelotet


Solange das große medizinische Potenzial der Stammzellenforschung nicht ausgelotet sei, so Schröder weiter, und zwar mit adulten wie mit embryonalen Stammzellen, solange die Chance bestehe, Leiden lindern und heute noch unheilbare Krankheiten bekämpfen zu können, hätten wir die Pflicht, diese Forschung zu nutzen. „Wir müssen der Chance eine Chance geben“, betonte der Bundeskanzler.


„Wenn sich die Hoffnungen und Versprechen erfüllen, und sei es nur in Teilbereichen, dann wird der Beginn des 21. Jahrhunderts einmal als Meilenstein im medizinischen Fortschritt gefeiert werden. Gerade die Gesundheitsforschung birgt ein hohes Potenzial an wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Innovation. Mit dem Stammzellengesetz aus dem Jahr 2002 haben wir uns in Deutschland im europäischen und internationalen Vergleich auf die Seite der restriktiven Länder gestellt“, so Schröder.

Durch Beschluss des Bundestages vom 25. Mai 2002 darf nur mit importierten embryonalen Stammzellen geforscht werden. Außerdem muss die Stammzelllinie aus übrig gebliebenen Embryonen kommen, die künstlich befruchtet und vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Die Herstellung embryonaler Stammzellen ist in Deutschland verboten, ebenso das Klonen menschlicher Embryonen.

Scharfe Kritik von allen Seiten


Als Affront gegen SPD und SPD-Fraktion hat die Grünen-Politikerin Christa Nickels die Forderungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder gewertet, die deutschen Gesetze zur embryonalen Stammzellenforschung zu lockern. Sie verstehe nicht, warum Schröder angesichts des gegenwärtigen Debakels „in seine Partei und seine Fraktion nochmals einen Keil reintreibt“, sagte Nickels dem Berliner „Tagesspiegel“. Im Bundestag, aber auch in der SPD gebe es breiten Konsens darüber, dass „die Gesellschaft nicht die Dienstmagd der Forschung ist“ und dass Freiheit ihre Grenze in der Menschenwürde findet.

„Eizellen wachsen nicht auf Bäumen“, sagte Nickels. Frauen, die ihren Körper für die Genforschung zur Verfügung stellten, machten dies, „weil sie Geld brauchen“. Hier werde wieder einmal deutlich, „was die derzeitige Krise der SPD ausmacht: dass die führenden Leute zu wenig auf ihre Partei und ihre Fraktion hören“. Im übrigen brauche sich das Kabinett im Forschungsbereich nicht zu verstecken, „wir haben viel vorangetrieben und sitzen nicht als Aschenputtel da“.

„Instrumentalisierung der Embryonenforschung zu Wahlkampfzwecken“


Auch die CDU/CSU-Fraktion hat auf den Vorstoß Schröders mit scharfer Kritik reagiert. „Der Bundeskanzler missachtet mit seinen aktuellen Äußerungen den im Parlament errungenen Kompromiss, der mit der geltenden Regelung zur Stammzellforschung errungen wurde. Gegen die Mehrheitsentscheidung des Bundestags, die von einer breiten Öffentlichkeit mitgetragen wurde, ergreift Schröder immer wieder das Wort, um zur Lockerung der geltenden Rechtslage aufzurufen. Er folgt damit letztlich einem Machbarkeitswahn, indem er die Chancen dieser Forschung ohne angemessene Risikoabwägung in den Vordergrund stellt“, sagte Hermann Kues aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Wer die ethischen Bedenken gegenüber der embryonalen Stammzellforschung nicht nachvollziehe, verkenne, dass die menschliche Würde an die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens gebunden sei. Forschungsfreiheit und Lebensschutz dürften nicht leichtfertig gegeneinander ausgespielt werden.

Der Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“, Thomas Rachel, hält die Forderungen Schröders für eine Instrumentalisierung der Embryonenforschung zu Wahlkampfzwecken. Diese sei unmoralisch. „Die rechtlichen Bedingungen, unter denen in Deutschland geforscht werden kann, sind ausreichend. Das Embryonenschutzgesetz sollte nicht in Frage gestellt werden.“

Neue Hoffnung für Klon-Enthusiasten?


Mit Besorgnis hat auch Johannes Freiherr Heereman, Präsident des Malteser Hilfsdienstes, auf die Bestrebungen von Politikern und Forschern reagiert, den Embryonenschutz in Deutschland aufzuweichen. „Seit südkoreanische Wissenschaftler die Effizienz des Forschungsklonens deutlich gesteigert haben, schöpfen viele deutsche Klon-Enthusiasten neue Hoffnung. Sie wollen eine unbeschränkte Stammzellforschung auch hierzulande durchsetzen. Nach dem Motto: steter Tropfen höhlt den Stein.“ Dabei, so Heereman, vertrauten diese Leute offensichtlich darauf, dass Embryonen von der Bevölkerung nicht als menschliche Wesen, sondern als etwas Abstraktes angesehen werden.

Nach Meinung Heeremans sei eine solche Anschauung, wie sie aktuell in dem Gesetzesentwurf der FDP zur Abschaffung des Stichtags beim Stammzellenimport und in der Göttinger Ehrendoktorrede von Bundeskanzler Schröder zu erwarten ist, nicht nur biologisch falsch und ethisch bedenklich, sondern: „Das traurige Zeugnis eines ad absurdum geführten Materialismus.“ 30 Jahre habe Deutschland einen Winterschlaf der Innovationskraft gehalten, nun solle die freie Stammzellforschung die lebensmüde Nation aus der ökonomischen Krise führen.
(Bundesregierung online, Tagesspiegel, CDU/CSU, Malteser Hilfsdienst, 15.06.2005 - DLO)
 
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