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Mittwoch, 18.01.2017
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Schon Säuglinge fallen auf optische Täuschungen rein

Wahrnehmung von Perspektive erfolgt früher als gedacht

Schon im zarten Alter von fünf Monaten lassen sich Kleinkinder durch komplexe Entfernungsinformationen in perspektivischen Zeichnungen aufs Glatteis führen. Das konnten Psychologen der Universität Bonn nachweisen. Sie befestigten zwei Gummifiguren auf einem Bild, auf dem ein Schachbrettmuster von ihren kleinen Versuchspersonen wegzustreben schien. Die Säuglinge griffen daraufhin häufiger nach dem Spielzeug, das ihnen aufgrund der durch die Zeichnung vorgegaukelten Entfernungssignale näher schien.
Das Ganze klappte teilweise schon bei fünf Monate alten Kindern. Bislang nahmen die meisten Experten an, dass Säuglinge perspektivische Distanzinformationen erst erheblich später entschlüsseln können.

Psychologie mit Nilpferden und Pelikanen


Baby

Baby

Das große Pflaster auf seinem rechten Auge scheint den fünfmonatigen Samuel nicht zu stören. Er gluckst zufrieden und zupft neugierig an dem weißen Vorhang vor seiner Nase, bis der von einer unsichtbaren Macht in die Höhe gezogen wird. Samuel blickt nun auf ein Schachbrett, das so gezeichnet ist, dass es von ihm wegzustreben scheint. Von diesem Hintergrund glotzen ihn zwei leuchtend orange Nilpferde an; Samuel guckt interessiert zurück. Er grabscht nach dem rechten Gummitier, das ein wenig tiefer angebracht ist als sein linker Artgenosse; es piepst, der Vorhang sinkt herab.

Als er sich ein paar Sekunden später wieder öffnet, haben zwei Pelikane den Platz der Nilpferde eingenommen. Diesmal sitzt der linke Vogel tiefer. Samuel greift ihm an den leuchtend roten Schnabel, ein Piepsen, der Vorhang fällt. Nach zwei Dutzend weiteren Durchgängen ertönt aus dem Off ein „Vielen Dank, das war’s“, dann ist Samuels Auftritt im Psychologischen Institut der Uni Bonn schon beendet.


„Wir untersuchen hier, ab wann Kleinkinder perspektivische Bildinformationen entschlüsseln können“, sagt die Wissenschaftlerin Laura Hemker. Problem: Selbst das aufgeweckteste Kind kann im Alter von fünf Monaten noch nicht sagen, was es sieht. Daher mussten sich die Wissenschaftler um Dr. Michael Kavšek einen Trick einfallen lassen, um dem Wahrnehmungsvermögen ihrer kleinen Probanden auf die Schliche zu kommen. „Wenn man Säuglingen zwei Spielzeuge anbietet, greifen sie in der Regel nach dem näheren“, erklärt Laura Hemker. „Diese Tatsache nutzen wir für unser Experiment.“

“Einäugige“ greifen zum Näheren


Die Doktorandin setzte 20 siebenmonatige und 20 fünfmonatige Kinder vor den Schachbretthintergrund. Aufgrund der Perspektive scheinen Spielfiguren, die weiter oben in Nähe des Horizonts befestigt sind, weiter entfernt als Gummitiere, die ein wenig tiefer sitzen – allerdings nur, wenn der Betrachter ein Auge abdeckt. Ansonsten überdecken die stereoskopischen Informationen, die der Blick mit zwei Augen liefert, den perspektivischen Effekt, den die Schachbrettebene vortäuscht.

„Genau diese Beobachtung machen wir auch bei unseren kleinen Probanden “, so Julia Niehl. „Wenn sie mit beiden Augen sehen, entscheiden sie sich zufällig für eines der beiden Gummitiere. Wenn wir ihnen aber ein Auge abdecken, greifen sie häufiger nach dem Spielzeug, das weiter unten angebracht ist und ihnen daher aufgrund der perspektivischen Informationen im Hintergrundbild näher erscheint.“

Immerhin 19 der 20 siebenmonatigen Probanden griffen „einäugig“ signifikant häufiger nach unten als nach oben. In acht von zehn Fällen versuchten sie zunächst, das scheinbar nähere Spielzeug zu betatschen. Durften sie dagegen mit beiden Augen gucken, hatte die Anordnung der Gummitiere keine Auswirkung auf das Greifverhalten.

Kontinuierlicher Entwicklungsprozess


Selbst bei den fünfmonatigen Babies waren es noch 16 von 20, die auf die perspektivischen Informationen ansprachen – für die Psychologen eine Überraschung: Bisher gingen die meisten Experten nämlich davon aus, dass Säuglinge über diese Fähigkeit erst mit etwa sieben Monaten verfügen – „und zwar quasi von einem Tag auf den anderen, fast als wenn man einen Schalter umlegt“, so Kavšek, der die Wahrnehmungsstudie leitet. „Unsere Ergebnisse sprechen aber eher für einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess: Kleinkinder nehmen schon sehr früh Tiefensignale wahr; je älter sie sind, desto weniger deutlich müssen die Signale sein und desto besser funktioniert’s.“

Wahrscheinlich klappt die Wahrnehmung von Perspektive sogar noch früher. Um diese These zu überprüfen, müssten die Psychologen aber ihren Versuchsansatz verändern: Gezielt greifen können die meisten Säuglinge nämlich erst mit vier bis fünf Monaten.
(Universität Bonn, 07.04.2005 - DLO)
 
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