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Donnerstag, 19.10.2017
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Wattebausch gegen Nervenschmerz

Training hilft chronischen Schmerzpatienten wieder normal zu fühlen

Schon kleinste Berührungen verursachen bei Patienten mit chronischem regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) unerträgliche Schmerzen, andere spüren sie gar nicht mehr. Mediziner der Ruhr-Universität Bochum (RUB) haben jetzt eine Verhaltenstherapie gegen die Erkrankung entwickelt, mit der die Patienten das Fühlen schrittweise neu lernen können. Mittels bildgebender Methoden konnten die Forscher nachweisen, dass diese Therapie das Gehirn wieder umprogrammiert.

Fehlprogrammierung im Gehirn


Das chronische regionale Schmerzsyndrom, frührer als Morbus Sudeck bekannt, stellt die Schmerztherapeuten weltweit seit Jahrzehnten vor ein fast unlösbares Problem. Neben quälenden, oft kaum zu beeinflussenden chronischen Schmerzen leiden Patienten am betroffenen Körperglied häufig unter einer extremen Berührungsempfindlichkeit, Gefühlsstörungen, Schwäche und einer gestörten Feinmotorik. Die Folge ist eine bleibende Behinderung der oft noch jungen Patienten.

Forschungslandschaft Gehirn

Forschungslandschaft Gehirn

"Eine Ursache der Erkrankung scheint unter anderem eine "Fehlprogrammierung" des Gehirns zu sein", erläutert Professor Christoph Maier vom RUB- Schmerzzentrum in den BG-Kliniken Bergmannsheil: "Das zentrale Nervensystem konzentriert sich auf die Wahrnehmung des Schmerzes und verlernt dafür andere Fähigkeiten, die für die Gefühlswahrnehmung und die Beweglichkeit der betroffenen Extremität wichtig sind." Es entwickelt sich ein Schmerzgedächtnis.

Fühlen lernen mit sanfter Therapie


Bei der in der Schmerzklinik der BG-Kliniken Bergmannsheil entwickelten sanften Therapie setzen die Mediziner darauf, diesen Lernprozess wieder umzukehren. So wird eine betroffene Hand etwa zu Beginn der Behandlung immer wieder leicht mit Watte berührt oder in eine Schüssel mit Linsen, Reis oder Zucker gelegt, um sie schrittweise wieder an ein normales Empfindungsvermögen zu gewöhnen. Später kommen dann schwierigere Aufgaben wie das Erkennen von Gegenständen durch Betasten hinzu. Mit zunehmendem Fortschritt und abnehmendem Schmerz bewältigen die Patienten feinmotorisch anspruchsvollere Aufgaben. Nach sechsmonatigem Training stellten die Ärzte bei gleicher oder verminderter Schmerzmedikation bei mehr als 50 Patienten eine drastisch verringerte durchschnittliche Schmerzstärke fest.


Feinmotorik verbessert sich


Um zu untersuchen, inwiefern sich das Training auf die sensomotorischen Fähigkeiten auswirkt, ermittelten die RUB- Neurowissenschaftler um Professor Martin Tegenthoff, Dr. Burkhard Pleger und Hubert Dinse die so genannte Zweipunkt-Diskriminationsschwelle der betroffenen Hand vor und nach der Therapie. Sie untersuchten die Fähigkeit der Patienten, zwei Punkte auf ihrer Zeigefingerkuppe räumlich zu unterscheiden.

"Dabei berühren die Patienten Paare von stumpfen Nadeln, die in unterschiedlichen Abständen zueinander stehen", erläutert Prof. Tegenthoff. "Im Vergleich zum Test vor Therapiebeginn konnten die Patienten nach sechsmonatigem Training wieder wie Gesunde nur 1-1,5 Millimeter auseinanderstehende Spitzen als getrennt wahrnehmen, vorher lag die Grenze bei 3,5-4 Millimetern."

Blick ins Gehirn: Nervenaktivität normalisiert sich


Warum das neue sanfte Behandlungsverfahren das Feingefühl der erkrankten Hand verbessert, konnten die Forscher mittels bildgebenden Methoden bei betroffenen Patienten in Zusammenarbeit mit dem Institut für Radiologie der BG-Kliniken Bergmannsheil nachweisen: Die funktionelle Kernspintomographie (fMRI) erlaubt es, von außen die Aktivität von Nervenzellen in der Großhirnrinde zu messen, ohne den Patienten zu belasten.

Vor Beginn der Behandlung war die Aktivität der Nervenzellen, die das Feingefühl der betroffenen Hand repräsentieren, deutlich herabgesetzt. Im Laufe der Therapie vergrößerte sich diese Aktivität zusehends und erreichte fast wieder die Größe einer gesunden Hand. "Demnach wurde das Gehirn durch die Behandlung umprogrammiert, weg von der ständigen Schmerzempfindung mit der Folge eines sich entwickelnden 'Schmerzgedächtnisses', hin zu einer wieder verbesserten Wahrnehmung nicht-schmerzhafter Reize", schließt Tegenthoff.

Für die Zukunft erhoffen sich die Bochumer Forscher durch eine breitere Anwendung, aber auch eine Weiterentwicklung und Verfeinerung dieser sanften Behandlungsmethode große therapeutische Fortschritte in der Behandlung des CRPS, aber auch anderer chronischer Schmerzerkrankungen, die mit der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses einhergehen wie zum Beispiel Schmerzen nach Nervenverletzungen, aber auch bei Erkrankungen wie der schmerzhaften Polyneuropathie beispielsweise bei Diabetikern.
(RUB, 16.03.2005 - NPO)
 
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