Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 15.03.2010
Glycerin im Tank
Chemieingenieure entwickeln umweltfreundliche Benzinzusätze
Gut für die Umwelt und noch dazu billig:: Am Lehrstuhl für Chemische Prozessentwicklung der Universität Dortmund wird zurzeit an einem alternativen Benzinzusatz geforscht, der genau das bieten soll. Die Zukunft an der Tankstelle gehört nach Ansicht der Wissenschaftler dem so genannten "GTBE". Der Stoff wird aus dem nachwachsenden Rohstoff Glycerin gewonnen und soll vor allem in punkto Umweltfreundlichkeit anderen Zusätzen überlegen sein.

Autoabgase
Autoabgase
© BMU/H.-G. Oed
Seit ungesunde Bleizusätze im Benzin verboten sind, wird dem Kraftstoff in Deutschland die Verbindung Methyltertiärbutylether (MTBE) beigegeben. Dieser Zusatz sorgt dafür, dass das Benzin eine einheitlich hohe Research-Oktan-Zahl (ROZ) aufweist und den Motor nicht beschädigt, indem er „klopft“. Die Zugabe von MTBE scheint unverzichtbar, will man lange Freude an seinem Fahrzeug haben. Allerdings ist es auch nicht ganz unschädlich - in den USA ist die Verwendung teilweise schon nicht mehr erlaubt. Der Grund für das Verbot hängt mit der hohen Wasserlöslichkeit zusammen, da das MTBE dadurch leicht ins Grundwasser gelangt.

"MTBE ist zwar nicht giftig, aber hat einen sehr unangenehmen Geschmack und Geruch - so was möchte man natürlich nicht im Trinkwasser haben", erklärt Prof. Dr. Arno Behr vom Lehrstuhl für Chemische Prozessentwicklung die Gefahren von MTBE. Daher arbeiten er und seine Mitarbeiter bereits seit längerem an einem alternativen Zusatzstoff: Glycerintertiärbutylether (GTBE ). Was die Funktionen angeht, ist es ein vollwertiger Ersatz für MTBE - es kann ebenso eine einheitliche ROZ und damit ein langes Motorenleben gewährleisten.

Darüber hinaus bietet der Zusatz auf Glycerin-Basis vor allem Vorteile für die Umwelt: GTBE ist nicht wasserlöslich und daher umweltverträglicher als das herkömmliche MTBE. Und auch preislich könnte GTBE für die Kraftstoff-Industrie zu einer interessanten Alternative werden: Zwar ist momentan der Grundstoff Glycerin noch teurer als Methanol - doch Behr prognostiziert eine wahre Glycerin-Schwemme auf dem Weltmarkt und damit eine massive Senkung des Preises.

Der Grund für die große zu erwartende Menge an Glycerin liegt in einer EU- Verordnung: Bis zum Jahr 2010 wird europaweit die Produktion an Rapsdiesel gesteigert - Glycerin als Abfallprodukt von Rapsdiesel wird dann in einer Größenordnung von 700.000 - 800.000 Tonnen pro Jahr verfügbar sein. "Für diese große Menge an Glycerin gibt es bisher noch keine Verwendung", erklärt Behr. Glycerin als Basis eines Kraftstoffzusatzes würde also gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Es ist umweltfreundlich, als Abfallprodukt von Rapsdiesel ohnehin in großen Mengen vorrätig und daher auf die Dauer auch preiswert.

Die Chemie hinter GTBE als Benzinzusatz ist klar und was die technische Realisation angeht, so haben Behr und seine Mitarbeiter bereits ein Verfahren entwickelt, mit dem GTBE gewonnen werden kann.
Durch ein geschlossenes Kreislaufsystem bleiben bei dieser Methode keine Abfallstoffe zurück. Tanken wir also bald schon Glycerin? "Ganz so schnell lässt sich das natürlich nicht realisieren, die Umstellung von MTBE auf GTBE erfordert natürlich erhebliche Investitionen auf Seiten der Ölkonzerne", gibt Behr zu bedenken. Dennoch ist er überzeugt, dass dem Zusatzstoff GTBE die Zukunft gehört: "Die hohe Umweltverträglichkeit ist einfach ein schlagkräftiges Argument."
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Benzin, TReibstoff, Verkehr, Benzinzusatz, GLycerin, nachwachsende ROhstoffe, AUtoantrieb, Umweltschutz, GRundwasser
Weitere News zum Thema
Mit dem Elektroauto in der Großstadt (16.02.2010)
Projekt zu Akzeptanz und Nutzungsverhalten von Elektroautos im Berliner Stadtverkehr abgeschlossen
Haiti-Beben: Not, Chaos und Verzweiflung (15.01.2010)
Überlebende warten weiter auf Hilfe
Forscher decken "Spritverbrauch" von Pflanzen auf (21.10.2009)
Neues Analyseverfahren gewährt Einblicke in den pflanzlichen Stoffwechsel
Mikrokugeln imitieren Nanofluide (07.09.2009)
Komplexe Plasmen enthüllen Details über physikalische Phänomene in nanoskopischen Flüssigkeiten
Bleihaltige Eiswolken dämpften Treibhauseffekt (05.05.2009)
Beschleunigter Temperaturanstieg durch geringere Schadstoffemissionen?
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Verkehrsinfarkt
Mobilität in der Krise
Erneuerbare Energien
Welche Zukunft haben die "Ressourcen der Zukunft"
Brennstoffzellen
Alleskönner auf Wasserstoffbasis?
News des Tages
Tollwut nach Organspende
Wenn Wespen auf Schmetterlingen trampen
„Eiswürfel“ sucht Geisterteilchen
Pipeline bedroht Wale
Glycerin im Tank
Deutsche: Kein Durchblick im Umweltschutz
Atome als Antennen
Brücken, Dacher und Hallen mit Grips
Top-Clicks der Woche
1. Neue Belege für “Schneeball Erde”
2. Erdrotation beeinflusst Unterwasserwellen
3. Galaxien-Explosion stoppte junges Universum
4. Einsteins Relativitätstheorie auf kosmologischen Distanzen bestätigt
5. Oktopus tarnt sich als Flunder