Scinexx-Logo
Scinexx mobil
Mobil
Jetzt neu: Nutzen Sie unser Smartphone optimiertes Angebot.
Erfahren Sie mehr
Scinexx auf Facebook
Werden Sie Scinexx-Fan und kommentieren Sie unsere Artikel auf Facebook!
Scinexx auf Facebook
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Weitere Titel bei Amazon
Unser Partner
Logo Bild der Wissenschaft
Wissen erleben
Science Center
Naturkundemuseen
Sternwarten
Planetarien
Zoos
Nationalparks
Naturparks
Geoparks
Besucherbergwerke
Botanische Gärten
Schülerlabore
Lernwelten
Lernwelten

Erleben, Lernen, Wissen
Antworten auf viele Fragen zu Alltagsphänomenen, kniffelige Quizze, spannende Tipps für Entdeckernaturen und vieles mehr...

Vögel sind keine "Spatzenhirne"...
…und wir nicht die Krone der Schöpfung
Mit über 100 Jahre alten falschen Vorstellungen räumen die Biopsychologen und andere Neurowissenschaftler um Professor Onur Güntürkün von der Ruhr-Universität Bochum jetzt auf: Um 1900 hatte der damals führende Neuroanatom Ludwig Edinger in Frankfurt postuliert, die Evolution des Gehirns sei linear verlaufen mit dem Menschen am oberen Ende. Die Hirnregionen der einzelnen Wirbeltierklassen hätten sich im Laufe der Zeit eine nach der anderen entwickelt. Primitive Tiere wie Vögel verfügten seiner Auffassung nach nicht über die äußeren Hirnbereiche, zum Beispiel die Hirnrinde.
Zugvögel
Zugvögel
© IMSI MasterClips
Neuere Untersuchungen haben diese Auffassung zwar als falsch entlarvt, aber die durch Edinger geprägte Nomenklatur blieb erhalten und hinderte die Neurowissenschaftler an einer unvoreingenommenen Sicht der Dinge. Ein internationales Konsortium aus 29 Forschern hat jetzt einen Schlussstrich gezogen und schlägt in der aktuellen Ausgabe von NATURE Review Neuroscience eine neue Namensgebung vor.

Namen halten sich bis heute
Die Geschichte beginnt in Deutschland vor 105 Jahren: Der damals international führende vergleichende Neuroanatom, Ludwig Edinger, war auf dem Zenit seines Ansehens. Er beherrschte die derzeit modernsten Techniken, hatte Hunderte Gehirne von vielen Dutzend Spezies in einem Detail und mit einer technischen Vollkommenheit analysiert wie kein Zweiter. Auf dieser Grundlage entwarf er eine Theorie der Entwicklung des Wirbeltiergehirns sowie eine Nomenklatur der Hirnstrukturen der Wirbeltiere, einschließlich des Menschen. "Dieses gewaltige Werk beeinflusste unser gesamtes modernes Denken über die Hirnorganisation von Menschen und anderen Tieren", erklärt Prof. Güntürkün. "Nach wie vor lassen sich viele Namen der Neuroanatomie des Menschen auf Edingers Konzeption zurückführen."

"Primitive" Vögel machten Probleme
Edingers Auffassung war, dass mit dem Aufkommen immer neuer Wirbeltierklassen das Wirbeltiergehirn sich immer wieder um eine neue Hauptkomponente erweiterte. Dieser Vorgang ereignete sich bei jedem Übergang zu einer neuen Wirbeltierklasse, also von Fischen zu Amphibien, dann zu Reptilien, dann zu Vögeln und schließlich zu Säugetieren.

"Man muss sich das vorstellen wie die Schalen einer Zwiebel: Primitive Wirbeltierklassen haben nur die frühen, tiefsten und primitivsten Hirnstrukturen, später dazu gekommene haben dann zusätzlich das nächste Kompartiment", so Güntürkün. Nur die Säugetiere hatten dann als neueste Klasse das so genannte Pallium - lateinisch Mantel-, das bei Menschen zum größten Teil aus der Hirnrinde besteht. Vögel machten Edinger Probleme, da ihre Gehirne relativ zum Körper so groß waren, aber nach seiner Theorie keine Hirnrinde aufweisen durften. Deshalb interpretierte er ihr Pallium als besonders groß entwickelte Basalganglien (die letzte Entwicklungsstufe vor dem Pallium).

Diese Annahme schlägt sich in den Namen der Gehirnbereiche bei Vögeln nieder, die alle auf den Terminus -striatum enden, der den Basalganglien vorbehalten ist. Die Basalganglien sind hauptsächlich für unbewusst ablaufende, automatisierte Handlungsprozesse zuständig. Edinger implizierte also, dass Vögel aufgrund ihrer Hirnstruktur ausschließlich zu solchen Instinkthandlungen fähig sind.

Experimente zeigen: Vögel sind schlauer als angenommen
Seit den 60er Jahren kamen aber Zweifel an dieser Auffassung auf.
Experimente zeigten, dass Tauben zwischen kubistischer und impressionistischer Malerei unterscheiden können, dass Krähen Werkzeuge herstellen und ihr Wissen an Artgenossen weitergeben können und dass Papageien Wörter von Menschen nicht nur nachplappern, sondern auch darüber mit ihnen kommunizieren können.

"Man wurde sich mehr und mehr darüber klar, dass an Edingers Konzeption etwas nicht stimmen kann", so Güntürkün. "Aber wir schleppten immer noch die Nomenklatur von Edinger mit uns herum, die für die meisten Lebewesen einfach falsch war."

Schlussstrich nach 100 Jahren
2002 trafen sich in Duke dann 29 Hirnforscher aus der ganzen Welt und zogen einen Schlussstrich. Vier Tage lang diskutieren die Forscher und sammelten die Daten eines Jahrhunderts. "Es war ein Rausch!", erinnert sich der Bochumer Forscher: "Wir haben kaum geschlafen." Es entstand eine umfassende Arbeit, die eine neue Nomenklatur für Vögel einführt und Kollegen in anderen Spezialbereichen rät, einen ähnlichen Ansatz zu wagen.

Denn die Evolution verläuft nicht, wie Edinger annahm, linear: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung. Es gibt vielmehr verschiedene Zweige der Evolution, darunter auch den der Vögel. In der neuen Namensgebung verzichten die Forscher auf Vorsilben wie "paleo-" (ältestes), "archeo-" (archaisch) und "neo-" (neu). So schlagen sie beispielsweise vor, den alten Namen "Archistriatum" für die äußere Hirnschicht der Vögel durch "Arcopallium" zu ersetzen. "Es geht nicht an, dass wir uns in unserer Forschung weiterhin durch irreführende Namen behindern lassen", so die Wissenschaftler.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gehirn, Säuger, Mensch, Neurobiologie, Wirbeltiere
Weitere News zum Thema
Kluge Hirne sind wählerisch (24.05.2013)
Ein simpler Wahrnehmungstest erweist sich als zuverlässiger Anzeiger für die Intelligenz
Mit Adele und Enya gegen Flugangst? (17.05.2013)
Gezielte Musik-Berieselung soll Angstgefühle lindern und den Körper beruhigen
Was macht eineiige Zwillinge trotz gleicher Umwelt verschieden? (10.05.2013)
Mäuse-Experiment beobachtet Entstehung der individuellen Persönlichkeit im Gehirn
Frühkindliche Erkältung könnte an Lernstörungen schuld sein (07.05.2013)
Häufiges Atemwegsvirus hinterlässt im Tierversuch Spätfolgen in Gehirn und Verhalten
Zwei Eltern sind besser als einer (03.05.2013)
Kinder Alleinerziehender zeigen Unterschiede in Gehirn und Verhalten - bei Mäusen
Suche
Erweiterte Suche
Offizieller Partner
Wissenschaftsjahr 2013
DOSSIER: Sieht Deutschland bald alt aus?
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Träumen
Wenn das Gehirn eigene Wege geht...
Zugvögel
Von Interkontinentalflügen und Weltenbummlern
Wie klug sind Tiere?
Zwischen Instinkt und Intelligenz
Schmerz
Alarmstufe Rot im Nervensystem
News des Tages
Augen verraten Fieber
“Missing-Link” zwischen Walen und Nilpferden entdeckt
Fruchtfliegen lieben anders
Bleimunition vergiftet Seeadler
Solar-Leuchte spart Petroleum
Vögel sind keine "Spatzenhirne"...
„Nerven-Gene“ dirigieren auch Blutgefäße
Nie wieder "Brennendes Eis"?
Bücher zum Thema
Was ist Intelligenz?
von Joachim Funke und Bianca Vaterrodt - Plünnecke
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Schmerz
Eine Kulturgeschichte von David Le Breton
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Nomaden der Lüfte
Das Geheimnis der Zugvögel von Jaques Perrin
Top-Clicks der Woche
1. Giftiges Mutterkorn breitet sich an der Nordsee aus
2. Neandertaler-Mütter stillten ihre Kinder genauso kurz wie wir
3. Kluge Hirne sind wählerisch
4. Himmelsschauspiel: Planetendreieck am Abendhimmel
5. Urzeit-Wald auf Baustelle entdeckt