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Sonntag, 18.11.2018
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Größtes Steinzeit-Monument Ostafrikas entdeckt

5.000 Jahre alte Grabanlage stammt überraschenderweise von nomadischen Hirten

Spektakulärer Fund: In Kenia haben Archäologen das älteste und größte Steinzeit-Monument Ostafrikas entdeckt. Es handelt sich um eine rund 5.000 Jahre alte Grabanlage, die von Megalithsäulen, Steinpflaster und mehreren Steinkreisen umgeben ist. Mehr als 580 Menschen wurden hier im Laufe einiger Jahrhunderte begraben. Ungewöhnlich daran: Die Erbauer dieser Monumente waren nomadische Hirten mit einer egalitären Gesellschaftsstruktur – das widerspricht bisherigen Annahmen zu prähistorischen Monumentalbauten.
Aus der Luft sind die Steinkreise und die Grabanlage (links) von Lotham North gut zu erkennen.

Aus der Luft sind die Steinkreise und die Grabanlage (links) von Lotham North gut zu erkennen.

Schon vor tausenden von Jahren errichteten unsere Vorfahren monumentale Anlagen, die als Ritualorte, Grabstätten oder astronomische Observatorien dienten. Unter ihnen sind der Steinkreis von Stonehenge in England, aber auch das Steinzeitheiligtum von Göbekli-Tepe in der Türkei, präkolumbianische Anlagen in Peru sowie mehrere Kreisgrabenanalgen in Deutschland, so bei Pömmelte, bei Watenstedt oder Goseck.

Diesen prähistorischen Monumenten ist gemeinsam, dass sie nur unter enormem Aufwand an Menschen und Material erbaut worden sein können. Zudem erforderten sie eine gute Planung und Logistik, um die Arbeiten zu koordinieren. Unter anderem deshalb hielten Forscher bisher nur komplexe, hierarchisch gegliederte Gesellschaften für fähig, solche Monumentalbauten zu errichten.

Steinkreise, Plattformen und Hügelgräber


Doch jetzt haben Elisabeth Hildebrand von der Stony Brook University in New York und ihr Team ein Steinzeitmonument entdeckt, das dem widerspricht. Es handelt sich um eine insgesamt 1.400 Quadratmeter große Anlage, die vor rund 5.000 Jahren am Ufer des Turkanasees in Kenia errichtet worden ist. Sie besteht aus einer 700 Quadratmeter großen Steinplattform, an die sich neun Steinkreise und sechs Steinhügel anschließen.


Die Lothagam North getaufte Anlage ist damit der größte und älteste Monumentalbau in ganz Ostafrika, wie die Forscher berichten. Sie stammt aus einer Zeit, als ein Klimawechsel zu trockeneren Bedingungen viele nomadische Viehzüchter aus dem Saharagebiet vertrieb. Diese Pastoralisten zogen weiter nach Süden und Osten und kamen so auch an den Turkanasee. Ähnlich wie schon zuvor in der Sahara, begannen sie auch dort, rituelle Monumente zu errichten – nun jedoch in größerem Maßstab.

Unter der von Basaltkieseln bedeckten Plattform (vorne) liegt eine Grabanlage mit mindestens 580 Toten.

Unter der von Basaltkieseln bedeckten Plattform (vorne) liegt eine Grabanlage mit mindestens 580 Toten.

Aufwändige Grabanlage


Wie Ausgrabungen enthüllten, hat die Plattform von Lothagam North ein komplexes Innenleben. Sie verrät, welchen enormen Aufwand die Erbauer betrieben. "Zuerst trugen sie in einem 120 Quadratmeter großen Areal den Ufersand bis auf den Felsuntergrund ab", berichten Hildebrand und ihre Kollegen. Die umliegenden Sandbereiche wurden mit einem Pflaster aus Sandsteinplatten bedeckt und das Ganze mit einem Ring aus säulenartigen Felsbrocken umgeben.

Das Entscheidende aber lag im Zentrum dieser Steinplattform. Hier meißelten die steinzeitlichen Erbauer hunderte eng beieinanderliegende Grabkuhlen in den Felsuntergrund. Im Laufe von mehreren hundert Jahren wurden hier mindestens 580 Männer, Frauen und Kinder bestattet. Ihr Alter reichte von Neugeborenen bis zu Alten, wie die Forscher berichten. Nach der Bestattung wurde das gesamte Gräberfeld mit Geröll zu einem flachen Hügel aufgefüllt und dieser mit gleichgroßen Basaltkieseln bedeckt.


Geschmückte Tote


Der Blick in die Gräber enthüllte: Fast alle Skelette trugen Schmuckstücke. "Viele Individuen hatten Perlen aus Austernschalen oder Stein um Hals, Hüften oder Knöchel", berichten die Archäologen. "Andere trugen Ringe oder Armreifen aus Nilpferdelfenbein." Auch Halsschmuck aus Nilpferdzähnen, geschnitzte Anhänger und andere Schmuckstücke lagen bei den Toten.

Perlen und Anhänger aus verschiedensdten Mineralen schmückten die Toten.

Perlen und Anhänger aus verschiedensdten Mineralen schmückten die Toten.

Hinweise auf verschiedene Klassen oder soziale Unterschiede fehlten dagegen: "Dieser Schmuck war nicht auf eine Altersgruppe, ein Geschlecht oder einen Grabtyp beschränkt", sagen Hildebrand und ihre Kollegen. "Das spricht dafür, dass diese Verzierungen die Norm waren." Auch in der Anordnung der Gräber oder der Art der Bestattungen seien keine sozialen Hierarchien ablesbar. Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass die Erbauer dieser Anlage in einer eher egalitären Gemeinschaft ohne Eliten oder Schichten lebten.

Soziale Gleichheit statt Hierarchie


"Damit wiederspricht diese Entdeckung früheren Vorstellungen über Monumentalität", konstatieren die Wissenschaftler. "Denn Lothagam North liefert uns ein Beispiel für einen Monumentalbau, der nicht eindeutig mit der Ausprägung sozialer Hierarchien verknüpft ist." Die Anlage von Lothagam North war offenbar keine Machtdemonstration einer Elite, sondern ein Ritual- und Grabplatz für alle.

Noch dazu wurde diese riesige, aufwändige Grabanlage von nomadischen Hirten errichtet – etwas, das zuvor als unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich galt. "Dieser Fund zwingt uns darüber nachzudenken, wie wir soziale Komplexität definieren", sagt Hildebrand. "Und auch darüber, welche Motive Menschengruppen dazu bringen, öffentliche Architektur zu erschaffen."

Halt in schwierigen Zeiten?


Die Archäologen vermuten, dass die schwierige Situation die Hirten zu einer solchen kollektiven Anstrengung trieb. Denn sie waren nach ihrer Ankunft am Turkanasee nicht nur mit neuen Umweltbedingungen konfrontiert, sondern standen nun auch in Konkurrenz zu den bereits dort ansässigen Fischer-Kulturen.

"Diese Monumente könnten als ein Ort gedient haben, an dem sich diese Menschen versammelten, ihre sozialen Bindungen erneuertem und den Zusammenhalt der Gemeinschaft stärkten", mutmaßt Anneke Janzen vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. "Der Informationsaustausch während der gemeinsamen Rituale könnten den Hirten zudem geholfen haben, mit der sich schnell verändern Umwelt zurechtzukommen." (Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 2018; doi: 10.1073/pnas.1721975115)
(PNAS/ Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, 21.08.2018 - NPO)
 
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