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Freitag, 21.09.2018
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Schizophrenie: Die Rolle der Plazenta

Vorgeburtliche Komplikationen erhöhen die Aktivität von Risikogenen im Mutterkuchen

Folgenreiches Zusammenspiel: Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen erhöhen womöglich das Risiko für eine genetisch bedingte Schizophrenie des Kindes. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Plazenta, wie eine Studie offenbart: Zeigt der Mutterkuchen Anzeichen von Stress, werden mit der psychischen Störung assoziierte Risikogene dort vermehrt abgelesen. Bei Schwangerschaften mit Jungen sind die fraglichen Gene besonders aktiv - dies könnte erklären, warum Männer zwei- bis viermal so häufig erkranken wie Frauen.
Während der Schwangerschaft ist das Kind über die Plazenta mit der Mutter verbunden.

Während der Schwangerschaft ist das Kind über die Plazenta mit der Mutter verbunden.

Schizophrenie ist eine psychische Störung, bei der die Gedanken und Wahrnehmungen der Betroffenen im Vergleich zu gesunden Menschen stark verändert sind. Als Folge haben die Patienten häufig Probleme bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben und im Umgang mit Anderen. Das Leiden betrifft rund ein Prozent der weltweiten Bevölkerung - eine Aussicht auf Heilung gibt es für diese Menschen bislang nicht.

Das liegt auch daran, dass über die biologischen Ursachen der Schizophrenie bisher nur wenig bekannt ist. Klar ist inzwischen allerdings: Sowohl pränataler Stress als auch eine gewisse genetische Veranlagung scheinen das Erkrankungsrisiko zu erhöhen. Wissenschaftler um Daniel Weinberger vom Lieber Institute for Brain Development in Baltimore und seine Kollegen haben nun untersucht, ob es womöglich einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren gibt.

Fünffach höheres Risiko


Für ihre Studie werteten die Forscher Daten von 2.038 Schizophrenie-Patienten und 762 gesunden Kontrollpersonen aus den USA, Europa und Asien aus. Für sämtliche Probanden lagen ihnen dabei sowohl Ergebnisse aus genetischen Tests vor als auch Informationen zum Schwangerschaftsverlauf sowie möglichen Komplikationen bei oder direkt nach der Geburt.


Die Analysen zeigten: Durch genetische Risikofaktoren allein scheint sich die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung nicht zuverlässig vorhersagen zu lassen. Dies ermöglicht erst ein zusätzlicher Blick auf die Phase im Mutterleib. Kam es zu vorgeburtlichen Komplikationen, erhöhte sich das Risiko, zu erkranken, demnach erheblich. So war das Risiko für eine genetisch bedingte Schizophrenie bei Probanden mit solchen Vorgeschichten fünffach höher als bei Studienteilnehmern mit ähnlichem genetischen Risiko, aber ohne Schwangerschaftskomplikationen.

Mehr Stress, gesteigerte Genaktivität


Wie kann das sein? Auf der Suche nach einer Antwort führten die Wissenschaftler weitere Untersuchungen durch. Dabei stellten sie fest: Im Gewebe von Plazenten aus komplizierten Schwangerschaften wurden Gene, die mit einem erhöhten Schizophrenie-Risiko assoziiert sind, offenbar vermehrt abgelesen.

Und: Je mehr Anzeichen von Stress dieses wichtige Verbindungsgewebe zwischen Mutter und Kind zeigte, desto stärker waren diese Gene aktiv. Wie stark die fraglichen Gene aktiviert waren, hing jedoch auch vom Geschlecht des Kindes ab. So waren diese bei Schwangerschaften mit Jungen aktiver als bei Mädchen, wie das Team berichtet.


Zusammenhang zwischen Genen und Umwelt


Das bedeutet, dass es einen biologischen Zusammenhang zwischen der Genaktivität und Umwelteinflüssen wie einer Schwangerschaftsvergiftung zu geben scheint - und dass die Plazenta dabei als eine Art Risikomediator dient. "Diese Erkenntnis rückt die Plazenta in den Fokus der Frage, wie Gene und Umwelt interagieren und auf diese Weise den Verlauf der Gehirnentwicklung beeinflussen", konstatiert Weinberger.

In Zukunft könnten die Ergebnisse nach Ansicht des Teams dabei helfen, das individuelle Risiko für mentale Erkrankungen besser abzuschätzen und womöglich schon im Mutterleib zu minimieren: Indem die Widerstandskraft und Gesundheit des Mutterkuchens gefördert wird.

Erklärung für Geschlechtsunterschiede


"Die Ergebnisse dieser äußerst interessanten und wichtigen Studie kommen nicht überraschend", kommentiert der nicht an der Untersuchung beteiligte Florian Rakers vom Universitätsklinikum Jena.

"Die Plazenta ist die wesentliche Schnittstelle zwischen Mutter und Kind und schon länger als Stressmediator bekannt. Richtungsweisend ist die Entdeckung einer erhöhten Expression von Risikogenen in männlichen Plazenten, da sie möglicherweise erstmals erklären kann, warum Schizophrenie bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen." (Nature Medicine, 2018; doi: 10.1038/s41591-018-0021-y)
(Nature Press/ Burness , 29.05.2018 - DAL)
 
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