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Freitag, 21.09.2018
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Übten Steinzeit-Chirurgen an Tieren?

Loch in einem jungsteinzeitlichen Kuhschädel deutet auf chirurgische Praktik hin

Test für den Ernstfall: Schon unsere Steinzeit-Vorfahren könnten komplizierte Operationen zunächst an Tieren geübt haben, bevor sie sich an menschliche Patienten wagten. Darauf deutet die Analyse eines Kuhschädels mit Loch hin. Demnach handelt es sich bei dieser Verletzung um eine chirurgische Schädelöffnung. Sie ähnelt damals an Menschen durchgeführten Prozeduren und könnte damit der früheste Beleg für medizinische Experimente an Tieren sein.
Musste diese Kuh zu Lebzeiten als Versuchstier herhalten?

Musste diese Kuh zu Lebzeiten als Versuchstier herhalten?

Menschen wendeten bereits in der Steinzeit nachweislich medizinische Praktiken an. Viele Beschwerden bekämpften sie mit einfachen Mitteln wie Heilkräutern. Mitunter führten sie aber sogar schon hochriskante Operationen durch. Davon zeugen zum Beispiel teilweise mehr als 10.000 Jahre alte menschliche Schädel mit Spuren der sogenannten Trepanation - einer chirurgischen Prozedur, bei der ein Loch in den Schädel gebohrt oder geschnitten wurde.

Wozu diese Schädellöcher dienten, lässt sich nicht sicher sagen. Möglich ist, dass unsere Vorfahren die Schädeldecke öffneten, um etwa nach einer Verletzung einen erhöhten Hirndruck zu senken. Es werden aber auch rituelle Gründe für diese Praktik diskutiert. Klar ist in jedem Fall: Die Operateure, die die Schädelöffnung durchführten, müssen ihr Fach verstanden haben. Denn wie Studien belegen, haben damals erstaunlich viele Patienten die riskante Prozedur überlebt.

Eine Kuh mit Loch im Kopf


Wie aber konnten sich diese Menschen solche speziellen Kenntnisse aneignen? Fernando Ramirez Rozzi von der Faculté de Chirurgie Dentaire in Montrouge und sein Kollege haben nun einen Schädel untersucht, der eine Antwort liefern könnte: die sterblichen Überreste einer Kuh. Die in der jungsteinzeitlichen Siedlung Champ-Durand in Frankreich gefundenen Knochen stammen aus der Zeit um 3.400 bis 3.000 vor Christus und weisen ein auffälliges Merkmal auf, wie die Archäologen berichten.


Demnach ist in dem Rinderschädel im Bereich über dem rechten Auge ein 6,5 mal 4,5 Zentimeter großes Loch zu sehen. Doch wie hatte sich die Kuh diese Verletzung zu Lebzeiten zugezogen? Einige Forscher gingen zunächst davon aus, dass das Loch von einem Kampf mit einem anderen Tier herrührte - ein Hornstoß sei verantwortlich dafür. Doch das Team um Rozzi kommt zu einem anderen Schluss.

Die Schnittspuren im Kuhschädel (a, b, c) ähneln denen, die Steinzeit-Chirurgen bei der Öffnung eines menschlichen Schädels (d, e) hinterließen.

Die Schnittspuren im Kuhschädel (a, b, c) ähneln denen, die Steinzeit-Chirurgen bei der Öffnung eines menschlichen Schädels (d, e) hinterließen.

Technik wie beim Menschen


Die Archäologen sahen sich den Schädel und die Verletzung mithilfe von Röntgengeräten und einem Rasterelektronenmikroskop im Detail an. Dabei stellten sie fest: Das Loch ist auffällig symmetrisch und an den Knochen sind keinerlei Spuren zu finden, die auf die Ausübung von Druck durch eine Kraft wie einen Hornstoß hindeuten würden. Stattdessen finden sich rund um die Verletzung zahlreiche Schnitt- und Ritzspuren - und die kann nur ein Mensch dort hinterlassen haben.

Die Wissenschaftler verglichen den Tierschädel mit einem menschlichen Schädel aus der Jungsteinzeit, an dem eine Trepanation durchgeführt wurde. Es zeigte sich: Die Schnittspuren auf beiden knöchernen Relikten ähneln sich stark. Das Loch im Schädel der Kuh wurde demnach mit derselben Technik kreiert wie das im Schädel des Menschen.


Tierarzt oder Chirurg mit Übungsbedarf?


Damit scheint klar, dass das Loch von einer chirurgischen Operation herrühren muss. Nun gibt es Rozzi und seinem Kollegen zufolge zwei Möglichkeiten: Entweder wurde die Operation durchgeführt, um der Kuh selbst zu helfen. In diesem Fall wäre der Schädel von Champ-Durand der früheste Beleg für die Anwendung veterinärmedizinischer Maßnahmen in der Menschheitsgeschichte.

Die alternative Interpretation: Die Schädeloperateure der Jungsteinzeit übten lieber erst an einem Tier, bevor sie sich an einen Versuch beim Menschen wagten. Dann wäre der Fund der älteste bekannte Nachweis für chirurgische Experimente an Tieren, wie die Forscher konstatieren.

Für diese These spricht ihnen zufolge, dass der Schädel keine Anzeichen von Heilungsprozessen aufweist. Die Schädelöffnung könnte demzufolge an einer bereits toten Kuh vollzogen worden sein - oder aber das Tier überlebte die Operation nicht. (Scientific Reports, 2018; doi: 10.1038/s41598-018-23914-1)
(Nature Press, 23.04.2018 - DAL)
 
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