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Mittwoch, 21.11.2018
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Rätsel der "Turmschädel"-Frauen gelöst?

Mittelalterliche Frauen mit deformierten Schädeln stammten vom Balkan

Mysteriöse Fremdlinge: Vor 1.500 Jahren lebten in Bayern Frauen, die seltsam anders waren: Ihre Schädel waren langgezogen deformiert und ihre dunklen Augen unterschieden sie von der restlichen Bevölkerung. Woher diese Frauen kamen, haben nun Forscher mithilfe von Genanalysen untersucht. Sie enthüllen: Die Frauen mit den "Turmschädeln" waren keine Einheimischen, sondern stammten vom Balkan. Möglicherweise kamen sie als "politische Bräute" zu den Bajuwaren.
Schädel aus 1.500 Jahre alten Gräbern in Bayern. Links ein deformierter "Turmschädel", rechts ein normaler Schädel und in der Mitte eine Zwischenform.

Schädel aus 1.500 Jahre alten Gräbern in Bayern. Links ein deformierter "Turmschädel", rechts ein normaler Schädel und in der Mitte eine Zwischenform.

Das fünfte und sechste Jahrhundert waren eine Umbruchszeit in Mitteleuropa: Das römische Reich brach auseinander und aus Zentralasien zogen die Hunnen nach Westen bis in das Donaugebiet. Im spätantiken Grenzgebiet kam es dabei immer wieder zu Kämpfen, aber auch zu einem friedlichen Miteinander der Kulturen. Im Gebiet des heutigen Bayern etablierte sich zu dieser Zeit das Volk der Bajuwaren – vermutlich durch eine Mischung von einheimischen Germanen mit Flüchtlingen aus den von Hunnen besetzten Gebieten.

Rätselhafte Turmschädel


Ein Phänomen aus dieser Zeit sorgt jedoch für Rätselraten: Vor allem in Gräbern in Süddeutschland wurden immer wieder Tote gefunden, deren Schädel auffällig deformiert waren. Sie waren langausgezogen und seitlich zusammengedrückt – ähnlich wie es bei den Inkas und anderen Kulturen Mittelamerikas früher üblich war. Auch viele Hunnen brachten damals den Kopf ihrer Kinder durch feste Bandagen in eine solche Form, daher könnte es sein, dass dieser Brauch von einigen Germanen übernommen wurde.

Rätselhaft nur: Unter den in Mitteleuropa gefundenen "Turmschädeln" sind ausschließlich erwachsene Frauen. Bisher wurden weder Kinder noch Männer mit einer solchen Schädeldeformation in den Gräbern von Bajuwaren, Franken oder anderen Stämmen jener Zeit gefunden.


Frühmittelalterliche Grabbeigaben aus Altenerding in Bayern

Frühmittelalterliche Grabbeigaben aus Altenerding in Bayern

Spurensuche im Genom


Aber warum? Um das herauszufinden, haben Joachim Burger von der Universität Mainz und sein Team die Anatomie und das Erbgut von 36 Toten untersucht, die um 500 nach Christus in sechs Friedhöfen in Süddeutschland begraben worden waren. Unter den Toten waren 14 mit mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Turmschädeln.

Das Ergebnis: Die Toten mit deformierten Schädeln waren auch hier alle weiblich. Bei neun Frauen waren die Turmschädel eindeutig erkennbar, bei vier weiteren gab es Anzeichen dafür, wie die Forscher berichten. Aber: Unter den Toten waren auch 13 Frauen mit völlig normaler Schädelform. Demnach war es damals nicht generell üblich, weiblichen Kindern die Köpfe zu bandagieren.

Braunäugige Fremde


"Das erstaunlichste Resultat aber sind die genetischen Unterschiede", berichten Burger und seine Kollegen: Die Frauen und Männer mit den normalen Schädeln bildeten eine relativ homogene Gruppe mit mittel- und nordeuropäischer Abstammung. Die DNA-Analysen sprechen dafür, dass die meisten dieser Toten zu Lebzeiten blaue Augen und blonde Haare besaßen.


Anders dagegen die Frauen mit den Turmschädeln: Sie besaßen vorwiegend braune Augen und vielfach auch dunkle Haare, wie die DNA-Analysen ergaben. Und auch ihre Herkunft war eine andere: "Die Mehrheit dieser DNA-Proben ähnelten denen aus dem heutigen Südosteuropa – aus Bulgarien und Rumänien", berichten die Forscher. "Ein direkter genetischer Einfluss von zentralasiatischen Hunnen kann dagegen nur marginal gewesen sein." Das spricht dafür, dass diese Frauen vom Balkan stammten.

Herkunft nach DNA-Übereinstimmungen. A und B: Männer und Frauen ohne Schädeldeformation, C: Frauen mit Turmschädel.

Herkunft nach DNA-Übereinstimmungen. A und B: Männer und Frauen ohne Schädeldeformation, C: Frauen mit Turmschädel.

Dazu würde auch die deutlich größere genetische Vielfalt dieser Frauen passen: In ihrem Erbgut mischten sich Gene mitteleuropäischer Herkunft mit denen aus dem Süden und Südosten Europas und sogar aus Zentralasien. "Im mittleren und unteren Donaubecken lebte damals eine stark gemischte Bevölkerung", erklären Burger und seine Kollegen. Gleichzeitig ist aus dieser Region bekannt, dass dort Schädeldeformationen häufiger praktiziert wurden.

"Prinzessinnen" vom Balkan


Doch wie und warum kamen diese Frauen nach Bayern? Nach Ansicht der Archäologen müssen diese Frauen damals in ihrer neuen Heimat gut integriert gewesen sein. Denn ihre Gräber und Grabbeigaben unterscheiden sich nicht von denen der einheimischen Bajuwaren. Es ist sogar durchaus wahrscheinlich, dass die Frauen mit den Turmschädeln einen hohen Rang bekleideten.

"Die Schädeldeformation war eine aufwändige und langwierige Prozedur", erklären Burger und seine Kollegen. Sie wurde deshalb vermutlich eher an höherrangigen Personen durchgeführt. Die Archäologen vermuten deshalb, dass die Turmschädel-Frauen in ihrer Heimat zur Elite gehörten – möglicherweise waren sie sogar eine Art Prinzessinnen.

"Sie könnten nach Bayern verheiratet worden sein, um strategische Allianzen zwischen den Bajuwaren und den Völkern des Balkan zu festigen", mutmaßen die Forscher. Noch ist dies allerdings reine Spekulation. Denn warum und wie die rätselhaften Turmschädel-Frauen wirklich in die Dörfer der frühmittelalterlichen Bajuwaren gelangten, bleibt vorerst noch unbekannt.

"Beispiel weiblicher Mobilität"


Doch zumindest über ihre Herkunft herrscht nun ein wenig mehr Klarheit. "Es ist dies ein einmaliges Beispiel von weiblicher Mobilität, die größere Kulturräume überbrückt", sagt Burger. "Wir müssen damit rechnen, dass noch viele weitere, bislang ungeahnte bevölkerungsdynamische Phänomene an der Genese unserer frühen Städte und Dörfer mitgewirkt haben." (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018; doi: 10.1073/pnas.1719880115a)
(PNAS, 13.03.2018 - NPO)
 
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