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Samstag, 18.08.2018
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Resistente Keime in deutschen Gewässern

Flüsse, Bäche und Badeseen sind mit multiresistenten Bakterien belastet

Gefährliche Kontamination: Deutsche Gewässer sind vielerorts mit Antibiotika-resistenten Bakterien belastet. Das enthüllt eine exemplarische Untersuchung in Niedersachsen im Auftrag des NDR. Demnach sind Flüsse, Bäche und auch Badeseen voll mit multiresistenten Erregern. Besonders alarmierend dabei: Manche dieser Keime sind sogar gegen wichtige Reservemedikamente wie das Notfall-Antibiotikum Colistin immun.
Die Idylle trügt: Deutsche Gewässer wie der Fluss Hase sind mit Anitbiotika-resistenten Keimen belastet.

Die Idylle trügt: Deutsche Gewässer wie der Fluss Hase sind mit Anitbiotika-resistenten Keimen belastet.

Antibiotika-Resistenzen gelten inzwischen als eine der größten Gesundheitsgefahren weltweit - und das Problem greift immer weiter um sich. Viele Bakterien, darunter der Krankenhauskeim MRSA, sind bereits gegen mehrere Medikamentenklassen immun. Allein in Europa infizieren sich jährlich mehr als 2,5 Millionen Menschen mit solchen multiresistenten Erregern - viele Tausende sterben daran.

Die resistenten Keime breiten sich zunehmend auch in der Umwelt aus: Sie gelangen zum Beispiel über Gülle und Fischfutter aus der Tierhaltung in Böden und Gewässer - auch in Deutschland. Doch wie stark sind die Gewässer hierzulande wirklich belastet? Eine Untersuchung im Auftrag des NDR liefert nun erschreckende Hinweise darauf.

Nachweis in allen Proben


Für seine Recherche hat der Rundfunksender Wasser- und Sedimentproben aus zwölf verschiedenen Orten in Niedersachsen analysieren lassen - darunter Bäche, Flüsse und zwei Badeseen. Das Ergebnis: In sämtlichen Proben wiesen die Wissenschaftler multiresistente Erreger nach. Sogar an Stellen, an denen aufbereitetes Wasser gerade frisch aus der Kläranlage kommt, ist die Belastung demnach teils hoch - etwa in dem Fluss Hase, kurz hinter dem Ausfluss des kommunalen Klärwerks von Osnabrück.


Bei den gefundenen Keimen handelt es sich hauptsächlich um multiresistente gram-negative Bakterien (MRGN). Solche Erreger bereiten Ärzten seit einigen Jahren größere Sorgen als die bekannten MRSA-Keime. Denn sie können zu schwerwiegenden Erkrankungen führen, die schwer zu behandeln sind. Besonders gefährdet sind vorerkrankte Menschen, aber auch Ältere und Neugeborene.

Zwar lösen die Erreger bei gesunden Menschen in der Regel keine Infektion aus. Bei einer offenen Wunde oder einer eventuell nötigen Operation können sie aber zum Problem werden. Zudem besteht die Gefahr, dass die Bakterien beispielsweise in Kliniken oder Pflegeheime weitergetragen werden.

Gefährliches Resistenzgen


"Das ist wirklich alarmierend", sagt der Antibiotika-Experte Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut zu den Funden. "Die Erreger sind anscheinend in der Umwelt angekommen und das in einem Ausmaß, das mich überrascht." Besonders erschreckend sei, dass einige der Keime selbst Resistenzen gegen wichtige Reserve-Antibiotika aufweisen.


So fanden die Forscher an fünf der zwölf Probenorte Bakterien mit dem sogenannten mcr-1-Gen. Organismen, die dieses Gen in sich tragen, sind resistent gegen das besonders wichtige Reserve-Antibiotikum Colistin. Das Notfallmedikament wird nur in lebensbedrohlichen Situationen eingesetzt, wenn alle anderen Antibiotika versagen. Die Wissenschaftler halten es für wahrscheinlich, dass das Resistenzgen aus der Tierhaltung stammt, denn dort wird Colistin im Gegensatz zur Humanmedizin auch in größeren Mengen eingesetzt.

"Wissen nicht ausreichend"


Grund für Alarmstimmung sind die Ergebnisse für die zuständigen Ministerien jedoch offenbar nicht. So schätzt das Gesundheitsministerium in Niedersachsen das Risiko allgemein als eher gering ein und sieht keinen besonderen Handlungsbedarf.

Das Bundesumweltministerium erklärte dem NDR indes, das Wissen zur Verbreitung von Resistenzen über die Umwelt sei nicht ausreichend und müsse zunächst systematischer untersucht werden. Handlungsbedarf räumte das Ministerium für Badegewässer ein. Auch eine weitergehende Abwasserreinigung sei zumindest in einigen Gebieten erforderlich. Doch für die Umsetzung seien die Bundesländer zuständig.

Mehr zu dem Thema in der Sendung "Panorama - die Reporter" heute Abend um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen.
(Norddeutscher Rundfunk, 06.02.2018 - DAL)
 
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