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Donnerstag, 23.11.2017
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Gentherapie hilft "Schmetterlingskind"

Forscher transplantieren schwerkrankem Jungen aus genmodifizierten Stammzellen gezüchtete Haut

Hoffnung für Schmetterlingskinder: Forscher haben einem schwerkranken Jungen erstmals großflächig Haut aus genveränderten Stammzellen transplantiert. Das Kind litt an der erblich bedingten Schmetterlingskrankheit, bei der sich die Haut ablöst. Dank der experimentellen Gentherapie kann es nun wieder ein normales Leben führen. Ob der Erfolg von Dauer ist und die Methode eines Tages auch anderen Patienten helfen kann, muss sich jedoch erst noch zeigen.
Nachgezüchtete Haut aus genetisch modifizierten Stammzellen

Nachgezüchtete Haut aus genetisch modifizierten Stammzellen

Wer an der seltenen Schmetterlingskrankheit leidet, hat eine extrem empfindliche Haut - so empfindlich wie die Flügel eines Falters. Bereits geringste Einwirkungen oder Stöße führen zu Blasen, Wunden und Hautverlust. Das schränkt nicht nur die Lebensqualität stark ein. Häufig erleiden Betroffene auch lebensgefährliche Infektionen oder erkranken an Hautkrebs.

Ursache der Erbkrankheit Epidermolysis bullosa sind Schäden an eiweißbildenden Genen. Sie führen dazu, dass Proteine, die für den Hautaufbau wichtig sind, nicht ausreichend gebildet werden. Als Folge ist die obere Hautschicht, die Epidermis, nur unzureichend mit der darunterliegenden Dermis verankert und löst sich leicht ab. Eine Heilung ist bisher nicht möglich.

Reparierte Stammzellen


Nun aber macht ein spektakulärer Einzelfall Hoffnung, dass den Patienten doch eines Tages geholfen werden kann. Denn Wissenschaftlern um Tobias Hirsch von der Ruhr Universität Bochum ist es gemeinsam mit italienischen Kollegen von der Universität Modena gelungen, ein schwerkrankes "Schmetterlingskind" erfolgreich zu behandeln: mit aus genmodifizierten Stammzellen gezüchteter Haut.


Für die experimentelle Therapie nahmen die Forscher von dem damals siebenjährigen Hassan Hautproben aus einer noch intakten Körperstelle, um daraus Stammzellen zu gewinnen. In diese Zellen schleusten sie ein gesundes Gen für die Bildung der funktionstüchtigen Hauteiweiße mithilfe sogenannter retroviraler Vektoren ein - gezielt für den Gentransport veränderte Viruspartikel. Die genveränderten Stammzellen wurden anschließend im Labor gezüchtet und zu Hauttransplantaten verarbeitet.

Großflächige Transplantation


Diese wurden Hassan im Zuge mehrerer Operationen auf Arme und Beine, den gesamten Rücken, die Flanken und Teile des Bauchs sowie des Halses und Gesichts transplantiert. "Insgesamt wurden dem kleinen Patienten 0,94 Quadratmeter transgene Epidermis und damit 80 Prozent seiner Körperoberfläche transplantiert", berichtet Hirsch.

Die Mediziner hatten den Eltern des Jungen die Behandlung vorgeschlagen, nachdem dieser in einem lebensbedrohlichen Zustand in die Kinderintensivstation des Katholischen Klinikums in Bochum aufgenommen worden war - 60 Prozent seiner Oberhaut waren zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. "Er litt an einer ausgeprägten Sepsis mit hohem Fieber und wog nur noch 17 Kilogramm", sagt Tobias Rothoeft, Oberarzt am Katholischen Klinikum.

Letzte Chance für Hassan


Alle konservativen und chirurgischen Therapieversuche schlugen fehl. Das Gentherapie -Experiment war Hassans letzte Chance - und ein durchschlagender Erfolg. Schon nach der ersten Transplantation im Oktober 2015 begann sich der Zustand des kleinen Patienten zu verbessern, wie die Mediziner berichten. Die Integration des intakten Gens hatte funktioniert und konnte als stabil nachgewiesen werden.

Heute, zwei Jahre nach Beginn der Behandlung, zeigt sich in den transplantierten Arealen eine gesund aussehende Haut, die rückfettet, Haare ausbildet und narbenfrei ist. Hassan besucht wieder die Schule, kann Fußball spielen und am sozialen Leben seiner Familie teilnehmen.

Langfristiger Erfolg ungewiss


Nach Aussage des internationalen Behandlungsteams ist Hassan der weltweit erste Patient, der großflächig mit Hauttransplantaten aus transgenen epidermalen Stammzellen versorgt wurde. "Dieser Ansatz bietet erhebliches Potenzial für die Erforschung und Entwicklung neuer Therapieverfahren zur Behandlung der Epidermolysis bullosa und von Patienten mit großen Hautschädigungen", sagt Hirsch.

Ob Hassan auf Dauer gesund bleibt, muss sich jedoch erst noch zeigen. "Ob langfristig eine völlig normale Haut mit dieser Behandlung erreicht werden kann, bleibt noch offen", sagt die nicht an der Studie beteiligte Dermatologin Leena Bruckner-Tuderman vom Universitätsklinikum Freiburg. Hinzu kommt: Grundsätzlich besteht bei Gentherapien wie der vorgestellten das Risiko, dass sich das neue Gen an einer ungünstigen Stelle im Erbgut einbaut. Krebserkrankungen können die Folge sein.

"Entscheidender Fortschritt"


Trotzdem hält die Medizinerin den Therapieansatz der Forscher für einen entscheidenden Fortschritt in der Stammzellbiologie der Haut. Zudem sei der Behandlungserfolg bei einem schwerkranken Kind, das Wunden auf einem Großteil der Hautoberfläche hatte, eine herausragende ärztliche und pflegerische Leistung.

Ob die Behandlung mit aus genveränderten Stammzellen gezüchteter Haut künftig auch weiteren Schmetterlingskindern oder Patienten mit anderen Hautkrankheiten helfen kann, ist ungewiss. "Die Ergebnisse dieser Studie können prinzipiell aber auf einige andere Hautkrankheiten übertragen werden. Die Kombination der Genkorrektur und Transplantaten aus Stammzellen bedingt jedoch, dass der Gendefekt in den Zellen der Oberhaut aktiv ist, was nur bei einem Teil der bekannten Erkrankungen der Fall ist", schließt Bruckner-Tuderman. (Nature, 2017; doi: 10.1038/nature24487 )
(Ruhr-Universität Bochum, 09.11.2017 - DAL)
 
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