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Samstag, 25.11.2017
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China: Frühmensch-Genom entschlüsselt

DNA-Analyse bringt überraschende Verwandtschaftsverhältnisse ans Licht

40.000 Jahre alter "Chinese": Forscher haben das Genom des ältesten je in China gefundenen modernen Menschen entschlüsselt. Wie sie herausfanden, ist der Homo sapiens-Vertreter ein entfernter Cousin heute lebender Asiaten. Gleichzeitig ist er mit Ureinwohnern aus Südamerika verwandt - nicht jedoch mit Indianern aus dem Norden. Dieses überraschende Verwandtschaftsverhältnis scheint nun die vor kurzem aufgestellte These zu bestätigen, dass nicht eine, sondern mindestens zwei eigenständige Bevölkerungsgruppen aus Asien nach Amerika einwanderten.
Skelett des 40.000 Jahre alten Tianyuan-Menschen aus China

Skelett des 40.000 Jahre alten Tianyuan-Menschen aus China

Vor rund 60.000 Jahren machte sich der Homo sapiens von Afrika aus auf, die Welt zu erobern. In unterschiedlichen Strömen breitete er sich in Europa, Asien und schließlich in Amerika aus. Zwischendurch traf er wahrscheinlich im Mittleren Osten auf den Neandertaler und zeugte Mischlinge mit ihm. Bis heute tragen Europäer und Asiaten daher rund zwei Prozent DNA der ausgestorbenen Eiszeitmenschen in sich.

40.000 Jahre alte DNA


Auf welchen Pfaden unsere Vorfahren die Kontinente eroberten, von wem die ersten Siedler der unterschiedlichen Regionen abstammten und inwiefern sie mit den heute dort lebenden Menschen verwandt sind, können Wissenschaftler anhand fossiler Erbgutproben recht gut nachvollziehen. Mit einer Ausnahme: Ostasien.

"Während das Genom von einigen frühen Homo sapiens aus Europa und Sibirien entschlüsselt worden ist, fehlten solche umfangreichen Analysen bisher für Ostasien und insbesondere China", schreiben Forscher um Qiaomei Fu von der Chinese Academy of Sciences in Peking. Doch diese Lücke hat das Team nun geschlossen. Dafür sequenzierten die Wissenschaftler die DNA eines rund 40.000 Jahre alten "Chinesen", dessen Gebeine 2003 in der Tianyuan-Höhle bei Peking entdeckt worden waren. Das Fossil ist der älteste bekannte moderne Mensch in China und einer der ältesten in ganz Ost-Eurasien.


Fünf Prozent Neandertaler, null Denisova


Die Ergebnisse zeigen, dass der Tianyuan-Mensch unter den heute lebenden Menschen tatsächlich am engsten mit Bevölkerungsgruppen in Ost- und Südostasien verwandt ist - darunter China, Japan, Korea, Papua-Neuguinea und Australien.

Mit frühen Europäern und anderen Asiaten hat er das Erbe des Neandertalers gemein: Rund vier bis fünf Prozent seiner DNA stammen den Forschern zufolge von dem Eiszeitmenschen. Erbgut des rätselhaften Denisova-Menschen, wie es etwa die heutigen Bewohner Papua-Neuguineas in sich tragen, enthält das Genom hingegen nicht.

Entfernter Cousin


Die eigentliche Überraschung aber sind zwei andere Erkenntnisse: Zum einen hat der Tianyuan-Mensch DNA mit einem 35.000 Jahre alten, in Belgien gefundenen Homo sapiens gemein. Das ist insofern merkwürdig, weil kein heute lebender Europäer und kein anderer unserer europäischen Vorfahren aus dieser Zeit diese Ähnlichkeiten mit dem Menschen aus China aufweist.

Auch Homo sapiens, die zur selben Zeit in Sibirien lebten, tragen dieses charakteristische Merkmal nicht. Für die Wissenschaftler ist das ein Beleg dafür, wie komplex die Entwicklungsgeschichte europäischer und asiatischer Populationen ist. Ihnen zufolge sprechen die Ergebnisse zudem dafür, dass der Tianyuan-Mensch kein direkter Vorfahre jener Bevölkerung ist, aus der die heutigen Asiaten hervorgegangen sind - sondern eher ein entfernter Cousin.

Verbindungen nach Südamerika


Zum anderen deckte das Team um Fu ein weiteres unerwartetes Verwandtschaftsverhältnis auf. Demnach ist der Tianyuan-Mensch entfernt mit indigenen Bevölkerungsgruppen verwandt, die heute im Amazonas in Südamerika leben. Den Analysen zufolge haben etwa die Karitiana- und die Surui-Indianer aus Brasilien sowie die Chané aus Nordargentinien und Südbolivien neun bis 15 Prozent ihres Erbguts von derselben asiatischen Ahnenpopulation geerbt, von der auch der Tianyuan-Mensch abstammt.

Gleichzeitig ist der Mensch aus China jedoch nicht mit Indianerstämmen in Nordamerika verwandt. Das legt nahe, dass die Ureinwohner im Norden des amerikanischen Kontinents von einer anderen asiatischen Bevölkerung abstammen als jene im Süden. Damit scheint sich eine These zu bestätigen, die Wissenschaftler bereits 2015 aufstellten.

Multi-Kulti-Kontinent


Schon damals stellte sich heraus, dass Indianerstämme aus Südamerika asiatische Spuren in ihrem Erbgut aufwiesen, die man bei den Ureinwohnern des Nordens nicht gefunden hatte. Die Forscher schlussfolgerten deshalb: Die modernen Menschen, die vor rund 20.000 Jahren nach Amerika einwanderten, können nicht als eine Einheit verstanden werden. Stattdessen müssen zeitgleich mehrere zwar miteinander verwandte, aber dennoch eigenständige Populationen aus Asien in die Neue Welt gekommen sein.

Zu diesem Zeitpunkt war Asien offenbar schon lange ein Multi-Kulti-Kontinent: "Der Tianyuan-Mensch ist doppelt so alt wie die ersten Homo sapiens, die nach Asien kamen. Die Vielfalt, die wir heute bei den Ureinwohnern Amerikas sehen, muss es in Asien folglich schon lange vorher in Form von mindestens zwei unterschiedlichen Populationen gegeben haben", schreibt das Team in einer Mitteilung. (Current Biology, 2017; doi: 10.1016/j.cub.2017.09.030)
(Chinese Academy of Sciences Headquarters, 17.10.2017 - DAL)
 
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