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Donnerstag, 14.12.2017
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Skurril: Spinnen-"Tanten" opfern sich

Unverpaarte Weibchen lassen sich vom Nachwuchs ihrer Schwestern fressen

Tödliche Fürsorge: Einige Spinnenarten sind sozial bis in den Tod. Denn bei ihnen helfen unverpaarte Weibchen nicht nur bei der Aufzucht des Nachwuchses, sie lassen sich von ihm sogar fressen. Der Hintergrund dieses selbstlosen Opfers: Die Weibchen sind die Tanten der Spinnenkinder – und damit genetisch eng verwandt. Tragen sie dazu bei, dass der Nachwuchs überlebt, geben sie gleichzeitig auch einen Teil ihrer eigenen Gene weiter.
Bei der sozialen Spinne Stegodyphus dumicola versorgen auch jungfräuliche Weibchen die Eikokons und Jungspinnen - und opfern dafür sogar ihr Leben.

Bei der sozialen Spinne Stegodyphus dumicola versorgen auch jungfräuliche Weibchen die Eikokons und Jungspinnen - und opfern dafür sogar ihr Leben.

Von sozialen Insekten wie den Honigbienen, Ameisen oder Termiten kennt man das: Während die Königin für den Nachwuchs sorgt, versorgen die Arbeiterinnen selbstlos sie und den gesamten Stock mit Nahrung und verteidigen ihn auch – ohne dass sie selbst jemals eigene Nachkommen haben. Dieser Altruismus scheint auf den ersten Blick widersinnig, doch er hat für alle Seiten Vorteile – und machte die sozialen Insekten zu einer der erfolgreichsten Tiergruppen überhaupt.

Gemeinsam statt einsam


Spinnen galten bisher eher als Gegenentwurf dazu: Sie sind meist Einzelgänger und scheuen auch vor Kannibalismus und Vandalismus nicht zurück. Doch es gibt Ausnahmen: Auch bei den Spinnen gibt es soziale Arten. Sie leben in Nestern zusammen, bauen Gemeinschaftsnetze und ziehen ihren Nachwuchs zusammen groß.

Wie weit der Gemeinschaftssinn dieser Spinnen reichen kann, haben nun Anja Junghanns von der Universität Greifswald und ihre Kollegen herausgefunden. Für ihre Studie beobachteten sie das Fortpflanzungsverhalten der in Afrika heimischen sozialen Spinne Stegodyphus dumicola. Im Labor stellten die Forscherinnen Gruppen aus verpaarten und unverpaarten Weibchen zusammen und untersuchten, welche Weibchen Brutpflege und Beutefang betreiben.


Eine Mutter (oranger Rücken) und ein unverpaartes Weibchen (grüner Rücken) zusammen bei der Brutpflege.

Eine Mutter (oranger Rücken) und ein unverpaartes Weibchen (grüner Rücken) zusammen bei der Brutpflege.

Kinderlose als Kindergärtnerinnen


Das überraschende Ergebnis: Es stellte sich heraus, dass nicht nur die Mütter Brutpflege betrieben, sondern auch die unverpaarten Spinnenweibchen. Wie die Mütter bewachen sie die Eikokons mehrere Wochen lang und versorgen die geschlüpften Jungtiere mit hochgewürgter Nahrung (Regurgitation). Am Ende jedoch sie werden vom heranwachsenden Nachwuchs gefressen.

Erstaunlich ist dies vor allem deshalb, weil man bisher annahm, dass unverpaarte Weibchen nur Beutefang und Netzbau betreiben. Für die Jungenaufzucht aber galten sie als nicht geeignet. Denn man glaubte, dass nur die Weibchen zur Regurgitation in der Lage sind, die selbst Kinder produziert haben. "Wir zeigen nun, dass auch die jungfräulichen Weibchen alle Aspekte der Brutpflege leisten können, inklusive der Fütterung der Jungen durch Regurgitation", so Junghanns und ihre Kollegen.

Aufopfern für Nichten und Neffen


Aber warum? Weshalb opfern sich die unverpaarten Weibchen für den Nachwuchs anderer Weibchen auf und geben sogar ihr Leben dafür? Wie die Untersuchungen ergaben, ist der Grund ein ähnlicher wie bei den Honigbienen: Die jungfräulichen Helferinnen sind die Schwestern der Spinnenmütter und damit die Tanten der Jungen. Durch die erfolgreiche Aufzucht ihrer Nichten und Neffen gibt die Tante ihre Gene an die nächste Generation weiter.

"Wegen der engen Verwandtschaft zwischen den Nestgefährten und der geringen Wahrscheinlichkeit, dass die jungfräulichen Weibchen noch einen Partner finden, dient Brutpflege auch den reproduktiven Interessen der Ko-Mütter", erklären die Forscherinnen. Das scheinbar selbstlose Verhalten der unverpaarten Weibchen fördert so letztlich das Überleben des Spinnennests und damit auch ihrer eigenen Gene. (Animal Behaviour, 2017; doi: 10.1016/j.anbehav.2017.08.006)
(Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 19.09.2017 - NPO)
 
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