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Mittwoch, 18.10.2017
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Mega-Staudämme bedrohen Amazonasgebiet

Wissenschaftler warnen vor irreversiblen Schäden durch gigantische Wasserkraft-Projekte

Forscher schlagen Alarm: Das Amazonas-Flussgebiet ist in akuter Gefahr. Denn hunderte neuer Staudämme zur Stromerzeugung sind an den Zuflüssen des Amazonas geplant oder sogar schon in Bau. Gehen sie in Betrieb, drohen dem größten und artenreichsten Flussgebiet der Erde irreversible Schäden, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature" berichten. Denn mit dem Wasser halten die Dämme auch den fruchtbaren Schlamm zurück, der für diese Landschaft überlebenswichtig ist.
Mehr als 500 Staudämme zur Stromproduktion sollen im Amazonasgebiet gebaut werden - für das einzigartige Ökosystem ist dies eine akute Gefahr.

Mehr als 500 Staudämme zur Stromproduktion sollen im Amazonasgebiet gebaut werden - für das einzigartige Ökosystem ist dies eine akute Gefahr.

Der Amazonas ist der wasserreichste Fluss der Erde und die Basis für die "grüne Lunge" der Erde – den Amazonas-Regenwald. Rund sechs Millionen Quadratkilometer umfasst das einzigartige Mosaik aus Regenwald, Wasserflächen und Feuchtgebieten im Amazonasbecken. Fast ein Fünftel des gesamten in die Ozeane strömenden Süßwassers fließt durch dieses Gebiet.

Gleichzeitig ist der Amazonas der größte Transporteur von Sedimenten und Mineralstoffen: Sein Schlamm setzt sich im Amazonas-Tiefland ab und bildet hier die Grundlage für die fruchtbaren Regenwälder und Feuchtgebiete dieser Region. Das in den Atlantik gespülte Sediment versorgt die Mangrovenwälder entlang der Küste von Venezuela und Guyana mit Substrat und Nährstoffen.

Mehr als 500 Staudämme geplant


Doch all dies ist in Gefahr, warnen Edgardo Latrubesse von der University of Texas in Austin und seine Kollegen. Denn Staudämme an den Amazonas-Zuflüssen drohen, der Region sein Wasser und Sediment zu nehmen. Insgesamt sind 568 Staudämme zur Stromerzeugung geplant, davon sind 140 bereits fertiggestellt oder im Bau.


Darunter sind auch echte Mega-Dämme: Allein der Belo-Monte-Damm am Rio Xingu in Brasilien ist 3,5 Kilometer lang und wird 400 Quadratkilometer Regenwald fluten. Mit einer Leistung von elf Megawatt wird die fast fertigestellte Anlage der viertgrößte Staudamm der Welt sein.

Baustelle des Belo-Monte-Staudamms im Jahr 2015. Seit 2016 laufen hier schon die ersten Turbinen.

Baustelle des Belo-Monte-Staudamms im Jahr 2015. Seit 2016 laufen hier schon die ersten Turbinen.

Das Problem: Schon lange ist bekannt, dass gerade sehr große Staubdämme die Landschaft und Ökosysteme flussabwärts extrem verändern und degradieren können. So sorgt die fehlende Sedimentfracht für verstärkte Erosion und verminderte Fruchtbarkeit der Böden und Flussufer. Ausbleibende Hochwässer lassen Feuchtgebiete austrocknen und die Artenvielfalt in den Flüssen sinkt.

"Unumkehrbare Folgen"


Welche Bedrohung die Staudämme für das Amazonasbecken bedeuten, haben Latresse und seine Kollegen nun umfassend ermittelt. Für ihre Studie analysierten sie die Umwelteffekte der Staudämme in den vier Unterbereichen des Amazonasbeckens und entwickelten einen Gefährdungsindex, um die Bedrohung erstmals quantifizieren zu können.

Das Ergebnis: Wenn nichts unternommen wird, sieht die Zukunft für das Amazonasgebiet düster aus: "Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Dämme gebaut wird, wird dies bedeutende Umweltfolgen haben, die unumkehrbar sind", warnen die Forscher. "Es existiert keine vorstellbare Technologie, die dann diese Folgen wieder rückgängig machen könnte."

Überschwemmungen und fruchtbarer Schlamm sind für die Feuchtgebiete am Amazonas überlebenswichtig.

Überschwemmungen und fruchtbarer Schlamm sind für die Feuchtgebiete am Amazonas überlebenswichtig.

Rio Madeira am stärksten bedroht


Akut bedroht sind vor allem die Flüsse und Landschaften im Einzugsgebiet des Rio Madeira, des größten Zuflusses und Sedimentlieferanten des Amazonas. "Schon jetzt ist dieses Gebiet durch die aktuellen Staudamm-Bauten akut beeinträchtigt", berichten die Forscher. Im Gefährdungsindex erreicht das Madeira-Gebiet nahezu flächendecken Werte von 80 bis 100 – und damit die höchsten erreichbaren Werte.

"Und die Umweltaussichten für die Zukunft sehen noch schlimmer aus", sagen Latrubesse und seine Kollegen. "Das Madeirabecken ist das bedrohteste des gesamten Amazonasgebiets." Stark gefährdet sind aber auch weitere Amazonasnebenflüsse darunter Rio Tapajós und Rio Ucayali. Denn an beiden sind gleich mehrere neue Staudämme geplant und beide sind die Heimat einzigartiger und seltener Tier- und Pflanzenarten.

"Ist die Stromgewinnung diesen Preis wert?"


"Die Bewohner der Amazonasregion müssen sich letztlich entscheiden, ob die Produktion von Strom aus Wasserkraft diesen hohen Preis wirklich wert ist: die tiefgreifende Schädigung und Zerstörung des artenreichsten und produktivsten Flusssystems der Erde", sagen die Wissenschaftler. Sie appellieren an die Amazonas-Staaten, die geplanten Dammprojekte noch einmal zu prüfen und vor allem ihre Umweltfolgen genauer zu untersuchen.

Fraglich ist ohnehin, ob sich die rein zur Stromerzeugung gedachten Staudammprojekte überhaupt lohnen: "Jüngste Forschungen zeigen, dass die Baukosten großer Staudämme meist zu hoch sind, um die finanziellen Investitionen wieder einzubringen – und das sogar dann, wenn man die negativen Folgen für Umwelt und Bevölkerung gar nicht berücksichtigt", berichten die Forscher.

Ihrer Ansicht nach müssen die Regierungen der betroffenen Länder in Zukunft nicht nur enger zusammenarbeiten als bisher. Sie sollten auch die Umweltfolgen der Dammprojekte stärker berücksichtigen und einplanen. "Die Amazonasanrainer haben jetzt noch einmal die Chance, über eine nachhaltige Zukunft für ihre einzigartigen Flussressourcen nachzudenken", betonen die Wissenschaftler. (Nature, 2017; doi: 10.1038/nature22333)
(Nature, 15.06.2017 - NPO)
 
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