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Samstag, 22.07.2017
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Amerika: Besiedlung schon vor 130.000 Jahren?

Mögliche Bearbeitungsspuren an Tierknochen werfen spannende Fragen auf

Kann das wahr sein? Schon vor rund 130.000 Jahren könnte es Menschen in Amerika gegeben haben – gut 100.000 Jahre früher als bisher angenommen. Indizien dafür liefern Bearbeitungsspuren an fossilen Mastodonknochen, wie Forscher im Fachmagazin "Nature" berichten. Sollten sich Datierung und Interpretation dieser Knochen bestätigen, könnte dies unser Bild von der Besiedelung Amerikas drastisch verändern. Doch der Fund wirft auch viele Fragen auf.
Die feinen Brüche in diesem Oberschenkel-Knochen eines Mastodons könnten auf menschliche Bearbeitung hindeuten - und dies schon vor 130.000 Jahren.

Die feinen Brüche in diesem Oberschenkel-Knochen eines Mastodons könnten auf menschliche Bearbeitung hindeuten - und dies schon vor 130.000 Jahren.

Nach gängiger Lehrmeinung wanderten die ersten Menschen vor rund 15.000 Jahren über die Beringstraße nach Nordamerika ein. Entlang der Küste und eines eisfreien Korridors breiteten sie sich nach Süden hin aus.

Stimmt dieser Zeitplan, dann müssten sich diese Menschen allerdings extrem schnell bis nach Florida und sogar Argentinien ausgebreitet haben. Ebenfalls nicht ins Bild passen bis zu 24.000 Jahre alte Klingenspuren an Tierknochen, die kürzlich im Norden Alaskas entdeckt wurden. Sie sprechen für eine deutlich frühere Ankunft der ersten Menschen in Nordamerika.

Verräterische Spuren an Mastodonknochen


Ein Indiz für eine ganz andere, viel frühere Besiedlungsgeschichte des Kontinents könnten nun Tierknochen liefern, die Steven Holen vom San Diego Natural History Museum und seine Kollegen analysiert haben. Die bereits 1992 bei Straßenbauarbeiten entdeckten Knochen und Zähne stammen von einem Mastodon, einem ausgestorbenen Verwandten der heutigen Elefanten.


Mastodonknochen am Ausgrabungsort in der Nähe von San Diego. Hier zu sehen sind einige Rippen und Wirbelknochen.

Mastodonknochen am Ausgrabungsort in der Nähe von San Diego. Hier zu sehen sind einige Rippen und Wirbelknochen.

Bereits bei den Ausgrabungen fiel den Forschern auf, dass viele der Knochen beschädigt oder zerschlagen waren - und dies auf ganz spezifische Weise. Die Enden der langen Beinknochen wiesen Spuren von Schlägen mit einem harten Objekt auf, außerdem gab es spiralige Brüche in den Knochen. Die Analyse der Bruchkanten deutete darauf hin, dass dies kurz nach dem Tod der Mastodons geschehen war.

Ebenfalls auffällig: Die Knochenfragmente konzentrierten sich an zwei Stellen des feinkörnigen Sediments. An diesen fanden die Forscher jeweils mehrere größere Steine, die Spuren starker Abnutzung aufwiesen.

Natürliche Ursache oder Menschenwerk?


Was aber war die Ursache? Theoretisch können fossile Knochen und Steine sehr leicht durch geologische Prozesse beschädigt werden. Werden sie beispielsweise durch einen Fluss freigespült und mitgerissen, können Brüche und Abnutzungsspuren entstehen. Auch Raubtiere können Knochen nachträglich beschädigen.

Doch im Falle der Mastodonknochen schließen die Forscher solche natürlichen Ursachen aus: "Ich habe keine Zweifel daran, dass dies eine archäologische Fundstelle ist", sagt Holen. "Die Knochen und mehrere Zähne zeigen klare Anzeichen dafür, dass sie absichtlich zerschlagen wurden - von Menschen mit handwerklichem Geschick und Erfahrung." Experimente mit als Hammer und Amboss genutzten Steinen und großen Tierknochen ergaben zudem ganz ähnliche Bruchspuren wie an der Fossilfundstelle.

Schon 130.00 Jahre alt


Die entscheidende Frage aber war nun: Wie alt sind diese Knochen? Bisher herrschte darüber Unklarheit, weil für eine Radiokarbon-Datierung zu wenig organisches Kollagen in den Fossilien erhalten waren. Holen und seine Kollegen nutzten daher die Methode der Uran-Thorium-Datierung. Über die Zerfallskette dieser radioaktiven Elemente und ihr Verhältnis im Fundstück lässt sich dessen Alter ermitteln.

Das überraschende Ergebnis: Die Mastodonknochen samt Bearbeitungsspuren sind bereits rund 130.000 Jahre alt. Sie sind damit mehr als 110.000 Jahre älter als alle bisher auf dem amerikanischen Kontinent entdeckten Menschenspuren. Sollte diese Datierung stimmen, dann hätte es bereits in der letzten Zwischeneiszeit Menschen in der Neuen Welt gegeben.

Die ersten Amerikaner: Kamen sie schon vor 130.000 Jahren?


Wer waren diese Menschen?


"Diese Entdeckung torpediert unsere Vorstellungen darüber, wann die Menschen die Neue Welt besiedelten", konstatiert Holens Kollegin Judy Gradwohl. "Und sie wirft spannende Fragen darüber auf, wie diese frühen Menschen hierher gelangten und wer sie waren." Stammen die Spuren möglicherweise von einer frühen, aber gescheiterten Besiedlungswelle des Kontinents?

Die frühe Datierung spricht dagegen, dass frühe moderne Menschen diese Spuren hinterließen. Denn vor rund 130.000 Jahren hatte der Homo sapiens Afrika nach Ansicht der meisten Anthropologen noch gar nicht verlassen. Er kann daher nicht der Urheber der Bearbeitungsspuren an den Mastodonknochen gewesen sein.

Wer aber war es dann? Mögliche Kandidaten wären der Homo erectus, der Neandertaler und der rätselhafte Denisova-Mensch. Sie alle kamen zu dieser Zeit auch schon in Teilen Asiens vor – und könnten daher theoretisch von dort aus in die Neue Welt gelangt sein.

Landbrücke scheidet aus


Aber wie? Vor rund 130.000 Jahren begann gerade die Eem-Warmzeit, eine Ära mit eher mildem und feuchtem Klima, in der die Meeresspiegel höher lagen als während der letzten Eiszeit. Die Beringstraße lag zu dieser Zeit teilweise unter Wasser, so dass eine Passage über diese Landbrücke nicht möglich oder zumindest erschwert war. Ob und wie Frühmenschen damals überhaupt von Asien aus nach Amerika gelangen konnten, ist daher fraglich.

Noch bleiben viele Fragen offen, sowohl bezüglich der Interpretation der Bearbeitungsspuren als auch zu ihren möglichen Urhebern. Weitere Untersuchungen werden klären müssen, ob es sich hier tatsächlich um Indizien für eine frühe Besiedlung des Kontinents durch Menschen handelt- oder aber doch um durch natürliche Prozesse veränderte Fossilien. (Nature, 2017; doi: 10.1038/nature22065)
(Nature / San Diego Natural History Museum, 27.04.2017 - NPO)
 
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