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Sonntag, 19.11.2017
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Krebsdiagnose aus dem Blut: Fakt oder Fiktion?

Experten informieren über den Stand der Forschung

Könnten künftig ein paar Milliliter Blut ausreichen, um eine Tumorerkrankung zu erkennen? Die Vision von einem Bluttest für Krebs klingt verlockend. Doch sie ist noch weitestgehend Fiktion. Zwar erforschen Wissenschaftler bereits, was solche Analysen künftig über die Prognose oder Therapiemöglichkeiten verraten könnten. Die Methoden seien aber noch nicht in der Routineversorgung angekommen - und mit einem allgemeinen Krebstest sei in naher Zukunft nicht zu rechnen, sagen Experten vom Deutschen Krebsforschungszentrum.
Eine einfache Blutprobe kann die gängigen Früherkennungsuntersuchungen in naher Zukunft wohl nicht ersetzen.

Eine einfache Blutprobe kann die gängigen Früherkennungsuntersuchungen in naher Zukunft wohl nicht ersetzen.

Viele Krebsarten sind heute heilbar - wenn die Tumoren rechtzeitig erkannt werden. Für die Früherkennung setzen Mediziner deshalb auf regelmäßige Kontrolluntersuchungen - zum Beispiel via Mammographie oder Darmspiegelung. Entsteht dabei ein Verdacht, wird zusätzlich eine Gewebeprobe entnommen.

Doch es gibt einen Wermutstropfen: Die bewährten Verfahren sind aufwendig, unangenehm und bisweilen selbst mit Risiken behaftet. Wie praktisch wäre es dagegen, einer Krebserkrankung künftig mit einem einfachen Bluttest auf die Schliche kommen zu können? Einen solchen Test kündigte vor etwa einem Jahr das kalifornische Unternehmen "Grail" an. Mit der Markteinführung sei voraussichtlich 2019 zu rechnen. Experten vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) warnen nun jedoch: Dass die Methode funktioniert, ist bisher noch gar nicht belegt.

Erbmaterial von Tumorzellen wie dieser Brustkrebszelle gelangt kontinuierlich auch ins Blut.

Erbmaterial von Tumorzellen wie dieser Brustkrebszelle gelangt kontinuierlich auch ins Blut.

Verräterische DNA-Schnipsel


Zwar ist die Idee von der Diagnose per Bluttest auf den ersten Blick gar nicht so abwegig. Denn tatsächlich gelangt Erbmaterial aus Krebszellen kontinuierlich ins Blut - und diese tumorspezifischen DNA-Schnipsel können Wissenschaftlicher mit heutigen Methoden bereits aufspüren. "In vielen Fällen gelingt es, bei Krebspatienten nach der Behandlung anhand des Nachweises von DNA im Blut zu verfolgen, ob der Tumor wiederkehrt", erklärt Peter Lichter vom DKFZ. "Daher hat sich die Vision entwickelt, dass man in Zukunft solche Tests auch zur Früherkennung von Krebs einsetzen könnte."


Allerdings gebe es dazu bisher keine Daten, betont der Experte. Das heißt, die Hypothese müsse zunächst einmal belegt werden. Doch selbst wenn sich ein solcher Nachweis als technisch machbar herausstellen sollte, eignet sich die Methode nicht unbedingt zur Früherkennung. Entscheidend ist: "Wie bei anderen Früherkennungsuntersuchungen müsste gezeigt werden, dass sie den Menschen tatsächlich nützt, also die Überlebenszeit verlängert oder die Lebensqualität verbessert“, sagt Lichters Kollegin Susanne Weg-Remers.

Den Therapieverlauf mitverfolgen


Wie wahrscheinlich aber ist das und welche Rolle könnte ein Krebstest aus dem Blut in naher Zukunft wirklich im Bereich von Früherkennung, Therapieentscheidungen und Verlaufskontrolle spielen? Holger Sültmann, Leiter der Arbeitsgruppe Krebsgenomforschung im DKFZ, hält es nur für eine Frage der Zeit, bis Tests auf Tumor-DNA im Blut in der Krebsmedizin die klinische Zulassung erhalten. Allerdings: Es werde sich dabei zunächst nicht um Krebs-Früherkennungstests handeln.

Stattdessen könnten die Bluttests zur Beobachtung des Therapieverlaufs von bereits diagnostizierten Erkrankungen dienen. "Anders als Tumor-Gewebeproben lässt sich Blut problemlos mehrmals in kurzen Abständen abnehmen. So können wir verfolgen, ob und wie lange der Krebs auf ein Medikament anspricht. Das ist wichtig, denn Krebszellen entwickeln gegen viele Wirkstoffe rasch Resistenzen", erklärt Sültmann.

Noch viele Fragen offen


Sültmann hat mit seinen Kollegen bei einer bestimmten Form von Lungenkrebs untersucht, ob sich durch Bluttests auf Tumor-DNA das Therapieansprechen mitverfolgen lässt. "Wir konnten gut beobachten, wie die Konzentration der Krebs-DNA im Blut nach Beginn der Behandlung mit einem Medikament abnahm. Und wir sahen, dass sie wieder anstieg, sobald der Tumor zurückkehrte", berichtet er.

Bis solche Tests einsatzbereit für die Routineanwendung sind, seien aber noch viele Fragen zu klären: "Wir wissen beispielsweise noch nicht, wie lange die Tumor-DNA im Blut nachweisbar ist und welche Zeitpunkte für die Bluttests geeignet sind." Das Fernziel sei, mit einem Bluttest das wirksamste Medikament für den einzelnen Patienten zu identifizieren. Ob das überhaupt funktioniert und falls ja, für welche Krebsarten, sei aber noch nicht abzusehen.

Zellen im Blut korrelieren mit Prognose


Das Blut eines Krebspatienten enthält nicht nur Tumor-DNA, sondern auch ganze Krebszellen. Könnten diese sogenannten zirkulierenden Tumorzellen (CTCs) womöglich einen Ansatzpunkt für neue Diagnosemethoden bieten? "Bei vielen Krebsarten ist gut belegt, dass die Anzahl der CTCs mit der Prognose gekoppelt ist", erklärt Andreas Trumpp von der Abteilung Stammzellen und Krebs am DKFZ. Die Analyse dieser Zellen könnte unter anderem Auskunft über den Prozess der Metastasierung geben.

"Das Ergebnis ist für den einzelnen Patienten bisher jedoch noch nicht sehr aussagekräftig, sondern stellt eher eine statistische Aussage dar. Deswegen werden diese Tests außerhalb klinischer Studien kaum für die Therapieentscheidung herangezogen", erklärt Andreas Trumpp von der Abteilung Stammzellen und Krebs am DKFZ.

"Nur in Studien"


Insgesamt gilt: Bluttests für Krebserkrankungen werden von Wissenschaftlern bereits in vielen Bereichen erprobt - in der Praxis spielen sie jedoch keine Rolle: "Leider sind fast alle diese neuen Untersuchungen derzeit noch nicht in der klinischen Routineversorgung angekommen und sollten bei Patienten möglichst nur in Studien eingesetzt werden. Zu Fragen zum aktuellen Stand der Entwicklungen auf diesem Feld gibt der Krebsinformationsdienst jederzeit gern Auskunft – per Telefon oder E-Mail", sagt Susanne Weg-Remers.
(Deutsches Krebsforschungszentrum, 30.01.2017 - DAL)
 
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