• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Samstag, 27.05.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Warum einige Infekte bei Männern schlimmer sind

Manche Erreger schonen Frauen – weil diese oft die besseren Überträger sind

Mehr als nur "Männergrippe": Einige Infekte treffen Männer tatsächlich schwerer – aber warum? Eine ungewöhnliche Erklärung dafür liefern nun britische Forscher. Demnach ist es für die Erreger manchmal schlicht vorteilhafter, wenn sie Frauen verschonen. Der Grund: Diese sind oft die besseren Überträger. Zusätzlich zur normalen Ansteckung geben sie Bakterien und Viren auch bei Geburt und Stillen an den Nachwuchs weiter, so die Forscher im Fachmagazin "Nature Communications".
Einige Erreger schonen Frauen und verursachen bei Männern deutlich schwerere Verläufe.

Einige Erreger schonen Frauen und verursachen bei Männern deutlich schwerere Verläufe.

Mediziner beobachten schon länger, dass einige Infektionen bei Männern schwerer verlaufen als bei Frauen. Männer, die mit Tuberkulose infiziert sind, sterben beispielsweise rund eineinhalb Mal häufiger daran. In Mund und Rachen verursacht das Humane Papillom Virus (HPV) bei Männern fünfmal häufiger Krebs als bei Frauen und eine Infektion mit dem Eppstein-Barr-Virus führt beim männlichen Geschlecht doppelt so häufig zu einem Hodgkin Lymphom.

Hormone allein erklären dies nicht


Aber warum? "Die gängige Theorie geht davon aus, dass die Wechselwirkung der Geschlechtshormone mit dem Immunsystem Männer anfälliger für Krankheitserreger macht als Frauen", erklären Francisco Ubeda und Vincent Jansen von der Royal Holloway University of London. Tatsächlich scheinen die weiblichen Hormone Frauen eine aktivere Abwehr zu verleihen – teilweise so aktiv, dass sie häufiger unter Autoimmunerkrankungen leiden.

Das Problem dabei: "Dieser Effekt kann zwar einige der beobachteten Geschlechtsunterschiede erklären, aber er allein liefert noch keine ausreichende Antwort", so die Forscher. So lässt sich beispielsweise nicht erklären, warum die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Infektionen nicht schon direkt nach der Pubertät auftreten, sondern erst rund ein Jahrzehnt später.


Infektion aus Erregersicht


Was aber ist dann der Grund? Um das herauszufinden, wählten Ubeda und Jansen einen ungewöhnlichen Weg: Sie versetzen sich kurzerhand in die Krankheitserreger hinein. Ihre Frage dabei: Welche Vorteile hat es für das Virus oder Bakterium, wenn es Frauen länger am Leben lässt oder bei ihnen schwächere Symptome auslöst?

Aus Sicht der Tuberkulose-Erreger bieten Frauen ihnen mehr Übertragungswege.

Aus Sicht der Tuberkulose-Erreger bieten Frauen ihnen mehr Übertragungswege.

Die Wissenschaftler entwickelten dafür ein epidemiologisches Modell der Infektion und Übertragung bei Männern und Frauen. Dieses berücksichtigt die Balance, die ein Erreger halten muss: Lässt er seinen Wirt zu schnell sterben, kann er sich vorher möglicherweise nicht ausreichend übertragen. Ist er aber nicht aggressiv genug, dünnt ihn das Immunsystem möglicherweise so stark aus, dass die Ansteckung anderer ebenfalls unwahrscheinlich wird.

Zusätzlicher Übertragungsweg


Für Bakterien und Viren besteht dabei ein entscheidender Unterschied zwischen Männern und Frauen, wie die Forscher entdeckten: Befällt der Erreger einen Mann, kann er andere nur über horizontalen Transfer anstecken – beispielsweise durch Anhusten, Sex oder andere Überragungswege. Anders dagegen bei einer Frau im gebärfähigen Alter: Sie kann einen Erreger auch bei der Geburt und beim Stillen an ihren Nachwuchs weitergeben.


Und genau dies könnte auch die milderen Verläufe einiger Infekte bei Frauen erklären: "Für das Pathogen macht diese zusätzliche Übertragungsroute das Leben von Wirten wertvoller, die den vertikalen Transfer erlauben", so Ubeda und Jansen. Für den Erreger ist es demnach kontraproduktiv, eine Frau zu töten, bevor diese Kinder bekommen hat und damit dem Erreger zusätzliche Übertragungswege eröffnet.

Konkret bedeutet dies: Infektionen, die ohnehin nur horizontal übertragen werden, müssten beide Geschlechter gleich treffen. Beispiele dafür sind Grippe oder Erkältungen, bei denen dies tatsächlich der Fall scheint. Krankheiten, die dagegen zusätzlich vertikal weitergegeben werden, müssten bei Frauen milder verlaufen.

Das Virus HTLV-1 triofft in Japan Männer härter als Frauen, in der Karibik dagegen nicht.

Das Virus HTLV-1 triofft in Japan Männer härter als Frauen, in der Karibik dagegen nicht.

HTLV-1 Virus als Testfall


Ob das der Fall ist, überprüften die Forscher am Beispiel des HTLV-1-Virus, einem Erreger, der beim Menschen adulte T-Zell-Leukämie (ATL) verursachen kann. Dieses Virus ist vor allem in der Karibik und in Japan stark verbreitet. Der entscheidende Unterschied: In der Karibik wird der Erreger fast ausschließlich durch Sex übertragen – also horizontal. In Japan jedoch infizieren sich viele Menschen schon als Kind durch das Stillen und damit durch vertikalen Transfer.

Stimmt die Theorie, müsste das Virus in der Karibik bei beiden Geschlechtern gleich häufig zu Leukämie führen, in Japan dagegen wäre ein schwerer Verlauf bei Männern häufiger. Und tatsächlich: "Japanische Männer, die sich mit HTLV-1 angesteckt haben, entwickeln zwischen 2 und 3,5 Mal häufiger Leukämie als Frauen", berichten die Wissenschaftler. In der Karibik gebe es solche Unterschiede dagegen nicht.

Nach Ansicht der Forscher belegen Modell und Beispielfall, dass Hormone nicht der einzige Grund sind, warum Männer bei einigen Infektionen schwerer erkranken als Frauen. "Stattdessen bewegen wir uns in der Debatte weg vom rein wirtszentrierten Blick hin zu einer Perspektive, die die Sicht des Pathogens einbezieht", konstatieren Ubeda und Jansen. Diese Erweiterung der Perspektive könnte auch dazu beitragen, neue Behandlungsalternativen zu finden. (Nature Communications, 2016; doi: 10.1038/ncomms13849)
(Nature, 14.12.2016 - NPO)
 
Printer IconShare Icon