• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Dienstag, 17.01.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Europa: Antibiotika-Resistenzen nehmen zu

Die Hälfte aller Darmkeime sind schon gegen mindestens einen Wirkstoff immun

Forscher schlagen Alarm: In Europa steigt der Anteil resistenter Krankheitserreger. Viele Bakterien sind inzwischen gegen mehrere Wirkstoffklassen immun – selbst Notfall-Antibiotika wirken gegen einige Keime nicht mehr. So sind beim Darmkeim Escherichia coli schon die Hälfte aller Proben gegen mindestens einen Wirkstoff resistent, bei den gefährlichen Erregern MRSA und Klebsiella sind EU-weit 16 bis 18 Prozent der Proben multiresistent.
Bei Staphylococcus aureus leigt der ANteil resistenter Stämme (MRSA) in Europa bei knapp 17 Prozent.

Bei Staphylococcus aureus leigt der ANteil resistenter Stämme (MRSA) in Europa bei knapp 17 Prozent.

Lange galten Antibiotika als die schärfste Waffe der Medizin gegen bakterielle Erreger. Doch inzwischen ist diese Waffe stumpf geworden: Immer mehr Keime entwickeln Resistenzen gegen die einst für sie so tödlichen Mittel. Viele Bakterien, darunter der Krankenhauskeim MRSA oder die sogenannte ESBL-Bakterien sind sogar schon gegen mehrere Wirkstoffklassen immun.

Resistenzen nehmen weiter zu


Allein in Europa infizieren sich jedes Jahr mehr als 2,5 Millionen Patienten mit solchen multiresistenten "Superkeimen". Gleichzeitig aber werden aus anderen Teilen der Erde immer neue Resistenzträger eingeschleppt. Unter ihnen sind Bakterien, die gegen gleich zwei Reserve-Antibiotika resistent sind: Colistin und Carbapenem.

Die europäische Seuchenbehörde ECDC hat nun einen Bericht zur aktuellen Situation in Europa veröffentlicht, der durchaus Anlass zur Sorge gibt. Denn die Zahl der resistenten Bakterienstämme ist in Europa weiter angestiegen und auch Resistenzen gegen die so wichtigen Reserve-Antibiotika nehmen in vielen Ländern zu. Am stärksten verbreitet sind viele dieser "Superkeime" in Süd- und Südost-Europa.

Klebsiella: "Kaum noch Therapie-Optionen"


Konkret bereitet den Forschern vor allem die zunehmende Resistenz bei Klebsiella pneumoniae Sorgen. Dieses Bakterium kann schwere Lungenentzündungen und Infekte der Harnwege verursachen. Gelangt es in den Blutkreislauf, droht eine tödliche Sepsis. "Dieser Keim kann sich in Gesundheitseinrichtungen sehr schnell zwischen Patienten ausbreiten und ist eine häufige Ursache von Krankenhaus-Ausbrüchen", erklärt die ECDC.


Die klaren Bereiche in der petrischale zeigen an, dass die Klebsiella-Bakterien noch auf Antibiotika reagieren, beim multiresistenten Stamm rechts fehlen die klaren Höfe.

Die klaren Bereiche in der petrischale zeigen an, dass die Klebsiella-Bakterien noch auf Antibiotika reagieren, beim multiresistenten Stamm rechts fehlen die klaren Höfe.

Von 2012 bis 2015 hat der Anteil der multiresistenten Klebsiella-Stämme in Europa deutlich zugenommen. "Mehr als ein Drittel aller Isolate im Jahr 2015 waren gegen mindestens eine Antibiotika-Gruppe resistent", berichtet Andrea Ammon, leitende Direktorin der ECDC. 18,6 Prozent der Keime waren gegen gleich drei Wirkstoffklassen immun.

"Für Patienten, die mit diesen multiresistenten Bakterien infiziert sind, bleiben nur noch sehr wenige Therapie-Optionen übrig", so Ammon. In Italien, Rumänien und Griechenland fallen selbst diese Reservemittel manchmal weg, denn dort ist Klebsiella in bis zu zehn Prozent der Fälle auch schon gegen Carbapeneme und Colistin immun. In Portugal und Österreich sind es bis zu fünf Prozent.

Mehr resistente Darmkeime, etwas weniger MRSA


Ein weiterer Problemfall ist der Darmkeim Escherichia coli. Er ist zwar in vielen Fällen harmlos, kann aber bei immungeschwächten Menschen, oder wenn er in den Blutstrom gelangt, schwere Infektionen und Blutvergiftungen verursachen. In Europa sind inzwischen mehr als die Hälfte aller Proben gegen mindestens eine Antibiotika-Klasse resistent. Dreifach-Resistenzen sind seit 2013 stark angestiegen und liegen jetzt bei gut fünf Prozent.

Anteil von multiresistentem Staphylococcus aureus (MRSA) in verschiedenen europäischen Ländern

Anteil von multiresistentem Staphylococcus aureus (MRSA) in verschiedenen europäischen Ländern

Zumindest in Teilen gute Nachrichten gibt es bei Staphylococcus aureus, der als Krankenhauskeim MRSA eine der häufigsten Ursachen für resistente Infekte weltweit ist. Bei ihm sank der Anteil resistenter Stämme seit 2012 europaweit um zwei Prozent auf heute 16,8 Prozent, wie die ECDC berichtet. In einigen Ländern Südeuropas aber, darunter Portugal, Malta und Rumänien liegt der Resistenzanteil bei bis zu 57 Prozent.

Gemischte Bilanz für Deutschland


Deutschland ist bisher deutlich weniger stark betroffen als die Länder Südeuropas. Einige multiresistente Erreger, darunter Klebsiella und MRSA, kommen heute im Vergleich zu 2012 sogar weniger häufig vor, wie der ECDC-Report zeigt. Bei MRSA liegt der Anteil aber trotzdem noch bei 18 Prozent. Bei anderen Bakterien steigen auch bei uns die Zahlen oder sind seit 2012 gleichgeblieben.

So hat die Häufigkeit von dreifach resistenten Stämme der Gattung Acinetobacter seit 2014 wieder zugenommen, sie lagt 2015 bei 3,7 Prozent. Diese Keime sind auch gegen Carbapeneme immun. Vom häufigen Darmkeim Escherichia coli sind bei uns rund zehn Prozent gegen neuere Antibiotika resistent, gut drei Prozent haben eine Dreifachresistenz.

Droht ein Rückfall in die Vergangenheit?


"Die Antibiotika-Resistenz ist eines der dringendsten Gesundheitsprobleme unserer Zeit", betont EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. "Wenn wir dies nicht angehen, fallen wir in eine Zeit zurück, in der nicht einmal die einfachsten Operationen möglich waren und Organtransplantationen, Intensivmedizin und Chemotherapie erst recht nicht."

Abhilfe schaffen kann laut den ECDC-Forschern nur ein weitgehender Verzicht auf Antibiotika in der Tierhaltung und eine zurückhaltendere Verschreibung in der Humanmedizin. Studien belegen, dass in Deutschland jedes dritte Rezept für solche Mittel überflüssig ist und dass in Arztpraxen vor allem nachmittags viele unnötige Antibiotika verschrieben werden.

Immerhin: In sechs europäischen Ländern ist die Verschreibung von Antibiotika durch Arztpraxen seit 2011 zurückgegangen: Schweden, Estland, Finnland, Dänemark, Luxemburg und Spanien. "Das ist ein positives Zeichen und zeigt, dass wir beginnen, Antibiotika vorsichtiger einzusetzen", sagt Ammon.
(European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), 21.11.2016 - NPO)
 
Printer IconShare Icon