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Dienstag, 28.03.2017
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Auch Bonobos werden altersweitsichtig

Nahsehen verschlechtert sich bei den Primaten im Alter wie bei uns

Wenn der Arm immer länger wird: Auch Bonobos leiden offenbar unter Altersweitsichtigkeit. Forscher haben beobachtet, dass die Primaten bei der gegenseitigen Fellpflege im Alter einen größeren Abstand zu ihren Artgenossen einhalten – ähnlich wie Menschen, die die Zeitung möglichst weit von den Augen weghalten. Genau wie bei uns verschlechtert sich das Nahsehen bei den Affen etwa ab dem vierzigsten Lebensjahr. Das nachlassende Sehvermögen sei demnach kein Phänomen der modernen Gesellschaft, so die Wissenschaftler.
Ältere Bonobos brauchen gehörigen Abstand zwischen Augen und Fingern, um bei der Fellpflege den Durchblick zu behalten.

Ältere Bonobos brauchen gehörigen Abstand zwischen Augen und Fingern, um bei der Fellpflege den Durchblick zu behalten.

Viele Menschen leiden im Alter unter Weitsichtigkeit. Etwa ab dem vierzigsten Lebensjahr verschlechtert sich das Nahsehen, weil das Auge Objekte in nächste Nähe nicht mehr scharf abbilden kann. Verantwortlich dafür ist die nachlassende Elastizität der Linse – eine normale Alterserscheinung.

Reicht eine Armeslänge nicht mehr aus, um die Zeitung oder ein Buch zu lesen, muss eine Lesebrille her. Doch nicht nur alternde Menschen plagt oftmals nachlassendes Sehvermögen. Auch unsere nächsten Verwandten, die Bonobos, könnten im Alter durchaus eine Sehhilfe gebrauchen. Sie leiden offenbar genauso unter Altersweitsichtigkeit wie wir.

Indiz langer Arm


Zu dieser erstaunlichen Erkenntnis sind nun Wissenschaftler um Heungjin Ryu von der Kyoto University gelangt. Auf den Verdacht, dass die Augen der Menschenaffen mit zunehmendem Alter schlechter werden, kamen die Primatenforscher durch eine zufällige Beobachtung: Sie sahen, dass sich ein altes Männchen bei der Fellpflege eines Artgenossen seltsam verhielt.


Der Affe saß ungewöhnlich weit von seinem Gegenüber entfernt und musste den Arm lang ausstrecken, um das Fell untersuchen zu können. "Nur, wenn er etwas gefunden hatte, näherte er sich und entfernte es mit dem Mund", sagt Ryu. "Das sah sehr witzig aus." Über Schimpansen hätten Forscher bereits ähnliche Anekdoten berichtet – systematisch untersucht worden sei das Phänomen jedoch nie.

Bonobos beim Lausen beobachtet


Das wollten die Wissenschaftler nun ändern. Sie fragten sich: Waren die augenscheinlich weitsichtigen Affen Einzelfälle oder handelte es sich um ein weit verbreitetes Problem? Um dies zu klären, analysierten die Forscher eine Vielzahl von Fotos von vierzehn wildlebenden Bonobos im Alter zwischen elf und 45 Jahren.

Das Motiv: Fellpflege unter Artgenossen. Anhand der Aufnahmen untersuchten sie, welchen Abstand die einzelnen Primaten einhalten, wenn sie ihre Artgenossen lausen – und ob Geschlecht und Alter der Tiere dabei eine Rolle spielen.

Je älter, desto größer der Abstand: Bonobos bei der Fellpflege.


Fellpflege-Abstand steigt mit dem Alter


Das eindeutige Ergebnis: Der Fellpflege-Abstand steigt mit zunehmendem Alter der Bonobos exponentiell an. In einem Fall konnten die Wissenschaftler mithilfe einer alten Videoaufnahme sogar belegen, dass einer der Bonobos früher tatsächlich näher an seine Grooming-Partner herangerückt war als heute.

Die ersten Symptome der Weitsichtigkeit stellen sich bei den Primaten demnach ungefähr im Alter von vierzig Jahren ein – genau wie bei uns. "Diese Resultate waren sehr überraschend", berichtet Ryu. "Ich hätte nie erwartet, dass das Alter bei den Affen ein so starker Prädiktor für Weitsichtigkeit ist und dass das Muster, das wir bei den Bonobos entdeckt haben, dem beim Menschen so ähnelt."

Diesem jungen Weibchen reicht eine geringe Distanz von fünf bis zehn Zentimetern zu ihrem Grooming-Partner.

Diesem jungen Weibchen reicht eine geringe Distanz von fünf bis zehn Zentimetern zu ihrem Grooming-Partner.

Der Bildschirm ist unschuldig


Diese Tatsache belegt den Forschern zufolge, dass die Altersweitsichtigkeit kein Phänomen der modernen Gesellschaft ist, die Tag ein Tag aus vor dem Computerbildschirm sitzt. Vielmehr sei das nachlassende Sehvermögen ein bereits tief in unserer Vergangenheit verwurzelter Prozess. "Die Alterung des Auges hat sich seit der Zeit des letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch, Schimpanse und Bonobo nicht wesentlich verändert – obwohl moderne Menschen heute viel länger leben als Schimpansen und Bonobos", sagt Ryu.

Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied: Der Mensch kann sich mit einer Lesebrille helfen, die Primaten nicht. Für unsere nahen Verwandten könnte die Altersweitsichtigkeit deshalb ein ernsthaftes Problem bedeuten – und zum Beispiel ihr Sozialleben beeinträchtigen. So werden ältere Bonobos von ihren Artgenossen beispielsweise weniger gerne als Partner für die Fellpflege gewählt.

Ein weiterer möglicher Nachteil: Wer altersweitsichtig ist, sieht auch im Dunkeln schlechter. Für die Bonobos, die im Schatten der Baumkronen des Regenwaldes leben, könnte diese Beeinträchtigung eine große Herausforderung darstellen, glauben die Wissenschaftler. (Current Biology, 2016; doi: 10.1016/j.cub.2016.09.019)
(Cell Press, 08.11.2016 - DAL)
 
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