Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 09.02.2012
Taktvolle Kommunikation bei Nervenzellen
MB-Zellen regulieren Signalübertragung im Gehirn
Wissenschaftler der Universitätsklinik Heidelberg haben eine neue Gruppe von Nervenzellen entdeckt, die die Signalübertragung im Gehirn reguliert. Diese so genannten "Multipolar Bursting-Zellen" (MB-Zellen) beeinflussen mithilfe eines bisher unbekannten Mechanismus das Zusammenspiel von Nervenzellen beeinflussen.

Nervenzelle
Nervenzelle
© NIH
Einerseits verhindern die MB-Zellen eine übermäßige Weiterleitung von Nervenimpulsen. Andererseits geben sie den "Takt", das heißt die Frequenz der Signalübertragung vor. Die herausragenden Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "Neuron" veröffentlicht. Sie bilden einen wichtigen Grundstein für das Verständnis des Zusammenspiels von Nervenzellen, das u.a. bei psychischen Erkrankungen wie der Schizophrenie und Depression gestört ist.

Hemmende Nervenzellen regulieren die Signalübertragung
Die Informationsverarbeitung im Gehirn wird durch das Zusammenspiel von aktivierenden und hemmenden Nervenzellen geregelt. Aktivierende Nervenzellen (Prinzipalzellen) leiten Informationen von Sinnenswahrnehmungen an das Gehirn sowie an ausführende Organe, beispielsweise an die Muskulatur, weiter. In diesen Prozess greifen hemmende Nervenzellen, inhibitorische Interneurone genannt, regulierend ein. Dies ist von großer Bedeutung, denn eine unkontrollierte, übermäßige Weiterleitung von erregenden Impulsen wäre schädlich und könnte etwa zu epileptischen Anfällen führen. Interneurone gewährleisten somit die notwendige Balance zwischen Erregung und Hemmung im Gehirn.

Zusätzlich geben Interneurone den "Takt" vor, in dem Nervenimpulse weitergeleitet werden. Diese Aktivitätsrhythmen unterscheiden sich in ihrer Frequenz abhängig von der Gehirnregion und vom Zeitpunkt. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei grundlegenden Funktionen des Gehirns. So hängt ein gegebener Rhythmus mit bestimmten Verhaltensformen wie Schlaf, Traum, Wachsein, Aufmerksamkeit oder Lernen zusammen.

Schlüssel-Protein beeinflusst Informationsfluss
"Wir haben in der Großhirnrinde von Mäusen eine bislang unbekannte Gruppe von hemmenden Interneuronen entdeckt. Diese "Multipolar Bursting"(MB)-Zellen bilden dort eine Nervenzell-Gruppe mit einem relativ langsamen Aktivitätsrhythmus", erklärt Maria Blatow vom Universitätsklinikum Heidelberg. Da MB-Zellen nicht nur miteinander, sondern auch mit aktivierenden Prinzipalzellen in Kontakt stehen, können sie ihren Rhythmus auf diese übertragen und deren Aktivität "takten". Derart langsame Aktivitätsrhythmen wurden bei früheren Untersuchungen mit Prozessen wie Aufwachen und Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht. Es liegt nahe, dass MB-Zellen für solche Prozesse von Bedeutung sind.

"Wir wollten herausfinden, mit welchem Mechanismus MB-Zellen die Kommunikation zwischen einzelnen Nervenzellen und Nervenzell-Gruppen beeinflussen. Dazu untersuchten wir die Übergangsstellen zwischen den Nervenzellen, die so genannten Synapsen, an denen die Signalweiterleitung erfolgt", beschreibt die Wissenschaftlerin ihre Arbeit. Die Forschergruppe entdeckte ein wichtiges Protein, mit dessen Hilfe die MB-Zellen an den Übergangsstellen die Signalübertragung regulieren. "Es zeigte sich, dass auch andere Nervenzellen, die dieses Protein enthalten, den gleichen Mechanismus benutzen können."

"Wenn wir verstehen welche Zellen im Gehirn miteinander kommunizieren und wie sie das tun, dann gibt uns das auch Einblicke in die komplexen Funktionen des Gehirns", sagt Dr. Maria Blatow. Ohne dieses Wissen ist ein genaues Verständnis von neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen, wie z.B. Schizophrenie oder Depression, unmöglich, bei denen vermutlich das Zusammenspiel von Nervenzellen nicht funktioniert.

Förderpreis der "International Graduate School of Neuroscience"
Für die erfolgreichen Arbeiten unter Leitung von Professor Hannah Monyer, Ärztliche Direktorin der Abteilung Klinische Neurobiologie in der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, und in Zusammenarbeit mit Dr. Andrei Rozov, Leiter der Arbeitsgruppe Elektrophysiologie, wurde die Nachwuchsforscherin Dr. Maria Blatow mit dem Förderpreis der "International Graduate School of Neuroscience" (ISGN) der Ruhr-Universität Bochum ausgezeichnet.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Interneurone, Taktgeber, Signalübertragung, MB-Zellen, Gehirn
Weitere News zum Thema
Mikroskop entziffert Schaltkreise des Auges (15.03.2011)
Ganglionzellen können dank Amakrinzellen Richtungen erkennen
Ortsgedächtnis funktioniert auch ohne Taktgeber (18.02.2011)
Arbeitsgedächtnis ist dagegen auf schnell hemmende Zellen angewiesen
Lernen im Schlaf? (22.11.2006)
Neue Erkenntnisse über die Mechanismen der Gedächtnisbildung
Gehirn recycelt Nervenwachstumsfaktoren (15.03.2005)
Möglicher Schutzmechanismus vor epileptischen Anfällen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Schmerz
Alarmstufe Rot im Nervensystem
News des Tages
Wie gefährlich ist der Klimawandel?
“Anti-Reifungsdroge” macht Jungbienen zu Babysitterinnen
Schleiereulen mit diplomatischem Geschick
Gummibärchen gegen Vitaminmangel
„Schweres Wetter“ bedroht Artenvielfalt
Taktvolle Kommunikation bei Nervenzellen
Weltraumschrott bedroht Satelliten
"Stein im Brett“ an Erika Pohl-Ströher
Bücher zum Thema
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Bittere Pillen
Nutzen und Risiken der Arzneimittel
Lernen
Gehirnforschung und die Schule des Lebens von Manfred Spitzer
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway