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Samstag, 21.01.2017
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Schleiereulen mit diplomatischem Geschick

Erstmals Verhandlungsverhalten im Tierreich beobachtet

Wenn die Eltern nachts auf der Jagd sind, geben junge Schleiereulen unablässig Schreie von sich – selbst auf die Gefahr hin, die Aufmerksamkeit von Räubern auf sich zu ziehen. Dieses Verhalten kann Alexandre Roulin, Förderungsprofessor des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Lausanne, nun erklären: Mit den Schreien informieren sich die Schleiereulenjungen gegenseitig über ihren Hunger und verhandeln über die nächste Fütterung.

Generationenkonflikt bei Eulen


Schleiereule

Schleiereule

Die Kommunikation zwischen Jungvögeln und ihren Eltern wird seit den 1970er Jahren erforscht – stets unter dem Blickwinkel eines Generationenkonflikts. Ursache dieses Konflikts ist, dass der Aufwand der Eltern für den Nachwuchs auf Kosten der Fortpflanzung im nächsten Jahr geht. Denn die Arbeit bei der Nahrungsbeschaffung für die Jungtiere geht zu Lasten der Überlebenschancen der Eltern. Das Jungtier hingegen will so viel Beute wie möglich bekommen, um sein eigenes Überleben zu sichern. Mit Hilfe von Schreien versucht es sogar mehr Futter zu ergattern, als die Eltern zu geben bereit sind. Die Kommunikation zwischen den Jungtieren wurde dagegen bis jetzt wenig untersucht.

Statt sich bei der Rückkehr der Eltern um die Nahrung zu streiten, informieren sich die jungen Schleiereulen zuvor gegenseitig über die Größe ihres Hungers und damit über ihre Entschlossenheit zum Kampf. Danach lassen sie nicht dem stärksten, sondern dem hungrigsten Schnabel den Vorrang. Antrieb für dieses Verhalten ist allerdings nicht Nächstenliebe sondern Wirtschaftlichkeit. Denn der Energieaufwand für die Verhandlungen ist geringer als die Kosten eines erbitterten Kampfes um Nahrung. So lautet die Hypothese des SNF-Förderungsprofessors Alexandre Roulin, die er kürzlich in der Fachzeitschrift Evolutionary Ecology Research veröffentlicht hat.

Bis zu 1.800 Schreie pro Nacht


Bei der aufmerksamen Beobachtung junger Schleiereulen war dem jungen Forscher der Abteilung für Ökologie und Evolution der Universität Lausanne aufgefallen, dass die Jungvögel in Abwesenheit ihrer Eltern unheimlich viel Lärm von sich geben – bis zu 1.800 Schreie pro Nacht. Dieses Verhalten erklärte er mit einer Kommunikation zwischen den Jungen, also mit „horizontalen Verhandlungen“. Diese Hypothese beruht auf dem unterschiedlichen Nahrungsbedarf der Jungvögel: Weil die Eltern die mitgebrachte Beute, zum Beispiel eine ganze Maus, oft nicht aufteilen können, kann nur ein Junges pro Nahrungslieferung gefüttert werden.


Das Modell der horizontalen Verhandlung geht davon aus, dass sich die Rufe beim Besuch der Eltern unterscheiden. Der Grund: Wenn mein Nachbar bereits versorgt wurde, schreie ich lauter als er, um ihm meinen größeren Hunger zu bekunden. Meine Chancen für den nächsten Happen stehen gut, da er vermutlich wenig motiviert ist, darum zu kämpfen. Wenn seine Schreie hingegen darauf schließen lassen, dass er hungriger ist als ich, überlasse ich ihm lieber das Feld, da meine Chancen für einen Erfolg relativ gering sind. Mit anderen Worten: Das Verhalten eines Kükens hängt nicht nur von seinem Hunger, sondern auch vom Hunger seiner Geschwister ab.

Um seine Hypothese experimentell zu prüfen, entnahm Alexandre Roulin einem Nest zwei Schleiereulenküken. Er trennte die beiden, fütterte sie tagsüber abwechselnd und bestimmte so ihren Nahrungsbedarf. In der Nacht kehrten die Vogeljungen wieder ins Nest zurück, wo sie von den Eltern normal gefüttert wurden. Dabei wurden sie von 21 bis 24 Uhr gefilmt. Danach beobachtete der Forscher die Vogeljungen während siebzig Nächten, ohne ihren Appetit künstlich zu beeinflussen. Damit er die einzelnen Rufe dem richtigen Jungvogel zuordnen konnte, wurden jeweils nur zwei Jungvögel eines Nests beobachtet.

Frühere Hypothesen: Erpressung und Wettbewerb


Alexandre Hypothese widersprechen früheren Arbeiten über den Wettstreit zwischen den Jungtieren. In den 1970er-Jahren versuchten Forschende zu ergründen, weshalb im Nest jeweils so heftige Aufregung ausbrach, sobald die Eltern zurückkehrten. Welchen Vorteil hat ein solches Verhalten, das die Aufmerksamkeit von Feinden erregen könnte? Dazu wurden verschiedene Hypothesen vorgeschlagen. Eine davon ging von einer Erpressung der Eltern durch die Jungvögel aus: Wenn Du mir nicht genug Futter bringst, dann schreie ich so lange, bis ich vom Räuber gefressen wird.

Eine zweite Hypothese schlug einen harten Wettbewerb zwischen den Jungvögeln vor: Wer am meisten Hunger hat, schreit am lautesten und wird zuerst gefüttert. Im Gegensatz zum horizontalen Verhandeln erfolgt dieses Kräftemessen im Beisein der Eltern und führt zu einem gegenseitigen Anstacheln. Diesen Arbeiten liegt die Annahme zu Grunde, dass die Erregung anstrengend ist, also ihren Preis hat, und dass sich der Aufwand nur lohnt, wenn er Erfolg hat, d.h. wenn der fragliche Happen ergattert wird.

Gibt es Parallelen zum menschlichen Verhalten? Diese Frage hat Alexandre Roulins Neugier geweckt: „Solche Verhandlungen sind in menschlichen Gesellschaften häufig anzutreffen, und es wäre spannend zu untersuchen, ob auch unsere Kinder um die Zuteilung verschiedener Ressourcen verhandeln.“ Die Verhandlung ist eine Form der Kooperation und häufig wesentlich erfolgreicher als der direkte Wettbewerb. Körperliche Auseinandersetzungen werden vermieden und auf Ausnahmesituationen beschränkt.
(Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, 15.12.2004 - DLO)
 
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