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Freitag, 09.12.2016
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Giftiges Erbe des Kalten Kriegs taucht auf

Grönland: Eisschmelze könnte geheime US-Militärbasis mitsamt Giftstoffen freilegen

Es klingt wie ein Thriller – ist aber Realität: Eine geheime US-Militärbasis aus dem Kalten Krieg liegt unter dem Eis Grönlands versteckt – und droht nun durch die Eisschmelze ans Tageslicht zu kommen. Das Gefährliche daran: Als "Camp Century" aufgegeben wurde, ließ man große Mengen an giftigen Abfällen und schwach radioaktives Kühlwasser einfach zurück. Doch das arktische Tauwetter könnte dieses giftige Erbe noch vor Ende des Jahrhunderts freilegen, warnen Forscher.
Das nordöstliche Portal des subglazialen US-Stützpunkts "Camp Century" im Jahr 1964.

Das nordöstliche Portal des subglazialen US-Stützpunkts "Camp Century" im Jahr 1964.

Der US-Militärstützpunkt "Camp Century" wurde 1959 mitten im arktischen Nirgendswo errichtet: Das streng geheime Camp lag rund 200 Kilometer von der Nordwest-Küste Grönlands entfernt und war tief in das ewige Eis eingegraben. Offiziell diente der Stützpunkt der Erforschung der Arktis und von Konstruktionsmethoden unter Dauerfrostbedingungen. Das war auch die Version, die die dänische Regierung zu ihrer Zustimmung bewegte.

Vergraben statt entsorgt


In Wirklichkeit jedoch wurde dort getestet, ob und wie eine Stationierung von Atomraketen in der Arktis möglich war. Während des Betriebs lebten zwischen 85 und 200 US-Soldaten in der "Stadt unter dem Eis", wie Camp Century damals genannt wurde. Die Energie für das Leben und Arbeiten Energie lieferte ein Kernreaktor.

Als der Standort 1967 aufgegeben wurde, bauten die Techniker zwar den Reaktor ab, die gesamte restliche Infrastruktur und alle Abfälle ließen sie jedoch zurück. Ihre Annahme: Unter der meterdicken Deckschicht aus ewigem Eis bleiben diese umweltschädlichen und teils giftigen Reste sicher für immer abgekapselt.


Lage des geheimen Militärstützpunkts Camp Century in Grönland.

Lage des geheimen Militärstützpunkts Camp Century in Grönland.

Ende des Jahrhunderts droht Verseuchung


Doch wie William Colgan von der York University in Toronto und seine Kollegen nun herausgefunden haben, macht der Klimawandel diese Hoffnung zunichte. Denn schon bis Ende dieses Jahrhunderts könnte die Eisschicht über Camp Century abschmelzen. Die Infrastruktur und die zurückgelassenen biologischen, chemischen und radioaktiven Abfälle könnten dann wieder in die Umwelt gelangen und die umliegenden Ökosysteme schädigen.

Für ihre Studie hatten die Forscher Aufzeichnungen der damaligen US-Ingenieure ausgewertet und konnten so rekonstruieren, wo und wie viele Abfälle damals im Camp zurückgelassen und vergraben wurden. Zudem prüften sie anhand von Simulationen, wie schnell das Eis über dem Camp schmilzt und wie sich die Eisdecke bewegt.

Diesel, radioaktives Wasser und PCB


Wie ihre Auswertungen enthüllten, sind die unter dem Eis verborgenen Abfälle und Reststoffe in Camp Century über 55 Hektar verstreut – das entspricht in etwa 100 Fußballfeldern. Unter den giftigen Hinterlassenschaften sind rund 200.000 Liter Dieseltreibstoff, 240.000 Liter Abwasser und eine unbekannte Menge schwach radioaktiven Kühlwassers vom Kernreaktor.

Außerdem sind große Teile der Anlage mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) belastet, einer giftigen und krebserregenden organischen Chlorverbindung. Diese seit Jahrzehnten im Camp Century lagernden Abfälle stellen damit eine keineswegs triviale Umweltgefahr dar, betont Colgan. Denn wenn das Eis schmelze, könnten diese Schadstoffe bis ins Meer transportiert werden und dort marine Ökosysteme schädigen.

William Colgan erklärt, wann und warum Camp Century wieder ans Tageslicht kommen könnte.


Zuständigkeit ungeklärt


"Vor zwei Generationen war es in etlichen Weltgegenden üblich, Müll zu vergraben. Nun bewirkt der Klimawandel, dass sich die davon betroffenen Orte verändern", sagt Colgan. "Das birgt eine ganz neue politische Herausforderung, über die wir uns Gedanken machen müssen." Denn die kontrollierte Bergung der Abfälle ist nicht nur teuer und technisch aufwändig, noch ist nicht einmal geklärt, wer dafür überhaupt zuständig wäre.

Der Stützpunkt gehörte damals zwar dem US-Militär, lag aber auf dänischem Boden – und heute ist Grönland zudem auch noch weitgehend autonom. Noch allerdings ist Zeit, um die politischen Zuständigkeiten auszuhandeln. Denn eine Bergung ist nach Einschätzung der Forscher erst dann sinnvoll, wenn das Eis über der Station fast ganz abgetaut ist. (Geophysical Research Letters, 2016; doi: 10.1002/2016GL069688)
(York University, 08.08.2016 - NPO)
 
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