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Samstag, 01.10.2016
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Artenschwund überschreitet planetare Grenze

Ökosysteme auf 58 Prozent der Landfläche sind bereits schwer angeschlagen

Ernüchternde Bilanz: Ein Großteil der irdischen Ökosysteme hat seine Belastungsgrenze bereits überschritten. Auf 58 Prozent der Landflächen ist der Artenschwund so groß, dass die planetare Grenze der Biodiversität erreicht ist, wie Forscher berichten. Das bedeutet, dass die betroffenen Ökosysteme für uns wichtige Funktionen und Dienstleistungen kaum noch erbringen können. Die Menschheit spiele "ökologisches Roulette", so die Forscher im Fachmagazin "Science".
Hier steht unter funktioneller Biosdiversität noch ein Fragezeichen, doch jetzt ist klar, dass auch diese planetare Grenze bereits in vielen Gebieten überschritten ist.

Hier steht unter funktioneller Biosdiversität noch ein Fragezeichen, doch jetzt ist klar, dass auch diese planetare Grenze bereits in vielen Gebieten überschritten ist.

Das System Erde ist zwar robust, aber seine Belastbarkeit hat Grenzen. Werden diese überschritten, pendelt sich das System in ein neues Gleichgewicht ein. Das jedoch könnte die Umwelt auf unserem Planeten so verändern, dass er für uns Menschen weniger lebensfreundlich wird. Bereits 2015 warnten Forscher, dass durch unsere Eingriffe bereits vier der neun planetaren Grenzen überschritten sein könnten, darunter Klimawandel, Artenvielfalt, Landnutzung und die Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe.

Tim Newbold vom University College London und seine Kollegen haben nun untersucht, in welchem Ausmaß der Artenschwund die planetare Grenze bereits überschritten hat. Gängiger Annahme nach wird die planetare Belastungsgrenze der Biodiversität dort erreicht, wo zehn Prozent der Organismenhäufigkeit und 20 Prozent der Artenzahlen verloren gehen – allerdings sind die Unsicherheitsfaktoren für diese Grenzwerte noch recht hoch.

Patient Erde im Datencheck


"Wir haben uns gefragt, wie viel von der Landfläche der Erde bereits biotisch geschädigt ist", sagen Newbold und seine Kollegen. Ihre Studie sei dabei die bisher erste, die die Auswirkungen des Artenverlusts so detailliert quantifiziere. Ist er zu hoch, können betroffene Ökosysteme für uns wichtige Leistungen wie Biomassewachstum, das Verarbeiten und Recyceln von Nährstoffen und anderes nicht mehr erbringen.


Für ihre Studie werteten die Forscher 2,38 Millionen Datensätze zur Entwicklung und Bedeutung von fast 40.000 Arten an knapp 19.000 Orten auf der Erde aus. Die Daten stammten aus der PREDICTS -Datenbank (Projecting Responses of Ecological Diversity in Changing Terrestrial Systems), einem Projekt, das für verschiedene Biome und Gebiete auf der Erde erfasst, wie sich die Biodiversität und Artenzusammensetzung im Laufe der Zeit verändert.

Grasland ist das vom Artenschwund am stärksten betroffene Biom, hier eine Prärie in Kansas.

Grasland ist das vom Artenschwund am stärksten betroffene Biom, hier eine Prärie in Kansas.

Grenze bei 58 Prozent der Flächen überschritten


Das ernüchternde Ergebnis: "Wir stellen fest, dass die Biodiversität in einem Großteil der Welt bereits unter der von Ökologen angesetzten planetaren Grenze liegt", berichtet Newbold. In 58,1 Prozent der weltweiten Landfläche ist die Artenvielfalt demnach bereits so stark gesunken, dass die Ökosysteme ihre Funktionen kaum noch erfüllen können. Geht man von einem Grenzwert bei 20 Prozent Artenschwund aus, dann sind es immerhin noch gut ein Drittel der Landfläche.

Ursache dieser Entwicklung sind vor allem Eingriffe in die Lebensräume durch die Landnutzung. "Unsere Daten deuten darauf hin, dass neun der 14 terrestrische Biome der Erde bereits die planetare Grenze überschritten haben", sagen die Forscher. Am stärksten betroffen sind dabei Grasland-Biome wie Steppen und Prärien, sowie Savannen und Strauchlandschaften.

Aber auch die Lebensgemeinschaften vieler Wälder und von einzigartigen Hotspots der Artenvielfalt haben mittlerweile so starke Verluste erlitten, dass sie in ihrer Funktion stark beeinträchtigt sind. Wenig überraschend sind die Auswirkungen in den Gebieten am stärksten, in denen die menschliche Besiedlung am dichtesten ist.

"Ökologisches Roulette"


Die Wissenschaftler warnen vor den Folgen, sollte diese Entwicklung unverändert so weitergehen. "Weltweit machen sich die politischen Entscheider viele Gedanken über wirtschaftliche Rezessionen, aber eine ökologische Rezession könnte sehr viel schwerwiegendere Konsequenzen haben", erklärt Koautor Andy Purvis vom Natural History Museum in London. "Wenn es uns nicht gelingt, die Artenvielfalt zu erhalten, spielen wir ökologisches Roulette."

Nach Ansicht der Forscher kann in vielen Gebieten der Erde die Funktion der Ökosysteme nur noch dann erhalten werden, wenn wir Menschen beginnen zu handeln. "Wir müssen versuchen, die noch verbleibenden Gebiete naturbelassener Vegetation zu schützen und die vom Menschen veränderten und genutzten Landflächen wieder zu renaturieren", meint Newbold. "Das hilft nicht nur der Artenvielfalt, sondern langfristig auch dem menschlichen Wohlergehen." (Science, 2016; doi: 10.1126/science.aaf2201)
(AAAS/ University College London, 15.07.2016 - NPO)
 
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