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Freitag, 09.12.2016
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Säuglinge imitieren doch nicht

Fähigkeit zur Imitation ist nicht angeboren

Angeboren oder erworben? Die Fähigkeit, Gesten und Gesichtsausdrücke zu imitieren, ist Säuglingen wohl doch nicht in die Wiege gelegt. Ein Experiment zeigt: Was das Gegenüber vormacht, hat keinerlei Einfluss auf die Reaktion von Neugeborenen. Die These von der angeborenen Imitationsfähigkeit sei damit widerlegt, berichten Forscher im Fachmagazin "Current Biology". Stattdessen müssten Babys dieses Verhalten erst erlernen.
Interaktion mit Mama: Können Säuglinge bereits Gesichtsaudrücke und Gesten nachahmen?

Interaktion mit Mama: Können Säuglinge bereits Gesichtsaudrücke und Gesten nachahmen?

Neugeborene sind wie kleine Lernmaschinen: Ihr ganzes Wesen ist darauf ausgerichtet, neue Eindrücke einzuordnen und so die Welt um sie herum verstehen zu lernen. Schon lange bevor sie selbst sprechen können, erkennen Säuglinge zum Beispiel, wenn jemand völlig falsche Silbenkombinationen äußert. Zudem besitzen sie schon einen Sinn für Mengen und sogar für Physik.

Doch Babys lernen in den ersten Lebensmonaten nicht nur viel, einige grundlegende Fähigkeiten sind ihnen bereits in die Wiege gelegt – etwa das Vermögen, eine Sprache zu lernen. Auch die Imitation von Gesten, Gesichtsausdrücken oder Lauten hielten etliche Wissenschaftler bislang für eine angeborene Fähigkeit. Forscher um Janine Ostenbroek von der University of York rütteln nun jedoch an dieser gängigen Annahme.

Wer kann schon imitieren?


Für ihre Studie konfrontierten die Wissenschaftler 106 Kinder mit neun verschiedenen Gesten, Gesichtsausdrücken oder Tönen. Testpersonen zeigten den Babys unter anderem eine herausgestreckte Zunge, lächelten es an, schauten traurig oder ließen ein "Mmmh" ertönen. Wie die Kinder darauf reagierten, testete Ostenbroeks Team zu vier verschiedenen Zeitpunkten: als die Kinder eine, zwei, sechs und neun Wochen alt waren.


Die Forscher wollten wissen: Sind die Neugeborenen tatsächlich schon in diesem Alter in der Lage, das Vorgemachte zu imitieren? Zu diesem Zweck verglichen sie, wie oft eine bestimmte Reaktion des Babys auf die passende Aktion der Testperson folgte – antworteten die Neugeborenen zum Beispiel auf ein Lächeln ebenfalls mit einem freudigen Gesichtsausdruck?

These widerlegt


Die Ergebnisse zeigten: Säuglinge imitieren das Verhalten ihres Gegenübers keineswegs. Im Test hatte das, was die Babys beobachteten, keinerlei Auswirkung auf ihre eigene Reaktion. "Ob sie eine ganz andere Geste produzierten oder die passende – beides war gleich wahrscheinlich", berichten Ostenbroek und ihre Kollegen.

Demnach ist Imitation doch kein angeborenes Verhalten. Jemanden nachzumachen, scheinen Neugeborene vielmehr erst in den ersten Monaten ihres Lebens zu erlernen. "Womöglich erwerben sie diese Fähigkeit, indem sie beobachten, wie Erwachsene sie imitieren", mutmaßen die Wissenschaftler. "Studien zeigen, dass Eltern ihr Baby im Schnitt alle zwei Minuten einmal imitieren." Dabei könnten die Säuglinge lernen, ihre Gesten mit denen einer anderen Person in Verbindung zu bringen, glauben die Forscher.

Dass frühere Untersuchungen teils zu anderen Ergebnissen erlangt sind, führt das Team auf Fehler im Studiendesign zurück. "Oft wurde zum Beispiel nur getestet, ob Babys als Reaktion auf ein Gegenüber die Zunge herausstreckten. Andere Gesten untersuchten die Studien gar nicht", schreiben die Wissenschaftler. "Eine herausgestreckte Zunge könnte aber genauso gut ein Zeichen für Aufregung sein statt tatsächliche Imitation."

Imitation will gelernt sein


Für einige Eltern könnte diese Erkenntnis eine Erleichterung sein: "Wenn Ihr Baby Sie noch nicht imitiert, ist das völlig normal und kein Grund zu Sorge", schreibt Ostenbroeks Team. "Irgendwann fängt es mit Sicherheit damit an."

Durch welche Einflüsse Neugeborene wirklich lernen, andere Menschen zu imitieren und ab welchem Alter sie damit beginnen, untersuchen die Wissenschaftler nun mithilfe weiterer Daten. Dazu haben sie Babys bis in das zweite Lebensjahr hinein begleitet und analysieren derzeit deren Verhalten. (Current Biology, 2016; doi: 10.1016/j.cub.2016.03.047)
(Cell Press, 09.05.2016 - DAL)
 
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