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Sonntag, 25.09.2016
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Wie Vorurteile unsere Wahrnehmung manipulieren

Die visuelle Verarbeitung von Gesichtern wird von Stereotypen beeinflusst

Verzerrte Sicht: Wie unser Gehirn eine Person wahrnimmt, hängt nicht nur von ihren objektiven Gesichtszügen ab – sondern auch von stereotypen Erwartungen. Das zeigt nun ein Experiment von US-Forschern. Demnach verarbeitet das Gehirn Gesichter so, dass sie unseren Vorurteilen und Klischees mehr entsprechen, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature Neuroscience" berichten. Das heißt: Wer Männern grundsätzlich aggressive Eigenschaften zuschreibt, dessen Gehirn reagiert auch auf ein neutrales Männergesicht so, als würde es ein wütendes sehen.
Fröhlich, neutral oder wütend? Stereotypen beeinflussen die visuelle Wahrnehmung

Fröhlich, neutral oder wütend? Stereotypen beeinflussen die visuelle Wahrnehmung

Was wir von anderen denken und wie wir mit ihnen umgehen wird oft von Stereotypen bestimmt. Klischees und Vorurteile verleiten schon Kinder und Jugendliche dazu, dicke Menschen für dumm zu halten. Im Arbeitsalltag sorgen sie dafür, dass insbesondere fröhlichen Frauen keine Führungsstärke zugetraut wird – und selbst politische Wahlentscheidungen hängen mitunter von Stereotypen ab.

Unbewusst beeinflussen solche verinnerlichten Vorstellungen demnach unser Verhalten. Doch könnte ihr Einfluss womöglich noch viel weitergehen? Diese Frage haben sich nun die Neurowissenschaftler Ryan Stolier und Jonathan Freeman von der New York University gestellt – und gezeigt, dass Stereotypen sogar die visuelle Wahrnehmung manipulieren können.

Unbewusste Reaktionen auf Gesichter


Für ihre Studie untersuchten die Forscher, wie Menschen Personen auf Fotos einschätzen. Dazu zeigten sie den Probanden zunächst Bilder mit unterschiedlichen Gesichtern – mal war ein Mann zu sehen, mal eine Frau, mal ein Afrikaner, mal ein Asiate. Auch die Emotionen der Gesichter variierten. Während die Teilnehmer die Fotos ansahen, zeichneten Stolier und Freeman deren Hirnaktivität mittels funktioneller Mangnetresonanztomographie auf.


Anschließend mussten die Probanden das Geschlecht, die Ethnizität und die Emotionen der Gesichter per Mausklick am Computer bestimmten Kategorien zuordnen. Der Trick dabei: Mithilfe einer speziellen Maus-Tracking Technik, konnten die Wissenschaftler selbst kaum merkliche Handbewegungen der Teilnehmer registrieren.

Auf diese Weise bemerkten sie, wenn ein Proband zunächst zu einer Kategorie tendierte, bevor er sich doch für eine andere entschied. "Solche initialen Handbewegungen legen unbewusste kognitive Prozesse offen – und können damit auch etwas über die Vorurteile einer Person verraten", schreiben die Forscher.

Handbewegungen legen Vorurteile offen


Die Auswertung dieser Mausbewegungen offenbarte: Unabhängig von den bewusst gegebenen Antworten der Teilnehmer zeigten die Handbewegungen die Präsenz von Stereotypen. So zuckte die Hand bei abgebildeten Männern, und insbesondere schwarzen Männern, oftmals zuerst in Richtung des Adjektivs "wütend", selbst wenn die Gesichter objektiv betrachtet freundlich aussahen.

Frauen wurden den Handbewegungen nach von den Probanden hingegen häufig zunächst als fröhlich wahrgenommen, berichten die Wissenschaftler. Asiatische Gesichter empfanden die Teilnehmer oftmals als weiblich und schwarze als männlich – unabhängig von dem tatsächlichen Geschlecht. Laut Stolier und Freeman entsprechen diese Vorstellungen den Stereotypen, die viele US-Bürger typischer Weise haben.

Stereotypen zeigen sich auch im Gehirn


Doch kann man diese Stereotypen auch am Gehirn ablesen? Das analysierte das Team mit einem Blick auf die Hirnscans. Tatsächlich zeigte sich, dass die gelernten Vorurteile und Klischees womöglich sogar im visuellen System des Gehirns verankert sein könnten – vor allem im Gyrus fusiformis, einer Gehirnwindung im Cortex, die zur Erkennung von Gesichtern notwendig ist.

"Die Aktivitätsmuster in diesem Bereich, die von schwarzen, männlichen Gesichtern hervorgerufen wurden, ähnelten zum Beispiel denen, die auch wütende Gesichter erzeugen – obwohl das gesehene Gesicht gar nicht wütend aussah", berichten die Forscher. Das Gehirn reagiere demnach auf das Vorurteil, dass schwarze Männer feindselig und wütend sind.

Wie sehr sich das tatsächlich gesehene und das assoziierte Bild im Gehirn ähneln, hängt dabei offensichtlich davon ab, wie ausgeprägt das Vorurteil ist. Das zeigte ein Vergleich mit den Handbewegungen. Ja stärker sich die Hand eines Probanden beispielsweise bei der Einordnung eines nicht-wütenden schwarzen Männergesichts zuerst in Richtung der Kategorie "wütend" gedreht hatte, umso mehr ähnelte seine Reaktion im Gyrus fusiformis auf dieses Gesicht der Reaktion auf ein tatsächlich wütendes Gesicht.

Visuelle Verzerrung als Verstärker


"Diese Beobachtung legt nahe, dass stereotype Assoziationen beeinflussen können, wie das Gehirn eine Person wahrnimmt", sagt Freemann. "Die Vorurteile ändern systematisch die visuelle Verarbeitung von Gesichtern und verzerren damit, was wir sehen – und zwar so, dass das Bild mehr unseren Erwartungen entspricht."

Die visuelle Stereotypisierung trage demnach womöglich sogar dazu bei, die vorhandenen Vorurteile weiter zu verstärken, schließen die Wissenschaftler. In Zukunft, so ihr Anliegen, gelte es zu überlegen, wie man solchen unbewusst stattfindenden Verzerrungsprozessen eventuell entgegenwirken könnte. (Nature Neuroscience, 2016; doi: 10.1038/nn.4296)
(New York University, 03.05.2016 - DAL)
 
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