• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Sonntag, 22.10.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Mit Umweltschutz gegen Armut

WBGU legt Gutachten vor

Eine wirksame Umweltpolitik ist nötig, um beim Kampf gegen die Armut weltweit erfolgreich zu sein. Dies ist die Quintessenz des Gutachtens „Welt im Wandel: Armutsbekämpfung durch Umweltpolitik“, das der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) am 1. Dezember 2004 an die Bundesminister Edelgard Bulmahn (Forschung), Jürgen Trittin (Umwelt) und Heidemarie Wieczorek-Zeul (Entwicklung) übergeben hat.
Bevölkerungswachstum

Bevölkerungswachstum

Die Wissenschaftler betonen in ihrem Gutachten, dass sich die Entwicklungschancen der armen Länder nur verbessern lassern, wenn angesichts voranschreitender Umweltveränderungen sowohl Anpassungsmaßnahmen verstärkt als auch weitere Eingriffe in die natürliche Umwelt vermieden werden. Die Industrieländer müssen ihrerseits zur Überwindung dieser Krise beitragen. Umweltschutz und Armutsbekämpfung sollten aus Sicht des WBGU stärker vernetzt und national wie international als Querschnittsthema besser verankert werden. Eine solche Politik würde sich für alle Länder auszahlen.

Der WGBU macht in seinem Gutachten deutlich, wie Klimawandel, Wassermangel oder Bodendegradation die Lebensgrundlagen vor allem der armen Bevölkerung in vielen Teilen der Erde gefährden. Diese Umweltveränderungen sind größtenteils durch den Menschen selbst verursacht und auf komplexe Weise mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung eines Landes verknüpft.

Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn sieht in dem Gutachten eine Bestätigung des eingeschlagenen Kurs der Bundesregierung und unterstrich bei der Übergabe des Gutachtens am Mittwoch in Berlin: "Die Sicherung der Lebensgrundlagen und der Entwicklungschancen aller Menschen muss weltweit oberste Priorität haben." Wissenschaftliche Analysen und neueste Forschungsansätze spielten in der Umweltpolitik eine entscheidende Rolle. "Präzise Frühwarnsysteme sind die beste Voraussetzung, um Umweltveränderungen rechtzeitig zu erkennen", sagte Bulmahn. Darauf aufbauend könnten Maßnahmen zur Gegensteuerung oder zumindest zur Anpassung entwickelt werden.


Globale Partnerschaft mit Leben füllen


Die Eingriffe des Menschen in die natürliche Umwelt gefährden nach Angaben des WBGU bereits heute in weiten Teilen der Erde die Lebensbedingungen der Armen. Ohne Gegensteuerung werden Umweltveränderungen künftig in noch größerem Umfang Existenz bedrohende Auswirkungen haben. Absolute Armut bedeutet neben mangelndem Einkommen meist auch ein erhöhtes Hunger- und Erkrankungsrisiko sowie fehlende Bildung. Noch immer leben 1,1 Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar am Tag, ebenso viele haben keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser und rund 840 Mio. Menschen sind unterernährt. Allein durch verschmutzte Luft in Innenräumen sterben jährlich etwa 1,6 Mio. Menschen.

Mehr denn je ist eine verantwortungsvolle Zusammenarbeit von Industrie- und Entwicklungsländern notwendig, um die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und Armut zu bekämpfen. Dies verlangt aus Sicht des WBGU, dass die Industrieländer ihre eigenen Konsum- und Produktionsmuster nachhaltig gestalten und zukunftsfähige Modernisierungsprozesse in Entwicklungsländern unterstützen. Die bisherige Lücke zwischen den Ankündigungen der reichen Länder und ihrer tatsächlichen Politik unterhöhlt das Vertrauen der Entwicklungsländer. Gleichzeitig stehen die Regierungen der Entwicklungsländer in der Pflicht, gute Regierungsführung zu praktizieren, die Rechte der Armen zu stärken und die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit Ernst zu nehmen.

UN-Reform: Entwicklungs und Umweltproblemen so hohen Stellenwert wie Sicherheitsfragen geben


Der schwerfällige "Tanker" UN muss seine politische Steuerungsfähigkeit verbessern und zum Rückgrat einer globalen Umwelt- und Entwicklungspartnerschaft werden. Nur so kann der viel beklagte Mangel an abgestimmter Politik (Kohärenz) verringert und die Durchsetzungsfähigkeit von Nachhaltigkeitszielen in der Staatengemeinschaft gestärkt werden. Als langfristige Vision empfiehlt der WBGU einen „Rat für Globale Entwicklung und Umwelt“ als übergeordnetes Gremium im UN-System einzurichten. Er soll die Institutionen im Entwicklungs- und Umweltbereich, einschließlich der internationalen Finanzorganisationen wie Weltbank und IWF, koordinieren und auf das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ausrichten. Der Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) soll in dem neuen Gremium aufgehen. Für die Einrichtung eines solchen neuen Rates wäre eine Änderung der UN-Charta nötig. Dieses Reformprojekt ist daher nur langfristig zu realisieren. Ein weiterer wichtiger Reformschritt ist die rasche Aufwertung des UN-Umweltprogramms (UNEP) zu einer UN-Sonderorganisation.

Umsetzung vor Ort vorantreiben


Der WBGU betont, dass die Umsetzung internationaler Vereinbarungen nur gelingen kann, wenn die nationalen und lokalen Akteure als die eigentlichen Kräfte dieses Prozesses begriffen werden. Der Schritt von der Verabschiedung globaler Aktionsprogramme zu deren konkreter Umsetzung vor Ort bleibt meist unbefriedigend. Daher sollten quantitative Ziele für internationale Abkommen vereinbart, Indikatoren zur Überprüfung der Maßnahmen erarbeitet sowie die Koordination der Geber verbessert werden.

Finanzierung sichern


International vereinbarte Ziele für Armutsbekämpfung und Umweltschutz sind finanzierbar. Der hierfür erforderliche zusätzliche jährliche Mittelbedarf bewegt sich nach Schätzung des WBGU im niedrigen dreistelligen Milliardenbereich. Das entspricht der Größenordnung nach den jährlichen Ausgaben der OECD-Länder für Agrarsubventionen, die sich auf rund 350 Mrd. US-Dollar belaufen. Die Kosten zum Schutz des Klimas und der Biodiversität liegen ebenfalls im niedrigen dreistelligen Milliardenbereich. Hinzu kommen Kosten für Anpassung an und Kompensation von Klimaschäden.
Für die Gewinnung zusätzlicher Finanzmittel bieten sich mehrere Möglichkeiten an. So können Gelder etwa durch Umlenkung bestehender Ausgaben gewonnen werden, wie die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen. Auch der Abbau von Handelshemmnissen, die den Zugang der armen Länder zu den Märkten der Industrienationen verhindern, würde einen wesentlich höheren Mittelfluss in die Entwicklungsländer bewirken. Zudem ist eine Erhöhung der öffentlichen Entwicklungsleistungen erforderlich, vor allem für die am wenigsten entwickelten Länder. Schließlich können Finanzmittel durch öffentlich-private Partnerschaften, also Allianzen zwischen öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit, Zivilgesellschaft und der Privatwirtschaft, gewonnen werden. Weitere Instrumente sind die Erhebung von Entgelten für die Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter wie den internationalen Luftraum oder die Meere. So könnte beispielsweise ein am Verbrauch von Flugbenzin orientiertes Entgelt bei EU-weiter Einführung ein Aufkommen von bis zu 21 Mrd. € pro Jahr erbringen.

Bevorstehende politische Gipfel für Weichenstellungen nutzen


Der kommende G8-Gipfel im Juli 2005 wird sich mit Armutsbekämpfung und Klimaschutz befassen. Der WBGU begrüßt in diesem Zusammenhang die Ankündigung der britischen Regierung, den Entwicklungsländern weitere Schulden zu erlassen. Die Bundesregierung sollte sich diesem Vorstoß anschließen, weil die hohe Auslandsverschuldung einer nachhaltigen Entwicklung in armen Ländern im Wege steht. Die mit Auflagen verbundene Entschuldungsinitiative (HIPC) sollte reformiert und auf hochverschuldete Länder mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen ausgedehnt werden.
Eine weitere Gelegenheit zur Weiterentwicklung der internationalen Umwelt- und Armutsbekämpfungspolitik bietet die von den Vereinten Nationen für September 2005 anberaumte hochrangige Konferenz, auf der die Erfüllung der im Jahr 2000 von 150 Staats- und Regierungschefs vereinbarten Beschlüsse der Millenniumserklärung sowie der zurückliegenden Weltkonferenzen auf der Tagesordnung stehen.
(WBGU, 02.12.2004 - DLO)
 
Printer IconShare Icon