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Sonntag, 11.12.2016
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Der Saal macht die Musik

Musik klingt in einem klassisch rechteckigen Konzertsaal emotional mitreißender

Ob uns die Musik bei einem Konzert emotional berührt, hängt nicht nur vom Stück und den Interpreten ab: Auch die Form des Konzertsaals spielt eine überraschend große Rolle, wie ein Experiment belegt. Das gleiche Musikstück kann demnach in einem klassischen "Schuhkarton"-Saal mehr Gefühle wecken als in moderne Architektur – selbst wenn die Zuhörer nur den Raumklang hören, ohne im Saal selbst zu sein.
Der Wiener Musikverein ist ein klassisch, rechteckiger Konzertsaal - sein Klang weckt starke Emotionen.

Der Wiener Musikverein ist ein klassisch, rechteckiger Konzertsaal - sein Klang weckt starke Emotionen.

Musik hat die Macht, bei uns Menschen große Gefühle zu wecken. Kein Wunder daher, dass sogar schon ungeborene Kinder auf Musik reagieren und unser Musikgeschmack verraten kann, wie empathisch wir sind. Sogar unsere Genaktivität verändert sich beim Hören klassischer Musik, wie kürzlich eine Studie belegte.

Aber was bestimmt, neben Musiktyp und Art der Interpretation, ob ein Musikstück Emotionen weckt oder nicht? Welche Rolle der Konzertsaal spielt, haben nun Jukka Pätynen und Tapio Lokki von der Aalto Universität in Finnland näher untersucht. Bereits 2014 hatten sie in einer Vergleichsstudie herausgefunden, dass die Form des Saals beeinflusst, wie gut die Dynamik und der räumliche Klang eines Orchesters beim Zuhörer ankommen.

Beethovens Siebte im Test


Welche emotionale Wirkung dies hat, haben die Forscher nun in einer Folgestudie untersucht. Dafür spielten sie einen Ausschnitt der 7. Symphonie von Beethoven über Lautsprecher auf der Bühne von in sechs europäischen Konzertsälen ab, darunter der Berliner Philharmonie, und dem Konzerthaus, dem Wiener Musikverein, dem Amsterdam Concertgebouw, der Kölner Philharmonie und dem Musikzentrum Helsinki.


Das Helsinki Music Centre ist ähnlich wie die Berliner Philharmonie ein moderner Bau mit vieleckigem Grundriss.

Das Helsinki Music Centre ist ähnlich wie die Berliner Philharmonie ein moderner Bau mit vieleckigem Grundriss.

Über Mikrophone zeichneten sie dabei jeweils von zwei Sitzpositionen den Raumklang auf. Diese Aufnahmen spielten sie in einem akustisch speziell angepassten Hörraum ihren Versuchspersonen vor. Diese trugen Sensoren am Finger, die ihren Hautwiderstand maßen. Dieser verändert sich umso stärker, wenn intensiver ein Mensch Gefühle oder Erregung erlebt.

Rechteckige Säle wecken mehr Emotionen


Und tatsächlich: Sowohl beim Hautwiderstand als auch beim subjektiven Eindruck der Probanden zeigten sich auffallende Unterschiede. Ertönte die in einem rechteckigen, klassischen Konzertsaal aufgenommene Version, löste die Musik stärkere Emotionen aus. Am stärksten war dies beim Wiener Musikverein und im Berliner Konzerthaus der Fall, gefolgt vom Amsterdamer Concertgebouw.

"Die Teilnehmer bewerteten den Klang der rechteckigen Säle auch subjektiv als eindrucksvoller", berichten Pätynen und Lokki. Ihrer Ansicht nach liegt dies daran, dass der Schall bei rechteckigen Sälen stärker und früher reflektiert wird und so einen "satteren" Raumklang erzeugt. Säle mit modernen Grundrissen erzeuge dagegen einen filigranerern Klang, der offenbar weniger starke Gefühle hervorruft.

Auch die Sitzposition ist entscheidend


Interessanterweise spielt für das Musikerlebnis aber auch die Sitzposition im Saal eine wichtige Rolle. Allerdings ist dieser Effekt je nach Saal durchaus unterschiedliche. Beim Wiener Musikverein beispielsweise rief ein Sitzplatz nahe am Orchester starke emotionale Reaktionen hervor, ein Platz im hinteren Teil des Saals dagegen nicht. Die Forscher erklären dies mit dem starken Hall in diesem Konzertsaal: "In der hinteren Position kann der Klang als zu stark hallend empfunden werden."

Anders dagegen bei der Berliner Philharmonie und den beiden rechteckigen Sälen des Berliner Konzerthauses und des Amsterdamer Concertgebouw: Hier löste die Musik auf den – virtuell – hinteren Plätzen stärkere Gefühle aus als der Platz vorne. Die Wissenschaftler führen dies darauf zurück, dass der Raumklang in diesen Sälen erst weiter hinten richtig zum Tragen kommt, vorne hört man hier vorwiegend den direkten Schall des Orchesters.

"Unsere Studie demonstriert, dass die Akustik des Saals eine wichtige Rolle für die emotionale Wirkung der Musik spielt", konstatiert Pätynen. Das zu wissen, sei nicht nur für Zuhörer wichtig, sondern auch beispielsweise für Tonaufnahmen von Konzerten. "Schließlich ist das gefühlsmäßige Erleben der Musik ein Schlüsselfaktor für viele Zuhörer." (Journal of the Acoustical Society of America (JASA), 2016; doi: 10.1121/1.4944038)
(Aalto University, 29.03.2016 - NPO)
 
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