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Freitag, 30.09.2016
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Steinzeit-Vogelbild verblüfft Archäologen

35.000 Jahre altes Relief ist außergewöhnlich kunstfertig und naturalistisch

Steinzeitversion des Twitter-Vogels: In Frankreich haben Archäologen ein 35.000 Jahre altes Vogelrelief entdeckt, das in gleich mehrerer Hinsicht außergewöhnlich ist. So ist das Vogelbild für damalige Zeit ungewöhnlich naturalistisch und erlaubt sogar Rückschlüsse auf die Vogelart. Zum anderen ist die Machart als eingesenktes Relief für die Altsteinzeit extrem unüblich, wie die Forscher berichten. Auch der Fund auf einem Abfallstück der Faustkeil-Produktion sei einzigartig.
Zwei Ansichten des 35.000 Jahre alten Vogelbilds aus der Dordogne.

Zwei Ansichten des 35.000 Jahre alten Vogelbilds aus der Dordogne.

Schon unsere steinzeitlichen Vorfahren nutzten Bilder, um ihre Gefühle, Gedanken oder ihren Glauben auszudrücken. Davon zeugen unter anderem die Höhlenmalereien in der Grotte von Chauvet, die älteste bekannte Felszeichnung in der Höhle von Abri Castanet oder Handabdrücke auf der Insel Sulawesi.

"Einzigartiges Kunstwerk"


Ein sehr ungewöhnliches Beispiel für die frühe Kunst des Homo sapiens haben Iluminada Ortega vom archäologischen Forschungszentrum in Campagne und seine Kollegen nun im Vorfeld von Straßenbauarbeiten in der Dordogne entdeckt. In einer Einsturzsenke mit Relikten einer steinzeitlichen Werkstatt stießen sie auf ein Kalksteinstück, auf dem ein kleines Relief eines Vogels zu sehen war.

Den Datierungen nach stammt dieses Kunstwerk aus der Zeit vor rund 35.000 Jahren und gehört damit zum Aurignacien, der Kultur der ersten Vertreter des Homo sapiens, die Europa besiedelten. Ungewöhnlich daran: Aus dieser Zeit wurde zuvor noch nie eine Tierdarstellung auf einem losen Steinstück gefunden. "Der Vogel von Cantalouette II ist das erste Beispiel von tragbarer, figurativer Kunst, die in Frankreich entdeckt worden ist", so die Forscher. Er sei bisher einzigartig.


Ungewöhnlich naturgetreu


Der kleine Steinzeit-Vogel ist aber noch in weiterer Hinsicht außergewöhnlich, wie die Archäologen berichten. So ist die Darstellung ungewöhnlich realistisch: Das Relief lässt die Federn und Details des Kopfes gut erkennen. Demnach ist der Schnabel kurz und spitz, das Auge eher klein und von einem Überaugenstreif gesäumt. Die Flügel sind nach oben-hinten ausgebreitet, die Schwungfedern durch parallele Ritzlinien angedeutet.

Der Vogel ist als eingesenktes Relief umgesetzt - außergewöhnlich für das Aurignacien.

Der Vogel ist als eingesenktes Relief umgesetzt - außergewöhnlich für das Aurignacien.

Der Vogel ähnelt damit ein wenig dem bekannten Twitter-Logo. Seine Haltung könnte das Tier kurz vor dem Abheben oder aber bei der Balz und beim Trinken zeigen. Der Künstler fing damit sehr kunstfertig einen ganz bestimmten Moment im Verhalten dieses Tieres ein, so Ortega. Die ungewöhnlich naturalistische Darstellung ermöglicht es sogar, die Artzugehörigkeit dieses Vogels zumindest grob einzugrenzen. Die Forscher vermuten, dass es sich um einen Sperlingsvogel, einen Wendehals oder aber einen Verwandten von Wachtel und Rebhuhn handelt könnte.

Versenktes Relief


Einzigartig ist aber auch die von dem Steinzeitkünstler eingesetzte Technik, wie die Archäologen erklären. Der Vogel ist als eingesenktes Relief umgesetzt. Der Künstler musste dafür erst mit einem Werkzeug einen Teil der Kalksteinoberfläche ausheben. Dabei grub er eine Seite tiefer ein als die andere, um einen räumlichen Effekt zu erzeugen. Erst dann ritzte er die Details des Vogels ein.

"Die Nutzung dieser zuvor aus dieser Zeit unbekannten Technik des eingesenkten Reliefs setzt dieses Kunstwerk von allen bisherigen Manifestationen der Aurignacien-Kunst in Westeuropa ab, so Ortega und seine Kollegen. Das spreche dafür, dass die Kunst damals bereits weitaus variabler war als bislang angenommen. Statt linear aufeinanderfolgender Stile, die sich von einfachen zum immer komplexeren entwickelten, herrschte offenbar schon früh eine Vielfalt der Stile.

Flüchtige, spielerische Kunst


Und noch etwas ist an dem kleinen Vogel außergewöhnlich: Sein Schöpfer ritzte ihn nicht in eine Höhlenwand oder einen Felshang ein, sondern in ein Kalksteinstück, das beim Werkzeugmachen als Abfall anfiel. Unmittelbar danach muss er das kleine Bild wieder weggeworfen haben – ähnlich wie wir heute zum Zeitvertreib auf einem Stück Papier herummalen, um eine Wartezeit zu überbrücken.

"Der Kontext dieses Fundstücks legt nahe, dass es ein flüchtiger künstlerischer Ausdruck war – ein Verhalten, das bisher für das Aurignacien unbekannt war", erklären Ortega und seine Kollegen. Das zeige, dass Kunst und symbolische Darstellungen schon damals nicht allein sozialen oder rituellen Zwecken dienten, sondern auch spielerische, flüchtige Ausdrücke der Kreativität waren. (Journal of Archaeological Science: Reports, 2016; doi: 1016/j.jasrep.2015.09.009)
(INRAP, 24.03.2016 - NPO)
 
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