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Dienstag, 27.09.2016
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Steinzeit-Mann verweste aufrecht im Grab

Junger Mann wurde vor 6.400 Jahren stehend eingegraben

Aufrecht in die Ewigkeit: Im brandenburgischen Groß Fredenwalde haben Forscher ein extrem ungewöhnliches Steinzeitgrab entdeckt. In ihm wurde ein junger Mann vor rund 6.400 Jahren aufrecht stehend beerdigt – und das zunächst nur halb. Erst als sein aus der Erde ragender Oberkörper zerfiel, schütteten seine Zeitgenossen das Grab komplett zu. Warum der Mann diese einzigartige Sonderbehandlung erhielt, ist bisher rätselhaft.
Knochen und Schädel des aufrecht begrabenen Steinzeit-Mannes aus Groß Fredenwalde.

Knochen und Schädel des aufrecht begrabenen Steinzeit-Mannes aus Groß Fredenwalde.

Als Archäologen vor gut 50 Jahren die ersten Urzeit-Gräber in Groß Fredenwalde in der Uckermark entdeckten, hielten sie sie zunächst für die Überreste jungsteinzeitlicher Siedler. Doch 192 enthüllte eine moderne Datierung, dass die Knochen und Steinwerkzeuge schon knapp 8.000 Jahre alt waren. Sie stammten damit aus der Mittelsteinzeit – einer Ära, aus der es in Deutschland nur wenige Grabfunde gibt.

Grab unter der Feuerstelle


Archäologen um Thomas Terberger vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege haben nun weitere, rund 6.400 Jahre alte Gräber aus dieser Ära in Groß Fredenwalde entdeckt. Unter ihnen war auch das Grab eines weniger als sechs Monate alten Kleinkinds.

Äußerst ungewöhnlich ist jedoch ein anderer Fund: Unter einer steinzeitlichen Feuerstelle stießen die Archäologen auf einen ovalen Fleck auffallend verfärbter Erde. Als sie dort nachgruben, fanden sie erst die Wirbelknochen eines Menschen, dann Armknochen und schließlich auch den Rest des Toten. Seltsamerweise lagen die Knochen oberhalb der Oberschenkel kreuz und quer durcheinander, während die Unterschenkel und Füße aufrecht und anatomisch korrekt im Boden steckten.


Querschnitt durch das Grab des jungen Mannes.

Querschnitt durch das Grab des jungen Mannes.

Aufrecht eingegraben - aber nur bis zu den Knien


Nach Ansicht der Forscher gibt es für diese ungewöhnliche Position des Toten nur eine Erklärung: Er muss aufrecht begraben worden sein. Seine Bestatter stellten den Leichnam vermutlich aufrecht in eine 1,60 Meter tiefe Erdgrube. "Dann fixierten sie den an die Wand der Grube gelehnten Toten, indem sie bis zu den Knien Erde auffüllten", beschreiben Terberger und seine Kollegen das Prozedere.

Das Gruselige folgte jedoch dann: Statt den Toten komplett zu begraben, blieb die Grube zunächst offen. "Dadurch konnten Raubtiere an den Leichnam gelangen und auf einigen der Armknochen herumkauen", berichten die Archäologen. Nachdem die weiche Gewebe der Leiche verwest waren, fielen Rumpf und Schädel ungeordnet in die Grube hinein. "Erst dann wurde die Grube mit Sand aufgefüllt und auf diesem Grab ein Feuer entzündet", so Terberger und seine Kollegen. "Diese Art der Bestattung ist einzigartig für Mitteleuropa."

Warum wurde der Mann so begraben?


Diese seltsame Behandlung des Toten erweckt den Eindruck, als sei er hingerichtet oder wegen einer Missetat bestraft worden. Doch zahlreiche Grabbeigaben, die beim Auffüllen der Grube mit eingegraben wurden, sprechen nach Ansicht der Forscher dagegen. Sie fanden 30 Feuerstein-Artefakte und zwei Knochenwerkzeuge im Grab, viele davon nahe am Schädel des Toten.

"Diese Grabbeigaben identifizieren den jungen Mann als kunstfertigen Klingenmacher und als guten Handwerker", erklären die Archäologen. Die Position der Beigaben spreche zudem dafür, dass diese absichtlich im Rahmen eines Bestattungsritus in der Grube platziert wurden. "Ich sehe daher keine Indizien dafür, dass dieses Begräbnis als Strafe diene sollte", sagt Terberger.

Warum der junge Mann vor rund 6.400 Jahren von seinen Zeitgenossen auf diese seltsame Weise bestattet wurde, bleibt allerdings ungeklärt. Die Forscher hoffen, durch weitere Funde in Groß Fredenwalde mehr über die Jäger und Sammler zu erfahren, die diesen Ort in der Mittelsteinzeit als Friedhof nutzten. (Quartär, 2016; doi: 10.7485/QU62_6)
(Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege, 17.02.2016 - NPO)
 
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