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Mittwoch, 25.05.2016
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Der Strommarkt 2.0: Grundlagen, Handlungsfelder und Maßnahmen

Energiewende

Die angestrebte Energiewende eröffnet eine Vielzahl von Handlungsfeldern. Neue Energieträger müssen gestärkt, regenerative Energiequellen in das bestehende Stromnetz eingebunden und die Verteilung des gewonnenen Stroms koordiniert werden. Veränderte Bedingungen brauchen dabei auch veränderte gesetzliche Regelungen. Ein entsprechender Gesetzentwurf, der sich inhaltlich mit der Weiterentwicklung des Strommarktes befasst, ist deshalb schon im Herbst letzten Jahres vom Bundeskabinett beschlossen worden.
Die angestrebte Energiewende eröffnet eine Vielzahl von Handlungsfeldern.

Die angestrebte Energiewende eröffnet eine Vielzahl von Handlungsfeldern.

Die Problemstellung: Übergangsphase und Versorgungssicherheit


Die Ergebnisse des öffentlichen Dialogs mit Experten, Wirtschaftsvertretern und Verbrauchern, dokumentiert im Weißbuch „Ein Strommarkt für die Energiewende“, bildeten die Grundlage für den Gesetzentwurf. Die übergeordneten Ziele waren vorab schon klar umrissen – Sicherheit, Kosteneffizienz und Umweltverträglichkeit sind die wichtigsten Merkmale zukünftiger Stromversorgung sein.

Die daraus folgende größere Gewichtung erneuerbarer Energieträger stellt allerdings neue Anforderungen an die bisherige Infrastruktur im Stromsektor. Dazu kommt die Deadline für die Stromerzeugung aus Kernenergie, die bekanntlich bis zum Jahr 2022 eingestellt werden soll. Diesen Anforderungen muss nicht nur das Netz selbst, sondern eben auch der Strommarkt angepasst werden. Das gilt beispielsweise für die Synchronisation von Erzeugung und Verbrauch.

Einerseits müssen in ausreichendem Maß Kapazitäten zur Verfügung stehen, damit Schwankungen bei Angebot und Nachfrage ausgeglichen werden können. Zu dieser Vorhaltefunktion kommt andererseits die Notwendigkeit der Optimierung der Einsatzfunktion: Die vorhandenen Kapazitäten müssen zur richtigen Zeit im richtigen Umfang abrufbar sein. Zu den hierzu notwendigen Sowieso-Maßnahmen gehört dementsprechend unter anderem der Ausbau des bundesweiten Stromnetzes, mit dem regionale Schwankungen abgefangen werden sollen. Dazu sollen beispielsweise alle Akteure am Strommarkt in Form von Smart Grids vernetzt werden, deren Aufgabe unter anderem in der gleichmäßigen, störungsfreien Auslastung des Netzes besteht.


Das alles dient selbstverständlich der allgemeinen Versorgungssicherheit, die in Deutschland aufgrund der ausgeprägten Industriestrukturen eben auch ein wirtschaftlicher Faktor ist. Für die Gewährleistung eines sicheren Netzbetriebs sind gemäß dem Energiewirtschaftsgesetzes die Übertragungsnetzbetreiber zuständig, das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) führt außerdem im Zwei-Jahres-Rhythmus ein umfassendes Monitoring durch. Im Zuge der fortschreitenden Versorgung mit Strom über die Ländergrenzen hinweg ist die Versorgungssicherheit inzwischen aber ein europäisches Thema, dem auch die Monitoringmaßnahmen Rechnung tragen müssen.

Weiterentwickelter Strommarkt oder Kapazitätsmarkt?


Hinsichtlich der Versorgungssicherheit und mit Blick auf das kommende Strommarktgesetz stellte das BMWi zwei denkbare Gestaltungsmöglichkeiten zur Disposition: Zum einen die Weiterentwicklung des bestehenden Marktes oder ein sogenannter Kapazitätsmarkt. Diese Grundsatzentscheidung zwischen den beiden Modellen ist seit einigen Jahren Anlass für Kontroversen, nichtsdestotrotz – das ist dem Weißbuch des Ministeriums zu entnehmen – sprachen sich die Bundesländer mehrheitlich für den reformierten Strommarkt aus.

Der Entwicklungsprozess zum Strommarkt 2.0

Der Entwicklungsprozess zum Strommarkt 2.0

Ein Kapazitätsmarkt wurde dabei als gegebenenfalls denkbare Option betrachtet, falls der Strommarkt 2.0 Defizite bei der Versorgungssicherheit aufweisen sollte. Das Hauptargument für den Kapazitätsmarkt stellten mögliche Probleme der Refinanzierung der Bereitstellung von Kapazitäten dar. Der derzeitige – und künftige – Strommarkt sieht keine Vergütung für die von den Kraftwerken bereitgestellte Leistung vor. Die Kosten dafür müssten daher über Preisspitzen kompensiert werden.

Die Ausrichtung auf diese Preisspitzen wirke aber Investitionen in den Bereichen Speicherung und Lastmanagement entgegen, da ohnehin nur die tatsächlich verbrauchte Strommenge bezahlt werde. Die Einführung eines Kapazitätsmarktes in Frankreich dürfte dazu für eine Schwächung der erforderlichen Preisspitzen sorgen, ebenso die aktuelle Entwicklung der Energiepreise insgesamt.

Demgegenüber wird der Strommarkt 2.0 als kostengünstigere Lösung beurteilt, die keinerlei Eingriffe in den vorhandenen Markt erfordert. Die seien auch gar nicht notwendig, weil das Energy-Only-System des Strommarktes de facto schon das Vorhalten von Leistung vergütet. Der Einkauf von Strom an den Börsen macht die Bereitschaft für einen Ausgleich geradezu notwendig – reichen die eingekauften Mengen nämlich nicht aus, muss die Lücke zwischen Verbrauch und Bereitstellung mit Hilfe flexibel einsetzbarer Kraftwerke oder Speicher geschlossen werden.

Marktmechanismen, flexible Versorgung und Absicherung


Die Anpassung des Strommarktes bzw. dessen Weiterentwicklung umfasst drei Schwerpunkte mit jeweils eigenen Maßnahmen. Im Fokus stehen stärkere Marktmechanismen, die Bereitstellung einer flexiblen und umweltverträglichen Infrastruktur sowie die Absicherung der Stromversorgung. Insgesamt sind 20 Maßnahmen vorgesehen, die den Strommarkt 2.0 ermöglichen sollen.

Stärkere Marktmechanismen


Als erste dieser Maßnahmen wird garantiert, dass es von Seiten des Staates keinerlei Eingriffe in die Entwicklung der Strompreise geben wird. Das bedeutet, die Preisbildung bleibt frei und ohne Vorgabe von Preisgrenzen – die Preise sollen demnach ausschließlich durch den Wettbewerb zustande kommen. Das gilt auch über die Landesgrenzen hinaus, in einer gemeinsamen Erklärung konnten sich 2015 Deutschland und die Nachbarstaaten darauf einigen, auch beim grenzübergreifenden Stromhandel nicht zu intervenieren. Gleichzeitig zur freien Preisbildung sieht das Strommarktgesetz aber auch eine Garantie des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage vor.

Dazu soll die Bilanzkreistreue gefördert werden. Unter einem Bilanzkreis ist eine Art virtuelles Konto für den Strom zu verstehen, in dem Stromentnahmen, Stromeinspeisungen und Handelsgeschäfte berücksichtigt werden. Mit Bilanzkreistreue ist wiederum der ständige Ausgleich gemeint, so dass - unterstützt durch die Festlegung einer Regelleistung – immer so viel Strom in das Netz eingespeist wird, wie auch entnommen wird. Das Strommarktgesetz sieht in dieser Hinsicht Anreize in Form einer Überarbeitung des Ausgleichsenergiesystems vor, damit bei Knappheit gelieferte Ausgleichsenergie entsprechend vergütet wird.

Flexible und effiziente Stromversorgung


Die Optimierung der Stromversorgung hinsichtlich größerer Flexibilität, Kosteneffizienz und Umweltverträglichkeit nimmt den Großteil des Maßnahmenkatalogs für den Strommarkt 2.0 – die geplanten Maßnahmen sind dabei weitestgehend identisch mit den Zielen der Bundesregierung für die allgemeine Energiewende. Zu diesen Punkten ist ganz klar die Förderung der Elektromobilität zu zählen, die schon seit einigen Jahren in besonderer Weise durch die Regierung unterstützt wird. Im Fokus des Gesetzes stehen vor allem die notwendigen Rahmenbedingungen für den Aufbau von Ladepunkten für Elektrofahrzeuge.

Die Einspeisung erneuerbarer Energien sowie die gleichmäßige Auslastung des Stromnetzes sind im Strommarktgesetz ebenfalls aufgenommen.

Die Einspeisung erneuerbarer Energien sowie die gleichmäßige Auslastung des Stromnetzes sind im Strommarktgesetz ebenfalls aufgenommen.

Darüber hinaus werden ebenso die Netzentgelte für solche Großverbraucher angepasst, die durch ein flexibles, systemdienliches Abnahmeverhalten zur Entlastung des Netzes beitragen. Die dazu notwendige Festlegung von Hochlastzeitfenstern – wenn also viele Verbraucher zur gleichen Zeit viel Strom verbrauchen – muss dabei auch die Besonderheiten der schwankenden Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien berücksichtigen und kürzere Zeitabstände zur Grundlage nehmen. Überhaupt werden die Netzentgelte im Sinne größerer Transparenz und Preisgerechtigkeit stärker vereinheitlicht werden. Regionale Unterschiede in der Höhe der Entgelte werden damit aufgehoben.

Im Sinne der Anpassung an einen weiterhin steigenden Anteil der Stromeinspeisung aus regenerativen Energieträgern liefert das Strommarktgesetz zudem den rechtlichen Rahmen für die bessere Einbindung solcher Anlagen. Im Fall von Windkraft- und Solaranlagen ist eine sogenannte „Spitzenkappung“ vorgesehen, d.h. eine Abregelung der Stromerzeugung unter das mögliche Niveau. Damit soll ein zu großer Aufwand des Netzausbaus für den Transport seltener und kaum benötigter Leistungsspitzen reduziert, der Netzausbau insgesamt somit kostengünstiger gestaltet werden.

Zusätzliche Absicherung


Zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit wird der schon erwähnte Strommarktbericht des BMWi in die gesetzlichen Bestimmungen eingebunden. Das Monitoring berücksichtigt dabei die Position Deutschlands innerhalb des europäischen Strommarkts. Konkreter wird die Absicherungsplanung durch die Einführung einer Kapazitätsreserve, die im Grunde genommen zwei Zielen dient: Zum einen geht es darum, im Notfall ausreichende Kapazitäten zur Verfügung zu haben, um Differenzen zwischen Angebot und Nachfrage auch kurzfristig decken zu können. Zum anderen werden auf diese Weise Braunkohlekraftwerke schrittweise stillgelegt. Dazu werden sie zunächst in die Reserve überführt, was bedeutet, dass sie nur noch im Bedarfsfall Strom erzeugen. Nach einer Frist von vier Jahren erfolgt dann die vollständige Stilllegung.

Fazit


In Anbetracht der Tatsache, dass für diese weitreichende Veränderung auch die Klimaziele von entscheidender Bedeutung sind, erscheint die Kapazitätsreserveverordnung allerdings kaum angemessen – der Bundesverband der Verbraucherzentrale bewertet den weiteren Erhalt von Kohlekraftwerken daher als „unnötig und teuer“. Notwendig ist die Anpassung des Strommarkts angesichts der geplanten Entwicklungen aber allemal, denn die Umstellung der Stromerzeugung auf erneuerbare Energien bringt neue Herausforderungen an die Netzstruktur und den Strommarkt mit sich. Wie genau das Strommarktgesetz letztlich umgesetzt wird, zeigt sich dann frühestens ab dem Frühjahr dieses Jahres.
( , 12.02.2016 - KSA)