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Donnerstag, 26.05.2016
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Opas Essen macht unsere Darmflora arm

Die Ernährung unserer Großeltern und Eltern beeinflusst auch unser Mikrobiom

Geerbte Defizite: Ist unsere Darmflora verarmt, liegt dies vielleicht nicht nur an unserer eigenen Ernährung – wir könnten den Mangel von unseren Eltern und Großeltern geerbt haben. Darauf deutet eine Studie mit Mäusen hin. Das Fatale daran: Die Defizite in der für uns wichtigen Mikrobengemeinschaft sind teilweise irreversibel. Ballaststoffreich essen allein reicht dann nicht mehr aus, um dies auszugleichen, so die Forscher im Fachmagazin "Nature".
Ist unsere Darmflora verarmt, kann dies auch eine Folge faserarmer Ernährung unserer Eltern und Großeltern sein.

Ist unsere Darmflora verarmt, kann dies auch eine Folge faserarmer Ernährung unserer Eltern und Großeltern sein.

Unsere Darmflora ist für uns immens wichtig. Denn sie kontrolliert nicht nur unseren Appetit, sie schützt auch vor Asthma und Autoimmunerkrankungen und stärkt sogar die Immunabwehr unseres Gehirns.

Nur noch ein Zehntel der Ballaststoffe


Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Bakterien in unserem Verdauungstrakt ausreichend Nahrung in Form von faserreichen Ballaststoffen bekommen. Genau die jedoch sind bei unseren heutigen Essgewohnheiten meist Mangelware. Dank Fertiggerichten und Fastfood nehmen wir nur noch maximal ein Zehntel der Ballaststoffe auf, die unseren Jäger und Sammler-Vorfahren noch aßen.

Wie sich dies auf die Darmflora auswirkt, haben Erica Sonnenburg von der Stanford University und ihre Kollegen nun in einem Versuch mit Mäusen untersucht. Diese stammten aus einem steril aufgezogenen Mäusestamm ohne eigene Darmflora, erhielten aber kurz nach ihrer Geburt die Bakterien eines menschlichen Spenders. Eine Mäusegruppe bekam dann normales, ballaststoffreiches Futter, während die zweite eine extrem faserarme Nahrung erhielt.


Fastfood und Fertiggerichte liefern unserer Darmflora zu wenig Ballaststoffe.

Fastfood und Fertiggerichte liefern unserer Darmflora zu wenig Ballaststoffe.

"Narben" am Mikrobiom


Wie erwartet, war der Effekt deutlich: "Innerhalb von wenigen Wochen sahen wir massive Veränderungen", berichtet Sonnenburg. "Die faserarm ernährten Mäuse beherbergten immer weniger Bakterien in ihrem Darm." Einige Mikrobenarten waren komplett verschwunden, viele andere hatten um drei Viertel abgenommen.

Diese Verarmung der Darmflora war zudem nur zum Teil reversibel, wie die Forscher feststellten: Selbst als die Mäuse wieder faserreiche Kost bekamen, blieb ihre Mikrobengemeinschaft gegenüber den Kontrolltieren verarmt. Rund ein Drittel der Bakterienarten erreichte selbst nach mehreren Wochen Ballaststoff-Kur nicht mehr die ursprüngliche Menge und Vielfalt. "Die faserarme Diät hinterließ 'Narben' am Mikrobiom", so Sonnenburg und ihre Kollegen.

Weitergegeben bis an die Urenkel


Doch damit nicht genug: Diese Verarmung der Darmflora überträgt sich sogar auf kommende Generationen, wie der Versuch belegte. Dafür kreuzten die Forscher die faserarm ernährten Mäuse untereinander und fütterten auch ihre Nachkommen wieder mit der "Zivilisations-Diät". Auch bei diesen testeten sie dann jeweils, ob sich die Darmflora durch eine Ballaststoff-Kur wieder erholen kann.

Das Ergebnis: Mit der Zeit und mit jeder Generation nahm die Mikrobenvielfalt im Darm der Mäuse weiter ab – und das sehr deutlich: Bei den Urenkeln der ursprünglichen Versuchsmäuse fehlten schon fast drei Viertel der Bakterienarten, wie die Forscher berichten. Denn die Darmflora wird während Schwangerschaft und Geburt auf die Nachkommen übertragen und dann in deren Lebenszeit noch weiter ausgedünnt.

Irreversibler Verlust


Die unschöne Überraschung kam jedoch, als die Forscher prüften, ob und wie gut die Ballaststoff-Kur bei diesen Mäusen anschlug: Wie sich zeigte, waren die Verluste in der Mikrobenvielfalt bei den Folgegenerationen nahezu irreversibel. Selbst bei faserreicher Ernährung blieben zwei Drittel der Bakterienarten dauerhaft aus ihrem Darm verschwunden – dieser Teil des Mikrobioms war im Laufe der Generationen endgültig ausgestorben.

Obst, Gemüse, Getreideprodukte

Obst, Gemüse, Getreideprodukte

Übertragen auf den Menschen bedeutet dies: Unsere Darmflora könnte schon jetzt irreversibel verarmt sein. "Denn im Laufe unserer Geschichte haben wir Menschen unsere Nahrung mehrfach stark verändert - von Jägern und Sammlern über die ersten Bauern bis hin zu unseren heutigen, industriell produzierten Speisen", so Sonnenburg und ihre Kollegen. "Und jeder Wandel war wahrscheinlich mit einer entsprechenden Anpassung der Darmflora verbunden."

Gesund essen reicht vielleicht nicht mehr


Die faserarme Kost, die sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend bei uns etabliert hat, könnte demnach bereits unauslöschliche "Narben" in unserem Mikrobiom hinterlassen haben. Schon von unseren Großeltern und Eltern haben wir demnach eine Darmflora geerbt, die weniger artenreich ist als die unserer Vorfahren.

Und das hat Folgen: Es reicht vielleicht gar mehr nicht aus, wenn wir uns gesund und ballaststoffreich ernähren. Lebten unsere Eltern und Großeltern ungesund, müssen wir trotzdem die Konsequenzen tragen. "Es gibt nur wenige Ökosysteme, in denen eine geringe Artenvielfalt etwas Gutes ist – und wir haben keinen Grund anzunehmen, dass unser Darm hier eine Ausnahme darstellt", sagt Sonnenburg.

Hilfe durch Bakterien von außen


Es gibt allerdings einen Ausweg, wie der Mäuseversuch zeigte: Übertrugen die Forscher die gesunde, artenreiche Darmflora der Kontrolltiere über eine Kot-Transplantation auf die Urenkel der verarmten Linie, dann entwickelte sich schon nach zwei Wochen wieder die volle Bandbreite der Mikrobenvielfalt. Eine solche Fäkalübertragung wäre bei uns jedoch sicher die letzte Methode der Wahl.

Aber nach Ansicht der Forscher könnte schon helfen, wenn wir beispielsweise eine weniger rigide Hygiene einhalten würden und ruhig mal nach der Gartenarbeit oder dem Hundestreicheln das Händewaschen weglassen. Denn das gibt nützlichen Bakterien aus der Erde oder dem Hund die Chance, unser verarmtes Mikrobiom zu ergänzen. (Nature, 2016; doi: 10.1038/nature16504)
(Stanford University Medical Center, 14.01.2016 - NPO)