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Samstag, 10.12.2016
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Neue "Superkeime" in Deutschland nachgewiesen

Bakterien in Mensch und Tier tragen bereits Resistenzgen gegen Notfall-Antibiotikum

Mediziner schlagen Alarm: Sie haben in Deutschland Bakterien nachgewiesen, die selbst gegen das Reserve-Antibiotikum Colistin resistent sind. Dieses Mittel galt bisher als letzte Rettung gegen hartnäckige Infektionen mit resistenten Darmkeimen. Doch nun hat sich ein wahrscheinlich in China entstandenes Resistenzgen auch in Europa ausgebreitet – sowohl bei Geflügel als auch beim Menschen sind Erreger mit diesem Gen gefunden worden.
Salmonellen an einer Immunzelle - auch von diesen Bakterien tragen bereits einige das Resistenzgen gegen Colistin.

Salmonellen an einer Immunzelle - auch von diesen Bakterien tragen bereits einige das Resistenzgen gegen Colistin.

Die wichtigsten Waffen der Medizin werden stumpf: Immer häufiger bleiben gängige Antibiotika wirkungslos, weil die krankmachenden Bakterien gegen diese Wirkstoffe resistent geworden sind. Einige dieser "Superkeime", darunter der gefürchtete Krankenhauskeim MRSA und die sogenannten ESBL-Bakterien, sind bereits gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig immun, selbst Notfall-Wirkstoffe helfen gegen sie vielfach nicht mehr.

Resistent selbst gegen Reserve-Antibiotikum


Als letzte Rettung setzen Mediziner in solchen Fällen sogenannte Reserve-Antibiotika ein – Wirkstoffe, die bei normalen Infekten nicht verwendet werden, um eine Resistenzbildung zu verhindern. Besonders bei multiresistenten Enterobakterien ist das Antibiotikum Colistin eines der wenigen noch wirksamen Mittel. Es zählt laut Weltgesundheitsorganisation zu den "Critically important antibiotics for human medicine".

Chemische Struktur des Notfall-Antibiotikums Colistin.

Chemische Struktur des Notfall-Antibiotikums Colistin.

Doch nun zeigt sich, dass auch diese Behandlungsoption bald hinfällig werden könnte: Bereits im November 2015 haben Forscher in China Bakterien mit einem zuvor unbekannten Resistenzgen gegen Colistin entdeckt. Die Keime mit dem Gen mcr-1 wurden sowohl beim Menschen, als auch bei Tieren und in Lebensmitteln nachgewiesen. Wahrscheinlich bildete sich diese Resistenz durch den starken Einsatz von Antibiotika in der chinesischen Tierzucht.


Jetzt auch in Deutschland


Jetzt haben Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) dieses Resistenzgen gegen das Antibiotikum Colistin auch in Deutschland nachgewiesen – im Darm von Nutztieren und beim Menschen. Die Analysen ergaben, dass sowohl Salmonellen als auch Bakterien der Art Escherichia coli in mehreren Geflügelbeständen gegen das Antibiotikum Colistin resistent sind. Auch Untersuchungen in England und in den Niederlanden verliefen positiv.

Nach Schätzungen der Experten kommt dieses Resistenzgen wahrscheinlich schon seit dem Jahr 2010 in Tieren vor – damit hatten Bakterien reichlich Gelegenheit, diese Resistenz auch auf Keime des Menschen zu übertragen. Und genau dies offenbar bereits passiert: Die Forscher entdeckten nun das Gen mcr-1 auch in einem Isolat einer menschlichen Probe aus dem Jahr 2014.

Carbapenemase-produzierende Enterobakterien (blau gefärbt) auf einer Agarplatte.

Carbapenemase-produzierende Enterobakterien (blau gefärbt) auf einer Agarplatte.

Schon auf den Menschen übertragen


Besonders brisant: Die Bakterien in dieser Probe waren offenbar nicht nur gegen Colistin resistent, sondern auch gegen den Wirkstoff Carbapenem. Carbapeneme sind breit wirksame Antibiotika, die in Notfällen gegen multiresistente Bakterien zum Einsatz kommen. Wenn sie unwirksam werden, kommt Colistin als letzte Reserve zum Einsatz. Besteht auch dagegen eine Resistenz, kann eine ausweglose Situation ohne Behandlungsoption entstehen.

Alarmierend ist nach Angaben der Experten auch, dass das neu entdeckte Resistenzgen – im Gegensatz zu den vorher bekannten Colistin-Resistenzen – zwischen Bakterienstämmen übertragbar ist und sich so leicht verbreiten könnte. Sie könnten damit zu einer echten Gefahr für das Gesundheitswesen werden, so die Forscher. Durch eine Neuanalyse konservierter Proben und weitere Tests versuchen sie nun, herauszufinden, wie weit sich dieses Gen bereits bei ausgebreitet hat.

Die Experten empfehlen in jedem Fall, beim Verarbeiten von Fleisch, insbesondere von Geflügel besonders vorsichtig zu sein. Schneidebretter, Messer und andere Utensilien, die mit dem rohen Fleisch in Kontakt gekommen sind, müssen gründlich gereinigt werden und sollten keinesfalls hinterher zur Zubereitung von Obst oder Salaten eingesetzt werden. Außerdem empfiehlt es sich, Fleisch vor dem Verzehr gründlich durchzugaren. Es sollte mindestens zwei Minuten lang eine Temperatur von 70 °C im Kern erreichen.
(Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) / Justus-Liebig-Universität Gießen, 08.01.2016 - NPO)
 
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