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Samstag, 27.05.2017
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„Energie-Orakel“: Wasserstoffzeitalter kommt später

Ergebnisse europaweiter Delphi-Studie vorgestellt

Was wird die Energie der Zukunft? Genau diese Frage sollte eine Delphi-Befragung von rund 670 Expertinnen und Experten in allen EU-Staaten und den osteuropäischen Beitrittsländern klären. Die Ergebnisse der Umfrage „European Energy Delphi“ (EurEnDel) liegen jetzt vor und geben Auskunft über die langfristigen Entwicklungen im europäischen Energiesektor bis zum Jahr 2030.
Solaranlage

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Die Umfrageergebnisse zeigen, dass es aus Sicht der Expertinnen und Experten im Zeithorizont 2030 keinen „Business-as-usual“-Entwicklungspfad für das Europäische Energiesystem gibt: Weitere bedeutende strukturelle Veränderungen sind für die kommenden Dekaden zu erwarten. Projektleiter Timon Wehnert, vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin (IZT),
zum Hauptresultat: „Das markanteste Ergebnis der Studie ist, dass die befragten Experten durchgängig denjenigen Technologien die höchste Priorität einräumten, die den Energieverbrauch bei gleich bleibendem Nutzen reduzieren – im Fachjargon Steigerung der Energieeffizienz“. Thematisiert wurden unter anderem auch Erneuerbare Energien, Fusionsenergie, Kernspaltung und alternative Treibstoffe.

Bei der hohen Bewertung der Energieeffizienz sei besonders interessant, dass nicht nur ökologische Gesichtspunkte, wie beispielsweise die Klimaveränderungen, die Experten zu dieser eindeutigen Aussage bewegten. Auch wirtschaftliche und soziale Aspekte wie Kosteneinsparungen und langfristige Versorgungssicherheit spielten eine bedeutende Rolle.

Drei Szenarien bewertet


Das Besondere am Ansatz der vorliegenden Delphi-Studie ist, dass sie unterschiedliche gesellschaftliche Bedürfnisse mit einbezogen hat. Den Befragten wurden drei Visionen skizziert. Die erste Vision fragte nach der optimalen Energieversorgung einer überwiegend nach wirtschaftlichen Kriterien ausgerichteten Gesellschaft, die zweite Vision war mit dem Energiepfad einer Gesellschaft verknüpft, die der Ökologie höchste Priorität einräumt und die dritte Vision war mit der Frage verbunden, welche Energieversorgung einer am sozialen Ausgleich ausgerichteten Gesellschaft am besten entspricht. Bei allen drei Visionen erhielt die Verbesserung der verbrauchsorientierten Strategien, mit dem Ziel den Energiebedarf zu senken, immer die höchste Priorität. Gleichzeitig zeigten die Analysen, dass gerade in diesem Bereich das Risiko einer Unterfinanzierung am höchsten ist.

Ein Viertel Erneuerbare


Auch zeigt die Studie, dass sich die Ziele der EU und Deutschlands in Hinblick auf Reduzierung der CO2-Emissionen nur erreichen lassen, wenn der Energieverbrauch reduziert wird. Eine verstärkte Nutzung erneuerbarer Energieträger wurde von den Experten als sehr positiv und dringend notwendig bewertet. Dies allein wird jedoch als nicht ausreichend eingestuft. Denn wie hoch der Beitrag aus erneuerbaren Quellen am Gesamtverbrauch sein kann, hängt stark davon ab, ob der Verbrauch durch effiziente Anlagen und Systeme eingeschränkt werden kann. Einen Anteil von 25 Prozent Erneuerbaren an Europas Energieverbrauch hält die Mehrheit der befragten Experten noch vor 2030 für möglich, wenn die Rahmenbedingungen in Richtung Energieeffizienz und Förderung der regenerativen Energien entsprechend gesetzt werden.

Ein großes, kurzfristig erschließbares, regeneratives Energiepotenzial zur CO2-Reduzierung stellt die Biomasse dar. Jedoch konkurrieren hier wegen der begrenzten Kapazitäten langfristig unterschiedliche Anwendungsoptionen: Biomasse zur Strom- und Wärmegewinnung einerseits und Biotreibstoffe sowie Nutzung der Bio-masse als nachwachsende Rohstoffe andererseits.

Zwar prognostizieren die Delphi-Experten für 2020 eine Abtrennung von CO2, das bei der Verbrennung fossiler Energieträger besonders in Kohlekraftwerken entsteht und in größerem Stile etwa in leergeförderten Erdgasfeldern eingelagert werden könnte („Sequestrierung“). Allerdings wird diese Option wegen der zu erwartenden hohen Kosten und ungeklärter Langzeitfolgen eher kritisch bewertet.

Kaum nationale Unterschiede


Generell zeigte sich bei der Befragung eine große Kohärenz der Antworten von Ex-pertinnen und Experten aus unterschiedlichen Ländern. In der Bewertung der technischen Machbarkeit der verschiedenen Technologien gab es kaum nennenswerte nationale Unterschiede. Eine wichtige Ausnahme stellt die Nuklearenergie dar. Sowohl bei Fragen um die Zukunft der Kernfusion als auch zum Thema neuer Reaktortypen zur Kernspaltung waren die Experten aus unterschiedlichen Ländern geteilter Meinung. Während 40 Prozent der befragten deutschen Energieexperten nicht an die Verwirklichung eines Fusionsreaktors glauben, haben ihre spanischen Kollegen kaum Zweifel, dass diese Technologie irgendwann innerhalb der nächsten 30 bis 50 Jahre zur Verfügung stehen wird.

Sichere Vorhersagen wie Europas Energiesystem der Zukunft aussehen wird, lassen sich aufgrund der Delphi-Befragung nicht machen. Als zu groß wird der derzeitige Wandlungsprozess eingeschätzt. Zu groß sind auch die Unsicherheiten, die diesen Prozess auf globaler Ebene beeinflussen. Große Einigkeit unter den Experten herrschte jedoch bei der Aussage, dass Europas Energiesystem in Zukunft wesent-lich dezentraler organisiert sein wird. Zur Stromerzeugung wird ein Anteil kleiner An-lagen (< 10 MW) von 30 Prozent bis zum Jahre 2020 erwartet.

Wasserstoff erst in fernerer Zukunft


Timon Wehnert, Projektleiter am IZT, prognostiziert: „Die Bedeutung erneuerbarer Energiequellen wird deutlich zunehmen. Und zur Integration von Erneuerbaren wird wiederum der Bedarf für Energiespeichertechnologien steigen.“ Der großflächige Einsatz von Wasserstoff sei jedoch aus zahlreichen Gründen noch keine Option der näheren Zukunft. Hier erwartet die Mehrzahl der Delphi-Experten einen breiten Einsatz erst nach 2030. Für die Bewertung der Wasserstofftechnologie ist es entscheidend, wie der Wasserstoff hergestellt wird. Eine Produktion, die ausschließlich erneuerbare Energiequellen nutzt, wird von den befragten Experten nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten deutlich positiver bewertet, als etwa eine Produktion, die auch auf nukleare oder fossile Quellen zurückgreift.

Die Brennstoffzelle für das Auto wird nach Meinung der Umfrage-TeilnehmerInnen kommen. Bis sie jedoch einen Marktanteil von 20 Prozent erreicht, werden wahrscheinlich noch gut 20 Jahre vergehen. Da eine große Anzahl der Experten mit Brennstoffzellenfahrzeugen rechnet, bevor eine Wasserstoffwirtschaft etabliert ist, stellen auch Brennstoffzellen auf Erdgasbasis eine realistische Option dar, die weiter entwickelt und gefördert werden sollte.
(Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT), 24.11.2004 - NPO)
 
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