• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Mittwoch, 28.09.2016
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Drei Millionen Tote pro Jahr durch Feinstaub

Herdfeuer und Landwirtschaft sind Hauptquellen der Belastung

Tödliche Schwebstoffe: Jedes Jahr sterben weltweit 3,3 Millionen Menschen vorzeitig durch Feinstaub, wie eine globale Bilanz ergeben hat. Gehen die Emissionen so weiter, könnten bis 2050 sogar sechs Millionen Todesfälle aufs Konto der Luftverschmutzung gehen, warnen die Forscher im Fachmagazin "Nature". Das Überraschende: Die Hauptquellen für den tödlichen Feinstaub sind nicht Industrie und Verkehr, sondern häusliche Kleinfeuer und die Landwirtschaft.
Dichter Smog, wie hier in Philadelphia, ist bei uns selten geworden. Aber Feinstaub gibt es reichlich.

Dichter Smog, wie hier in Philadelphia, ist bei uns selten geworden. Aber Feinstaub gibt es reichlich.

Feinstaub ist gesundheitsschädlich – und das sogar unterhalb der offiziellen Grenzwerte, wie 2013 eine europäische Studie belegte. Die nur wenige Mikrometer kleinen Schwebstoffe können tief in die Lunge eingeatmet werden und verursachen dort Lungenkrebs und die Lungenkrankheit COPD. Aber auch das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte steigt bei erhöhter Feinstaubbelastung. Erst kürzlich fanden Forscher zudem heraus, dass langjähriges Einatmen von Feinstaub sogar das Gehirn schrumpfen lässt.

Unklar war jedoch bisher, wie viele Menschen tatsächlich weltweit wegen der Feinstaub-Belastung an diesen Leiden erkranken und vorzeitig sterben – und wie viele Todesfälle durch sauberere Luft vermeidbar wären. Genau dies haben nun Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und seine Kollegen nun ermittelt. Sie nutzten dafür ein hochaufgelöstes Modell der Atmosphärenchemie und -zirkulation und kombinierten dies mit epidemiologischen Daten.

Mehr Tote als durch Verkehrsunfälle


Das Ergebnis: Die Belastung der Außenluft mit Feinstaub ist weltweit für 3,15 Millionen Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Das bedeutet, dass fünf Menschen pro 100.000 jedes Jahr vorzeitig sterben, weil die Luft in ihrer Umgebung mit Feinstaub belastet war. Und das betrifft allein die Außenluft: Rechnet man die von den Forschern nicht berücksichtigte Feinstaubbelastung in Wohnungen oder an Arbeitsplätzen mit ein, dann kommen noch einmal 3,54 Millionen Todesfälle jährlich hinzu, wie Lelieveld und seine Kollegen betonen.


Wie ihre Berechnungen ergaben, fordert der Feinstaub in Asien die meisten Opfer: 1,4 Millionen Menschen pro Jahr sterben in China vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung, 650.000 in Indien. Auch in der EU führt die Belastung mit Feinstaub und Ozon jährlich zu 180.000 Todesfällen, davon 35.000 in Deutschland. Damit sterben in vielen Ländern etwa zehnmal so viele Menschen aufgrund der Schadstoffbelastung wie im Straßenverkehr.

Herdfeuer im ländlichen Indien: Die große Zahl dieser Feinstaub-Quellen macht sie weltweit zur Nummer 1

Herdfeuer im ländlichen Indien: Die große Zahl dieser Feinstaub-Quellen macht sie weltweit zur Nummer 1

Asien: Tödliche Herdfeuer


Woher aber kommt der Feinstaub, dem so viele Menschen zum Opfer fallen? Als Lelieveld und seine Kollegen die einzelnen Quellen der Luftverschmutzung untersuchten, erlebten sie eine Überraschung. "Meist wird ja angenommen, dass Industrie und Verkehr die schlimmsten Luftverschmutzer sind, aber weltweit ist das offenbar nicht der Fall", berichtet der Atmosphärenchemiker.

Stattdesssen sind Holz- und Kohlefeuer für das Heizen und Kochen, aber auch Dieselgeneratoren die Hauptquelle von Feinstaub. In China verursachen diese Emissionen gut ein Drittel der Feinstaubbelastung, in Indonesien und Indien sind es sogar 50 bis 60 Prozent. Und auch weltweit betrachtet stammt rund ein Drittel der Luftverschmutzung durch Feinstaub aus solchen Quellen. Eine Million Todesfälle könnten allein aufs Konto dieser Feinstaubquellen gehen, so die Forscher.

Europa: Vor allem Landwirtschaft und Verkehr


Überraschenderweise sind in Europa und anderen Industrieländern nicht Verkehr oder Industrie die Hauptquelle für Feinstaub, sondern die Landwirtschaft. Aus Dünger und Gülle werden stickstoffhaltige Gase freigesetzt, die in der Luft die Bildung von Schwebstoffen fördern. Immerhin ein Fünftel aller Feinstaub-Todesfälle weltweit gehen auf diese Quellen zurück, wie die Forscher berichten. In manchen Ländern, zum Beispiel in der Ukraine, Russland und Deutschland, liegt der Anteil sogar bei über 40 Prozent.

Zunahme an Todesfällen durch Feinstaub bis 2050, wenn die Emssionen nicht stärker kontrolliert werden.

Zunahme an Todesfällen durch Feinstaub bis 2050, wenn die Emssionen nicht stärker kontrolliert werden.

Als weitere wichtige Ursachen folgen fossile Kraftwerke, Industrie, die Verbrennung von Biomasse und der Straßenverkehr. Letzterer ist weltweit zwar nur für fünf Prozent der Todesfälle verantwortlich, in Deutschland jedoch schlägt er mit 20 Prozent zu Buche, das sind knapp 7.000 Menschen pro Jahr. Demnach sterben hierzulande doppelt so viele Personen an den Folgen der Verkehrs-Emissionen wie an Verkehrsunfällen.

2015 schon sechs Millionen Feinstaub-Tote?


Und es könnte noch schlimmer kommen: Wird nichts gegen die Luftverschmutzung getan, dann wird sich die weltweite Situation deutlich verschärfen, warnen die Forscher. Ihre Modellrechnung zeigt: Bis 2050 würde die globale Mortalität durch Feinstaub dann auf 6,6 Millionen Menschen pro Jahr ansteigen – am meisten in Asien, etwas weniger in den Ballungsräumen Europas und Amerikas.

Besonders gefährdet ist dabei die Bevölkerung der asiatischen Megacities: 17 dieser Ballungsräume, darunter Tianjin und Peking, gehören schon heute zu den Top 30 der Orte mit den meisten vorzeitigen Todesfällen durch Feinstaub, wie die Forscher berichten. "Wenn ein weiterer Anstieg der Mortalität verhindert werden soll, sind intensive Maßnahmen zur Kontrolle der Luftqualität nötig, vor allem in Süd- und Ostasien", konstatieren Lelieveld und seine Kollegen. (Nature, 2015; doi: 10.1038/nature15371)
(Nature/ Max-Planck-Gesellschaft, 17.09.2015 - NPO)
 
Printer IconShare Icon