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Samstag, 03.12.2016
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Paviane folgen der Mehrheit

Rangordnung spielt bei der Vorgabe der Marschrichtung kaum eine Rolle

Basisdemokratie unter Affen: In einer Pavian-Gruppe kann jeder die Richtung vorgeben, nicht nur das ranghöchste Tier. Dieses überraschende Verhalten der ansonsten in hierarchischen Gruppen lebenden Tiere haben Wissenschaftler mit Hilfe von GPS-Sendern aufgeklärt. Dabei zeigte sich: Die Paviane folgen nicht zwangsläufig dem Alpha-Tier. Bei geteilten Meinungen schließen sich die unentschlossenen Affen ganz demokratisch der Mehrheit an, berichten die Forscher im Magazin "Science".
Anubispaviane treffen demokratische Entscheidungen über ihre Reiserouten.

Anubispaviane treffen demokratische Entscheidungen über ihre Reiserouten.

Paviane leben in Gruppen mit ausgeprägten Sozialstrukturen zusammen: Ein dominantes Alpha-Männchen ist normalerweise der Anführer der Gruppe. Dahinter folgt eine hierarchische Struktur: Dominantere Tiere mit unterschiedlichem Rang geben gegenüber weniger dominanten Tieren den Ton an. Allerdings war bislang unbekannt, wie die Tiere mit Interessenkonflikten umgehen – wem folgt die Gruppe, wenn zwei Paviane mit vergleichbarem Rang unterschiedliche Ideen haben?

Paviane: Zu schnell für Beobachtungen


Der Grund für diese Wissenslücke klingt trivial: Die in Zentralafrika heimischen Anubis-Paviane sind unglaublich flink. Es ist nahezu unmöglich, ihnen über längere Zeit zu folgen und sie bei Entscheidungen zu beobachten. "Das Faszinierende an Pavianen ist, dass sie sich zusammen fortbewegen und deshalb auf eine gemeinsame Richtung einigen müssen", erklärt Iain Couzin vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell.

Um die flinken Affen dennoch verfolgen zu können, statteten die Forscher sie mit GPS-Sendern aus und verfolgten so die Bewegungen von jedem einzelnen Tier. Mit Hilfe einer selbstentwickelten Software berechnete sie dann aus diesen Daten, wie sich die Affen bei ihren Streifzügen durch die kenianische Savanne für eine Laufrichtung entscheiden.


Alpha-Tier bestimmt nicht diktatorisch


Dabei spielen die dominanten Tiere und sogar die Alpha-Männchen eine überraschend geringe Rolle – die Gruppenentscheidung erfolgt gewissermaßen demokratisch: Einige Individuen schlugen einen Weg vor, indem sie sich von der Gruppe entfernten. Je mehr dieser Initiatoren zielstrebig die gleiche Richtung wählten, umso wahrscheinlicher war es, dass die restliche Gruppe ihnen folgte. Den Pavianen war dabei egal, was das ranghöchste Tier präferierte. "Das Alpha-Tier bestimmt also nicht diktatorisch, sondern die Gruppe trifft demokratische Entscheidungen", erklärt Couzin.

Spannend wurde es, wenn etwa gleich viele Tiere unterschiedliche Richtungen einschlugen. Dieser Fall trat sogar recht häufig ein. Dann kam es auf den Winkel zwischen den einzelnen Untergruppen an: War der kleiner als 90 Grad, dann wählten die restlichen Affen den Mittelweg, also die grobe Richtung, die beide vorherigen Gruppen zogen. Bei einem größeren Winkel und damit deutlich unterschiedlichen Richtungen folgten sie hingegen der größeren Gruppe.

Dieses Verhalten hatte Couzin schon vor zehn Jahren theoretisch vorhergesagt. Es so präzise eintreffen zu sehen erstaunt ihn dennoch selbst ein wenig: "Ich bin überrascht, dass die Vorhersagen über eine extrem komplexe Gemeinschaft so akkurat sind. Aber es ist wunderbar, wie alles zusammenpasst und dass die Beobachtungen unsere theoretischen Vorhersagen bestätigt hat.“

Fehlendes Puzzleteil: Gelände


Die Auswertung der GPS-Daten war extrem kompliziert und hat mehrere Jahre gedauert. "Es war schwierig für uns zu verstehen, wann die Paviane versuchen, sich gegenseitig zu beeinflussen und wann nicht", sagt Couzin. Deswegen flogen Couzin und seine Kooperationspartner gemeinsam nach Kenia, um die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. "Ohne diese Feldstudien hätten wir niemals unseren Algorithmus entwickeln können, und ohne den Algorithmus hätten wir nie verstanden, wie Entscheidungsfindung abläuft", fasst Couzin zusammen.

Ein wichtiges Puzzleteil fehlt jedoch noch in den Beobachtungen: der Einfluss des Geländes. Deswegen lassen die Wissenschaftler jetzt eine Drohne fliegen, die aus der Luft eine detaillierte dreidimensionale Karte erstellt. Couzin erklärt: "Wir glauben, dass die Informationen über die Umwelt uns noch ganz andere Einblicke in das Sozialverhalten der Tiere geben können." (Science, 2015; doi: 10.1126/science.aaa5099)
(Max-Planck-Gesellschaft, 21.07.2015 - AKR)
 
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