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Montag, 26.09.2016
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Vulkanausbrüche schuld an antiker Pest?

Vulkanischer Winter brachte Hunger und Seuche über Europa

Vulkanausbrüche könnten an der verheerendsten Seuche der Spätantike schuld sein. Denn damals verursachten zwei aufeinanderfolgende Eruptionen eine außergewöhnliche Kälteperiode auf der gesamten Nordhalbkugel, wie Forscher anhand von Eisbohrkernen nachweisen. Hunger und Kälte in der Zeit ab 541 machten die Menschen Europas und des Mittleren Ostens zu leichten Opfern für den Pesterreger, so die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature".
Nahansicht eines Eisbohrkerns. Ablagerungen in seinen Schichten geben Aufschluss über vergangene Eruptionen

Nahansicht eines Eisbohrkerns. Ablagerungen in seinen Schichten geben Aufschluss über vergangene Eruptionen

Die Justinianische Pest gilt als die größte antike Epidemie Europas: Ab 541 nach Christus starben in den wiederholten Seuchenwellen bis zur Hälfte der Menschen im Oströmischen Reich. Auch das rheinische Germanien, zwei Drittel Galliens und weite Teile des Mittleren Ostens waren von der Pest-Epidemie betroffen. Erreger der spätantiken Seuche war ein direkter Vorfahre jener Pestbakterien, die gut 500 Jahre später erneut den Schwarzen Tod nach Europa brachten.

Mysteriöse Dunstwolke


Warum sich die Pest im spätantiken Europa und Asien so stark ausbreiten konnte, war bislang unklar. Es gab aber bereits Hypothesen, dass das ungewöhnlich feuchte und kühle Klima in den Jahren ab 536 eine Rolle spielen könnte. Geschichtsschreiber jener Zeit berichten von einer mysteriösen Dunstwolke, die selbst die Mittagssonne matt erscheinen ließ und schildern schwere Missernten. Was aber diese Kälteperiode auslöste, blieb umstritten.

Die Pest grassierte nicht nur im Mittelalter, sondern auch schon in der Spätantike

Die Pest grassierte nicht nur im Mittelalter, sondern auch schon in der Spätantike

Michael Sigl vom Desert Research Institute (DRI) in Reno und seine Kollegen haben nun eine Antwort gefunden. Für ihre Studie analysierten sie Ablagerungen von vulkanischem Schwefel in mehr als 20 Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis. Sie spiegeln wieder, wie sich die Schwefelgehalte der Atmosphäre in den letzten 2.500 Jahren verändert haben. Das wiederum verrät, wann sich Vulkanausbrüche ereigneten, die genügend Schwefel freisetzen um das Klima weltweit zu beeinflussen.


Vulkanausbruch erklärt Dunst und Kälte


Und tatsächlich: In der Zeit direkt vor der Justinianischen Pest stießen die Forscher auf Indizien für gleich zwei größere Vulkan-Eruptionen mit erheblichen Klimafolgen. Der erste ereignete sich 535 oder Anfang 536 auf der Nordhalbkugel, wahrscheinlich brachen dabei sogar mehrere Vulkane in Nordamerika gleichzeitig oder dicht hintereinander aus. "Diese Eruptionsepisode schleuderte große Mengen Sulfat und Asche in die Atmosphäre", berichten Sigl und seine Kollegen.

Die Schwefelaerosole reflektierten einen Teil der Sonneinstrahlung und erzeugten so einen Kühleffekt. Als Folge sanken die europäischen Sommertemperaturen um 1,6 bis 2,5 Grad unter den langjährigen Durchschnittswert. Missernten und ungewöhnlich starke Regenfälle waren die Folge. Dunst und Asche könnte zudem die historischen Beobachtungen von der mysteriösen Wolke erklären, die 536 über dem Mittelmeer zu sehen war.

Schwefelablagerungen in den Eisbohrkernen und Klimaentwicklung in der Spätantike

Schwefelablagerungen in den Eisbohrkernen und Klimaentwicklung in der Spätantike

Fataler Doppelschlag


540 folgte dann der zweite Ausbruch – diesmal von einem Vulkan in den Tropen. Spuren seiner Schwefelemissionen lassen sich sowohl in den Eisbohrkernen Grönlands als auch der Antarktis nachweisen. "Diese Eruptionsepisode führte zu einer globalen Aerosolfracht in der Atmosphäre, die sogar um zehn Prozent größer war als beim Ausbruch des Tambora in Indonesien im Jahr 1815", berichten die Forscher.

Als Folge brachen die Sommertemperaturen erneut ein. In Europa könnte es dadurch ab 541 um 1,4 bis 2,7 Grad kälter geworden sein. "Diese niedrigen Temperaturen hielten auf der Nordhalbkugel wahrscheinlich bis fast in das Jahr 550 an", so Sigl und seine Kollegen. Aus Baumringdaten geht hervor, dass das Jahrzehnt von 536 bis 545 sogar das kälteste der gesamten Zeit zwischen 500 und 1000 nach Christus war.

Auslöser der Pestepidemie


Diese verheerende Kälte könnte nicht nur Hunger und Elend über weite Teile Europas gebracht haben – sie war vermutlich auch der entscheidende Auslöser für die Justinianische Pest. Denn nach Ansicht der Forscher ist es kein Zufall, dass diese Seuche direkt nach dem zweiten Vulkanausbruch über Europa hinweg zog. Einmal eingeschleppt, hatte der Erreger unter der ohnehin durch Hunger und Kälte geschwächten Bevölkerung leichtes Spiel.

"Unsere Daten liefern einen auffallenden Zusammenhang zur Pestepidemie von 541 bis 543, die die Populationen am Mittelmeer und sogar bis nach China hinein dezimierte", so Sigl und seine Kollegen. Zwar sei ein kausaler Zusammenhang von vulkanbedingten Klimafolgen und Epidemien schwer zu beweisen. Aber die exakte Übereinstimmung der beiden folgenschwersten Vulkanausbrüche mit einer außergewöhnlich starken Abkühlung und den historischen Berichten spricht ihrer Meinung nach stark dafür, dass diese Ausbrüche letztlich zumindest mitschuld an der Justinianischen Pest waren. (Nature, 2015; doi: 10.1038/nature14565)
(Nature/ Desert Research Institute, 09.07.2015 - NPO)
 
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