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Montag, 05.12.2016
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Ärzte: Krank zur Arbeit ist der Normalfall

Viele Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger riskieren eher die Ansteckung der Patienten als zu fehlen

Fatales Pflichtbewusstsein: Viele Ärzte und Krankenschwestern gehen krank zu Arbeit – obwohl sie wissen, dass sie ihre Patienten damit gefährden. Das zeigte eine US-Studie, nach der mehr als 80 Prozent der befragten Krankenhausmitarbeiter mindestens einmal im vergangenen Jahr mit Durchfall, Fieber oder Erkältung arbeiten waren. Der häufigste Grund für das unvernüftige Verhalten: Schlechtes Gewissen den Kollegen gegenüber.
Zur Arbeit trotz potenziell ansteckender Krankheit - für viele Mediziner und Krankenhausmitarbeiter Alltag.

Zur Arbeit trotz potenziell ansteckender Krankheit - für viele Mediziner und Krankenhausmitarbeiter Alltag.

Eigentlich sind die Fakten klar: Die meisten Allerwelts-Erkrankungen wie Durchfall, Erkältungen und Co werden von bakteriellen oder viralen Erregern verursacht – und sind daher ansteckend. Der Kontakt mit der Ausatemluft oder den Händen des Erkrankten kann schon ausreichen, um die Erreger zu übertragen. Das Immunsystem gesunder Menschen kann diesen Angriff oft folgenlos abwehren, doch bei ohnehin schon kranken Patienten in der Arztpraxis oder im Krankenhaus ist das oft nicht der Fall.

Paradoxes Verhalten


Es wäre daher naheliegend, dass Krankenhaus-Ärzte und Pfleger besonders darauf achten, ihre Patienten nicht noch zusätzlich zu gefährden. Aber ist das auch so? Das haben Julia Szymczak und ihre Kollegen nun für 280 Mediziner und 256 medizinische Assistenten und Krankenpfleger des Children's Hospital in Philadelphia überprüft.

Das paradoxe Ergebnis: 95 Prozent der Befragten war der Überzeugung, dass es ein Risiko für Patienten ist, wenn ein Arzt oder Pfleger trotz ansteckender Krankheit arbeitet. Dennoch gaben 83 Prozent von ihnen zu, mindestens einmal im vergangenen Jahr krank zur Arbeit erschienen zu sein. Die Symptome ihrer Infektionen reichten dabei von Durchfällen über Fieber bis hin zu Husten und anderen Erkältungssymptomen.


Rücksicht auf die Kollegen


Aber warum dieser Widerspruch zwischen Wissen und Handeln? Auch dazu haben die Forscher ihre Kollegen befragt. Das Ergebnis: Mehr als 98 Prozent gaben als Hauptgrund an, dass sie ihre Kollegen nicht im Stich lassen wollten. Das Wissen um die ohnehin herrschende Überlastung und die Probleme, die ein Fehlen bei der Versorgung der Patienten verursachen würde, bewegen sie dazu, wider besseres Wissen zur Arbeit zu kommen.

Hinzu kommt, dass gerade im Krankenhaus oft die Devise gilt: Wer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, der kann auch arbeiten. Viele Ärzte und Mitarbeiter waren sich zudem unsicher, wie schwerwiegend die Symptome sein müssen, damit sie "guten Gewissens" zum Wohle der Patienten fehlen können, wie die Forscher berichten.

Krankmelden als Stigma


"Das zeigt, welche komplexen sozialen und logistische Faktoren dieses ungesunde Verhalten verursachen", erklären Szymczak und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach ist es dringend nötig, hier mehr Klarheit zu schaffen und vor allem die Vertretung im Krankheitsfall besser zu regeln. Das Problem erkannt zu haben, ist ihrer Ansicht nach ein wichtiger Schritt dazu, diesen Missstand zu ändern.

"Um hier ein besseres System zu schaffen, braucht es einen kulturellen Wandel", meint dagegen Jeffrey Starke vom Baylor College of Medicine in Houston in einem begleitenden Kommentar. Denn gerade im medizinischen Bereich sei das Krankmelden noch immer mit einem Stigma belegt. Wer zu oft fehlt, bekommt schnell das Image des "Drückebergers", der schon beim kleinsten Wehwehchen zuhause bleibt.

Zwar haben die Forscher ihre Ergebnisse in einem US-Krankenhaus erhoben. Dennoch liegt nahe, dass es auch hierzulande kaum anders sein dürfte. Denn auch in Deutschlands Krankenhäusern herrscht chronischer Personalmangel und schon im Normalfall sind viele Ärzte und das Stationspersonal überlastet. Dass dem Sparzwang dabei die Gesundheit von Personal und Patienten zum Opfer fällt, scheint man dabei in Kauf zu nehmen. (JAMA Pediatrics, 2015; doi: 10.1001/jamapediatrics.2015.0684)
(The JAMA Network Journals, 07.07.2015 - NPO)
 
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