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Samstag, 10.12.2016
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"Kennewick Man" war doch kein Europäer

DNA enthüllt Herkunft des umstrittenen präkolumbianischen Skeletts

Herkunft geklärt: Forschern ist es erstmals gelungen, die DNA des rätselhaften "Kennewick Man" zu entschlüsseln. Das 8.500 Jahre alte Skelett stammt demnach trotz seiner verblüffend europäischen Gesichtszüge eindeutig von einem amerikanischen Ureinwohner. Genau um diese Frage tobt seit Jahren ein erbitterter Rechtsstreit zwischen Forschern und Indianern – die im Fachmagazin "Nature" veröffentliche DNA-Analyse gibt nun den Vertretern der Ureinwohner recht.

Der Kennewick Man gibt seit Jahren Rätsel auf. Dieses Video fasst den bisherigen Stand der Dinge zusammen.

Schon als man 1996 die Relikte des Kennewick Man am Ufer des Columbia River im US-Bundesstaat Washington entdeckte, sorgte der Fund für Rätselraten. Denn auf den ersten Blick schien dieses Skelett einem US-Amerikaner europäischer Herkunft zu gehören, weil das Gesicht klar kaukasische Züge trug. Doch eine Radiokarbon-Datierung ergab, dass die Knochen bereits 8.500 Jahre alt waren - sie stammten damit aus einer Zeit lange vor Ankunft der ersten Europäer in Nordamerika.

Ein rätselhafter Toter


Wer aber war dann dieser Tote? Denn rein äußerlich schien der Kennewick Man wenig mit den amerikanischen Ureinwohnern gemeinsam zu haben. "Anatomische und morphometrische Analysen ergaben, dass er eher den japanischen Ainu und Polynesiern glich und auch einige europäische Merkmale besaß", erklären Morten Rasmussen von der Universität von Kopenhagen und seine Kollegen. Dies wurde sogar 2014 erneut bestätigt.

Auf Basis dieser Befunde vermuteten einige Forscher, dass nicht alle Vorfahren der heutigen Indianer einst über die Beringstraße aus Sibirien einwanderten. Sie postulierten stattdessen eine zweite Besiedelung, bei der Angehörige früher Pazifikvölker – oder vielleicht sogar Europäer - per Schiff an der Küste des Kontinents landeten. DNA-Vergleiche sprachen allerdings eher gegen diese Hypothese und auch der Fund einer 12.000 Jahre alten Ur-Indianerin stützt einen gemeinsamen Ursprung aller amerikanischen Ureinwohner.


Solange die Rechtslage unklar ist, wird das Skelett des Kennewick Man im Burke Museum in Seattle aufbewahrt - aber nicht öffentlich ausgestellt.

Solange die Rechtslage unklar ist, wird das Skelett des Kennewick Man im Burke Museum in Seattle aufbewahrt - aber nicht öffentlich ausgestellt.

Ein Skelett vor Gericht


Ungeachtet dieser Debatten war für Vertreter von fünf Indianerstämmen des pazifischen Nordwestens der Fall klar: Schon wegen seines Alters und Fundorts musste der Kennewick Man einer ihrer Vorfahren sein. Sie forderten offiziell die Herausgabe des Skeletts, damit sie dieses entsprechend ihren Riten bestatten konnten.

Für einige Wissenschaftler lag der Fall aber weit weniger klar, denn ihrer Ansicht nach sprach das Aussehen des Kennewick Man eher gegen seine Zugehörigkeit zu den Ureinwohnern. Sie klagten daher 2004 gegen den Anspruch der Indianerstämme. Doch für eine eindeutige Entscheidung reichten die wissenschaftlichen Belege nicht aus. Seither tobt zwischen Anthropologen und Indianern ein erbitterter Streit um die Knochen.

Jetzt jedoch gibt es neue Fakten: Rasmussen und seinem Team ist es erstmals gelungen, DNA aus einem Fingerknochen des Kennewick Man zu isolieren. "Die DNA war schon stark degradiert, aber wir haben die neuesten Methoden der Genanalyse eingesetzt, um jedes Bisschen an Information aus dem Knochen herauszupressen", sagt der Forscher. Sie sequenzierten die Erbgut-Fragmente in einem speziellen Reinlabor und verglichen die Sequenzen mit denen heutiger Populationen sowohl der Indianer als auch anderer Völker weltweit.

Analyse der DNA des Kennewick Man im Reinlabor

Analyse der DNA des Kennewick Man im Reinlabor

Das Ergebnis: "Wir stellen fest, dass der Kennewick Man den heutigen Ureinwohnern Amerikas näher steht als jeder anderen Population weltweit", berichten die Forscher. Alle genetischen Daten sprechen ihrer Ansicht nach dafür, dass der Tote direkt mit den heutigen Indianern verwandt ist. Die Hypothese, dass der Tote einst über den Pazifik kam oder gar aus Europa, ist damit vom Tisch.

"In der Archäologie ist es oft schwer, der Geschichte eines Volkes nur anhand ihrer Artefakte oder spärlichen Skelett-Fragmente zu folgen", erklärt Koautor David Meltzer von der Southern Methodist University in Dallas. "Aber mit Hilfe fossiler DNA können wir diesen Spuren besser folgen – und im Fall des Kennewick Man führen sie uns geradewegs zu den amerikanischen Ureinwohnern."

Später Triumph


Für die im Rechtstreit liegenden Indianerstämme ist das ein wichtiger Durchbruch. Und nicht nur das: Es gibt sogar erste Hinweise darauf, mit welchen Indianerstämmen der Kennewick Man besonders eng verwandt sein könnte. "Unter den Gruppen, für die wir ausreichend genetische Vergleichsdaten besitzen, sind die Vereinten Stämme des Colville Reservats dem Kennewick Man am ähnlichsten", sagt Studienleiter Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen. Sie könnten daher direkte Nachfahren der Population des Kennewick Man sein oder aber von einem eng verwandten Volk abstammen.

Späte Genugtuung: Genau dieser Stamm ist einer von denen, die das Skelett schon seit Jahren für sich beanspruchen. Zumindest aus wissenschaftlicher Sicht bekommen sie damit bescheinigt, dass "The Ancient One" wie sie den Kennewick Man nennen, tatsächlich einer ihrer Vorfahren war. Ob damit der Rechtsstreit endlich beigelegt werden kann, muss sich nun zeigen, es spricht aber einiges dafür. (Nature, 2015; doi: 10.1038/nature14625)
(Nature/ Universität Kopenhagen, 19.06.2015 - NPO)
 
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