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Sonntag, 11.12.2016
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Demenz: Schützt Bildung das Gehirn?

Menschen in qualifizierten Berufen überleben länger mit frontotemporaler Demenz

Schon länger ist bekannt, dass ein trainiertes Gehirn besser vor den Folgen einer Demenz geschützt ist. Jetzt bestätigt dies auch eine Studie für die frontotemporale Demenz, die vor allem 50- bis 60-Jährige trifft: Patienten mit hoch qualifizierten Berufen überlebten nach der Diagnose um bis zu drei Jahre länger als Menschen mit weniger qualifizierter Tätigkeit. Dies bestätige, dass Bildung und mentale Stimulation eine Art "geistige Reserve" des Gehirns fördern, so die Forscher im Fachmagazin "Neurology".
Training schafft geistige Reserven im Gehirn

Training schafft geistige Reserven im Gehirn

An der frontotemporalen Demenz (FTD leiden in Deutschland etwa drei bis neun Prozent der rund 1,4 Millionen Demenzkranken – das entspricht etwa 42.000 Menschen. Im Unterschied zu Alzheimer beginnt diese Krankheit bereits im Alter von 50 bis 60 Jahren, sie kann aber sogar schon bei 20-Jährigen auftreten. Das Tückische an ihr: Weil vor allem Nervenzellen im Stirnhirn und in den Schläfenlappen zerstört werden, beginnt die Krankheit mit Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens. Oft wird sie daher zunächst mit einer psychischen Krankheit verwechselt.

Eine Therapie gibt es gegen die frontotemporale Demenz bisher nicht, die bei Alzheimer eingesetzten Medikamente wirken gegen diese Demenzform nicht. In der Regel schreitet die Krankheit relativ schnell fort, so dass die Betroffenen schon nach wenigen Jahren zum Pflegefall werden und dann sterben.

Welche Rolle spielt der Beruf?


Für ihre Studie untersuchten Lauren Massimo von der Universität Pennsylvania in Philadelphia und ihre Kollegen, ob geistig anspruchsvolle Berufe die Überlebensdauer nach der Diagnose der Krankheit verlängern können. Sie verglich dazu die Krankenakten und die Biografien von 83 Personen, die entweder an der Alzheimer-Krankheit verstorben waren oder an einer FTD. Beruflicher Erfolg wurde klassifiziert anhand des erreichten Beschäftigungsstatus, also ob jemand als Arbeiter, Handwerker oder Verkäufer oder aber als Anwalt, Arzt oder Ingenieur arbeitet.


Das Ergebnis: Im Mittel überlebten die Patienten mit FTD etwa sieben Jahre, nachdem Angehörige bei ihnen erstmals ein dauerhaft ungewöhnliches Verhalten beobachtet hatten. Dabei gab es jedoch deutliche bildungsbedingte Unterschiede: In der Gruppe mit dem niedrigsten Beschäftigungsstatus waren es jedoch durchschnittlich nur 72 Monate und in der am höchsten qualifizierten Gruppe waren es 116 Monate. FTD-Patienten mit hoch qualifizierter Tätigkeit überlebten damit bis zu drei Jahre länger als Patienten mit weniger anspruchsvollen Berufen.

Kognitive Reserve im Gehirn


„Möglicherweise führt eine berufslebenslange geistig stimulierende und fordernde Betätigung zur Ausbildung einer echten kognitiven Reserve des Gehirns“, kommentiert Gereon Fink von der Uniklinik Köln. Als kognitive Reserve bezeichnen Wissenschaftler die Fähigkeit des Gehirns, den durch eine neurodegenerative Erkrankung verursachten Zellenabbau auszugleichen und damit die geistige Leistungsfähigkeit trotz Fortschreiten der Erkrankung lange Zeit aufrechtzuerhalten.

Vereinfacht gesagt: Wer ein gut trainiertes Gehirn hat, dem schadet es weniger, wenn kleine Teile des Gehirns nicht mehr so funktionstüchtig sind. Die Ergebnisse bestätigen frühere Studien, nach denen Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau auch ein höheres Risiko haben, an der Alzheimer-Krankheit zu erkranken, und dass diese Patienten dann schneller ihre geistigen Fähigkeiten verlieren.

Oder einfach bessere Ärzte?


„Man sollte allerdings nicht vergessen, dass ein höherer beruflicher Erfolg im Regelfall auch mit einem besseren sozialen und ökonomischen Status einhergeht“, gibt Fink zu bedenken. Der Schutzeffekt könnte also auch darauf beruhen, dass beruflich erfolgreiche Menschen meist auch wirtschaftlich besser gestellt sind, sich damit bessere Ärzte und einen gesünderen Lebensstil leisten können und mehr Unterstützung durch ihr soziales Umfeld erfahren.

Darüber hinaus ist die Aussagekraft der aktuellen Studie durch die relativ kleine Zahl an Fällen eingeschränkt. Deshalb, so Fink, müssten weitere Studien den Zusammenhang belegen. Trotzdem habe die Studie von Massimo und Kollegen Einfluss auf die Beratung von Patienten und Angehörigen: „In jedem Fall sollte nicht nur das erreichte Bildungsniveau, sondern auch die berufliche Betätigung als relevanter Faktor zur Beurteilung des individuellen Krankheitsverlaufs, der Prognose und des Behandlungserfolgs herangezogen werden“, empfiehlt Fink seinen Kollegen. ( Neurology, 2015)
(Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 19.05.2015 - NPO)
 
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