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Dienstag, 06.12.2016
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Vokabeln lernen mit allen Sinnen

Unterstützt durch Gesten und Bilder merkt sich das Gehirn neue Begriffe besonders gut

Gestikulieren statt Vokabeln pauken: Wörter einer fremden Sprache lassen sich leichter merken, wenn man sie zusätzlich zum Hören mit einer Geste ausdrückt. Dies bestätigt ein Experiment, bei dem Probanden eine Kunstsprache lernen sollten. Lernen fällt unserem Gehirn demnach leichter, wenn es ein Wort mit unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen verknüpfen kann – und besonders effektiv scheint dabei die Bewegung zu sein, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".
Vokabeln allein anhand langer Wörterlisten zu lernen ist schwierig - zusätzliche Sinneseindrücke helfen dabei.

Vokabeln allein anhand langer Wörterlisten zu lernen ist schwierig - zusätzliche Sinneseindrücke helfen dabei.

Vokabeln lernen ist für die meisten Schüler eine grauenhafte Aufgabe: Lange Listen von unbekannten Wörtern auswendig zu lernen und mit Übersetzungen zu verknüpfen, ist beim Lernen einer Sprache sicher die unangenehmste Arbeit. Um diese Qual zu erleichtern, hat es sich in vielen Schulen und Sprachkursen durchgesetzt, Vokabeln nicht nur als Wort, sondern auch als Bild darzustellen. Dadurch lassen sie sich leichter lernen. Hinter diesem Phänomen steckt das sogenannte multisensorische Lernen: Nach dieser Theorie lernt das Gehirn besser, wenn mehrere Sinne parallel angesprochen werden.

"Atesi" heißt "Gedanke"


Katja Mayer und ihre Kollegen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben die Grundlagen des multisensorischen Lernens genauer untersucht. Dazu verwendeten sie eine Kunstsprache namens Vimmi, die sie eigens für wissenschaftliche Zwecke entwickelt haben. Vimmi verwendet ähnliche Lautregeln wie das italienische. "Atesi" beispielsweise bedeutet "Gedanke". Da die Kunstsprache allen Studienteilnehmern unbekannt war, konnten die Forscher sicherstellen, dass niemand bereits einen Lernvorsprung hatte.

Die jungen Frauen und Männer, die an der Studie teilnahmen, sollten sich nun eine Woche lang die Bedeutung von abstrakten und konkreten Vimmi-Substantiven einprägen. Dabei benutzten sie unterschiedliche Hilfsmethoden: Im ersten Experiment sahen die Probanden ein zum Wort passendes Bild oder eine Geste, während sie die Vokabel hörten. Im zweiten Experiment malten sie das entsprechende Wort symbolisch in der Luft nach oder drückten es mit einer Geste aus. Die Forscher überprüften dann zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach der Lernphase, ob sich die Studienteilnehmer noch an den Begriff erinnern konnten.


Gehirnaktivität spiegelt Lernmethode wider


Die Ergebnisse bestätigten zunächst den Effekt des multisensorischen Lernens: "Am besten konnten sich die Probanden an einen zu lernenden Begriff erinnern, wenn sie ihn selbst mit Gesten ausdrückten", erklärt Mayer. "Hörten sie den Begriff und seine Übersetzung und sahen zusätzlich ein Bild davon, konnten sie sich die Übersetzung ebenfalls besser merken."

Ein Bild erleichtert das Lernen: Unser Gehirn prägt sich die Worte für "Fahrrad" und "Gedanke" in einer fremden Sprache leichter ein, wenn es zusätzlich mit den entsprechenden Bildern konfrontiert wird.

Ein Bild erleichtert das Lernen: Unser Gehirn prägt sich die Worte für "Fahrrad" und "Gedanke" in einer fremden Sprache leichter ein, wenn es zusätzlich mit den entsprechenden Bildern konfrontiert wird.

Die Art und Weise, wie ein Begriff gelernt wurde, spiegelte sich sogar in der Aktivität des Gehirns wider. Wenn ein Proband nach der Lernphase einen mit Gesten gelernten Begriff übersetzte, waren unter anderem auch Hirnregionen des Bewegungssystems aktiv. Bei Wörtern, die mit Hilfe von Bildern gelernt worden waren, sprangen hingegen zusätzlich Bereiche des Sehsystems an.

Lernen mit allen Sinnen


Das Gehirn lernt demnach leichter fremde Worte, wenn es Informationen aus unterschiedlichen Sinnesorganen miteinander verknüpfen kann. Möglicherweise verstärken sich diese Assoziationen gegenseitig und der Originalbegriff und seine Übersetzung prägen sich stärker ein. "Wenn wir beispielsweise einen zu lernenden Begriff mit einer Geste nachstellen, schaffen wir zusätzlichen Input, der dem Gehirn das Lernen erleichtert", sagt Studienleiterin Katharina von Kriegstein.

Weniger effektiv scheint dagegen das Zeichnen eines Begriffs zu sein. Obwohl die Probanden auch hier aktiv wurden und sich bewegten, konnten die Forscher dabei keinen gesteigerten Lernerfolg gegen über dem bloßen Hören feststellen. Ähnlich wenig brachte das bloße Betrachten einer Geste.

Gesichter, Riechen und Gefühle


Nicht nur Vokabellernen funktioniert nach dem multisensorischen Prinzip. Multisensorischer Input erleichtert anderen Studien zufolge auch das Erkennen von Worten in der eigenen Sprache. "Telefonieren wir beispielsweise mit einer bekannten Person, sind die für die Gesichtserkennung zuständigen Gehirnregionen während des Telefonats aktiv", erklärt von Kriegstein. Das Gehirn simuliere dann offenbar die die fehlenden Informationen, wenn am Telefon das zugehörige Gesicht nicht zu sehen ist.

Doch nicht nur Sehen und Bewegen, auch Schmecken, Riechen und selbst Gefühle spielen beim Lernen eine wichtige Rolle. Doch funktioniert das multisensorische Lernen nach dem Motto: Je mehr Sinne, desto besser? "Wahrscheinlich ja, wie stark sich der Lernerfolg aber durch mehrere Sinne steigern lässt, wissen wir nicht", sagt von Kriegstein. Ideal sei aber eine passende Kombination der einzelnen Sinneseindrücke: "Wer also zum Beispiel das spanische Wort für Apfel lernen will, sollte eine Apfel-Geste machen, einen Apfel schmecken oder ein Apfelbild betrachten." (Current Biology, 2015; doi: 10.1016/j.cub.2014.11.068)
(Max-Planck-Gesellschaft, 06.02.2015 - AKR)
 
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