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Dienstag, 27.09.2016
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Schriftrolle aus Herculaneum entziffert

Neue Röntgenmethode ermöglicht das Lesen von nicht entrollbaren, antiken Papyri

Das Unlesbare lesbar gemacht: Forscher haben erstmals den Inhalt eines Papyrus aus Herculaneum entziffert - ohne ihn entrollen zu müssen. Mit Hilfe einer Röntgenmethode gelang es, Buchstaben und Wörter aus dem Inneren der Rolle lesbar zu machen. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, die zahlreichen beim Ausbruch des Vesuv verkohlten Schriftrollen zu entziffern.
Die Schriftrolle Herc.Paris.4 aus Herculaneum galt bisher als unlesbar

Die Schriftrolle Herc.Paris.4 aus Herculaneum galt bisher als unlesbar

Als der Vesuv im Jahr 79 nach Christus ausbrach, begrub er die Städte Pompeji und Herculaneum unter meterdicken Aschenschichten. In Herculaneum wurde damals auch eine ganze Bibliothek mit hunderten Papyrusdokumenten verschüttet. "Diese reiche Sammlung, die vorwiegend philosophische Texten der Epikureer enthält, ist ein einzigartiger Kulturschatz", erklären Vito Mocella von der Universität Neapel und seine Kollegen. "Denn es ist die einzige Bibliothek, die zusammen mit ihren Büchern erhalten blieb."

Entrollen unmöglich


Die Entzifferung der Papyri aber ist ein Problem: Viele der Rollen sind verkohlt und so zusammengepresst, dass sie sich nicht entrollen lassen, ohne zu zerfallen. Hinzu kommt, dass die antiken Schreiber eine auf Ruß basierende Tinte benutzten. Damit aber bestehen die verkohlten Papyri und ihre Beschriftung aus fast dem gleichen Material und absorbieren Röntgenstrahlung auf die gleiche Weise.

Zu stark verkohlt um entrollt zu werden: der Papyrus aus Herculaneum

Zu stark verkohlt um entrollt zu werden: der Papyrus aus Herculaneum

Die Forscher haben nun jedoch eine neue Methode ausprobiert, die Röntgen-Phasenkontrast-Tomografie (XPCT). Sie nutzt nicht Unterschiede in der Absorption der Strahlung, um Kontraste zu erzeugen. Stattdessen werden kohärente – im Gleichtakt schwingende – Röntgenstrahlen auf die Probe gestrahlt. Weil die rußige Tinte beim Schreiben nicht in den Papyrus eindrang, sondern als leicht erhabene Schicht eintrocknete, reflektieren und brechen die Buchstaben das Röntgenlicht etwas anders als der Papyrus. Dieser Unterschied erzeugt in den wiederaufgefangenen Strahlen eine Phasenverschiebung, die ausgewertet und als Kontrast dargestellt werden kann.


Buchstaben aus dem Inneren der Rolle


Um zu testen, wie gut dies gelingt, unterzogen die Forscher zwei Proben der Papyri aus Herculaneum dieser Analyse. Eine der Rollen wurde bereits zuvor in Fragmente zerlegt und entrollt, die andere ist zu deformiert, um sie gefahrlos entrollen zu können. Die neue Methode machte nun das bisher Unmögliche möglich: Mit Hilfe der Röntgen-Phasenkontrast-Tomografie gelang es Mocella und seinen Kollegen, Teile des Textes im noch unentrollten Papyrus zu entziffern.

Sichtbar gemachte griechische Buchstaben, oben das Wort PIPTOIE, unten EIPOI

Sichtbar gemachte griechische Buchstaben, oben das Wort PIPTOIE, unten EIPOI

Sie konnten einzelne griechische Buchstaben sichtbar machen und anhand von Ähnlichkeiten der Schrift mit der auf dem bereits entrollten Papyrus auf Herkunft und Autor des Textes schließen. Demnach stammt der Text vermutlich aus der Feder des epikureischen Philosophen Philodemus, der ihn zwischen 25 und 50 nach Christus schrieb.

Neue Chancen auch für andere Schriftrollen


"Dieses Ergebnis eröffnet ganz neue Aussichten nicht nur für die vielen bereits entdeckten noch ungeöffneten Papyri, sondern auch für andere, die möglicherweise noch in Herculaneum gefunden werden", konstatieren die Forscher. Wie sie betonen, war ihre Methode noch nicht auf einen optimalen Phasenkontrast optimiert.

Durch weitere Anpassungen der Technik könnte sich daher der Kontrast noch verstärken lassen, so dass noch mehr Details entziffert werden können. "Das weckt die Hoffnung, dass in Zukunft noch viele der philosophischen Werke aus der Bibliothek von Herculaneum entziffert werden können, ohne die unersetzlichen Papyri zu beschädigen", so Mocella und seine Kollegen. (Nature Communications, 2015; doi: 10.1038/ncomms6895)
(Nature, 21.01.2015 - NPO)
 
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